Raketen gegen Ghaddafi: Wird Dreinschlagen jetzt zur Doktrin?

Von Theo Sommer

Die Schüsse in der Großen Syrte sind verhallt, die drei Flugzeugträgergruppen der amerikanischen Sechsten Flotte haben sich wieder hinter den Horizont zurückgezogen, Libyens hochfahrender Herrscher Muammar al-Ghaddafi hat einen blutigen Denkzettel erhalten. Ist die Sache damit erledigt?

Dreierlei spricht dagegen. Zum einen haben Ursachen in der arabischen Welt selten die Wirkungen, die westliche Logik erwartet. Zum anderen ist das Reizthema Libyen aus den europäisch-amerikanischen Beziehungen keineswegs verschwunden. Schließlich aber hat es ganz den Anschein, als werde das Flottenmanöver vor Libyens Küste nicht Episode bleiben. Es bekräftigt Ronald Reagans Willen, militärische Macht einzusetzen – zumindest begrenzt.

Ghaddafi hat eine tiefe Demütigung erfahren, gewiß. Doch haben sich selbst gemäßigte arabische Führer genötigt gesehen, den großspurigen Obristen in Tripolis ihrer Solidarität zu versichern. Sie mögen ihn hassen, weil er Komplotte gegen sie schmiedet, sie mögen ihm auch die militärische Schlappe gönnen – aber sie können ihm, der Amerika die Stirn geboten hat, nicht öffentlich die Gefolgschaft verweigern. Den Freunden der Vereinigten Staaten wird das Leben erschwert. Und Ghaddafi bleibt am Ruder. Nichts deutet darauf hin, daß er sein Verhalten mäßigen oder dem Instrument des Terrors abschwören wird.

Diese Erwägungen liegen auch der europäischen Skepsis gegenüber der amerikanischen Aktion zugrunde. Zumal die Italiener und Griechen haben aus ihren Bedenken gegenüber Außenminister Shultz bei dessen vorösterlicher Mittelmeerreise kein Hehl gemacht. Hinzu kommen starke Zweifel, ob Ghaddafi tatsächlich hinter den beiden Bombenanschlägen stand, die Ende Dezember auf den Flughäfen von Wien und Rom zwanzig Menschen das Leben kosteten. Wohl besteht kein Streit darüber, daß sich die Amerikaner absolut im Recht befanden, als sie ihre Armada in die Große Syrte einlaufen ließen. Aber es war seit Wochen klar, daß Reagan es auf einen Zusammenstoß geradezu anlegte. Er pochte auf die völkerrechtlich verbriefte freie Durchfahrt, um Ghaddafi zu einer Reaktion herauszufordern, die dann den lange ersehnten Gegenschlag erlaubte.

Einige Fragen bleiben offen. Hatten die libyschen Schnellboote, die sich dem US-Flottenverband näherten, eigentlich feindselige Handlungen begangen, ehe sie in vierzig Seemeilen Entfernung versenkt wurden? Waren die Sowjets unterderhand benachrichtigt worden, daß ein Angriff auf die von ihnen gelieferten Flugabwehrraketen bei der Stadt Syrte bevorstand – aufgefordert auch, dort postiertes russisches Ausbildungspersonal abzuziehen? Bestand irgendein Zusammenhang mit dem Eindringen zweier amerikanischer Kriegsschiffe in sowjetische Hoheitsgewässer zwei Wochen zuvor, als sich ein Kreuzer und ein Zerstörer der Küste der Krim bis auf sechs Seemeilen näherten?