Von Johannes von Dohnanyi

Rom, im April

Es besteht kein Anlaß zur Panik, wollte der Sprecher der italienischen Luftwaffe die Fernsehzuschauer beruhigen. Doch die Vorstellung von drei gefechtsklaren Flugzeugträgern der US-Navy vor der libyschen Küste hatte das Blut des Berufsoffiziers offensichtlich in Wallung gebracht. Während libysche SAM 5-Raketen sowjetischer Herkunft wirkungslos in die Große Syrte fielen und amerikanische Harpoon-Geschosse das erste Patrouillenschiff Ghaddafis versenkten, erklärte der Militär in die Kameras: Die Italiener hätten "keinen Grund zum Orgasmus".

Berauschende Glücksgefühle sind in Italien während der zweitägigen Mittelmeerkrise in der vergangenen Woche wirklich nicht aufgekommen. Zwar verzichtete selbst die kommunistische Basis auf jede Form antiamerikanischer Kundgebungen. Doch "Italien wünscht keine Kriege vor der eigenen Haustür", meinte Ministerpräsident Bettino Craxi vor dem Parlament. Rom will verhindern, daß das Mittelmeer zum amerikanischen Hinterhof der späten 80er Jahre wird. Die süditalienischen Nato-Basen stünden für einen Schlagabtausch zwischen Ronald Reagan und Muammar al-Ghaddafi nicht zur Verfügung, teilte der Regierungschef dem amerikanischen Botschafter Maxwell Rabb in einer Botschaft an den Präsidenten mit. Darüber hinaus hege die italienische Regierung erhebliche Zweifel an der Methode, internationale Rechtsnormen mit Waffengewalt durchsetzen zu wollen. Außenminister Giulio Andreotti verkürzte das Leitmotiv italienischer Mittelmeerpolitik auf die griffige Formel: "Reden ist besser als schießen."

Nach der Einschätzung Washingtons indessen wird in Tripolis eine andere Sprache als die der Härte und Entschlossenheit nicht verstanden. Die Hoffnung, die von Ghaddafi zum libyschen Territorialgewässer erklärte Große Syrte durch einen Richterspruch aus Den Haag den freien Weltmeeren wieder angliedern zu können, wird im Weißen Haus nur von wenigen geteilt. Die Vereinigten Staaten hätten sich im Namen der freien Welt für ein Grundrecht eingesetzt, erklärte der amerikanische Präsident. Nach Jahren der Zurückhaltung, so schien es, wollte die westliche Führungsmacht erneut als Weltpolizist auftreten.

Doch ist in den meisten Anrainerstaaten des Mittelmeers diese Rolle des Oberaufpassers unerwünscht, noch mehr, was sich hinter der amerikanischen Flottenkonzentration in der Großen Syrte verbirgt. Allzu deutlich war nämlich die Absicht Washingtons, den großsprecherischen Ghaddafi zu einer unbedachten Reaktion zu provozieren, die dann einen massiven Vergeltungsschlag gerechtfertigt hätte. Henry Kissinger lieferte den Schlüssel für das Manöver der 6. US-Flotte vor Ghaddafis Haustür, das vierte bereits seit Jahresbeginn. Amerika, so sagte der ehemalige Außenminister, hätte sich im Kampf gegen den internationalen Terrorismus von seinen südeuropäischen Verbündeten alleingelassen gefühlt. Jetzt dürfe sich keiner darüber empören, wenn Präsident Reagan die Initiative ergriffen habe, um das libysche Regime in die Schranken zu weisen.

Seit Jahren schon wird Libyen von Washington öffentlich verdächtigt, ein Zentrum des internationalen Terrorismus zu sein. Mehr als einmal sind Emissäre des Weißen Hauses bei den westlichen Verbündeten mit Beweismaterial der CIA vorstellig geworden, das die persönliche Verwicklung Muammar al-Ghaddafis bei Attentaten der jüngsten Zeit dokumentieren sollte. Angst vor Reaktionen des unberechenbaren Beduinensohns, aber auch wirtschaftliche Interessen haben bislang ein gemeinsames Vorgehen vereitelt. Washington ließ dieses Zögern durchgehen, solange dadurch nicht amerikanische Interessen berührt oder US-Bürger direkt gefährdet wurden.

Die Entführung des italienischen Luxusliners "Achille Lauro" und die Ermordung des jüdischamerikanischen Passagiers Leon Klinghoffer brachte dann das Faß fast zum Überlaufen. Noch während sich die italienische Regierung mit dem ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak dazu beglückwünschte, die spektakuläre Geiselnahme ohne größeres Blutvergießen beendet zu haben, glaubten amerikanische Geheimdienste ausreichende Beweise dafür zu haben, daß hinter der Hijackergruppe des palästinensischen Extremisten Abu Abbas niemand anders als Ghaddafi gestanden habe. Das Gefühl der weltweiten Isolation im Kampf gegen das Böse muß in Washington besonders groß gewesen sein, als die Italiener dem von amerikanischen Jagdflugzeugen gemeinsam mit seinem Terrorkommando nach Sizilien entführten Abu Abbas die freie Ausreise nach Jugoslawien erlaubten. Endgültig war es dann mit der amerikanischen Geduld vorbei, als Palästinenser kurz vor Weihnachten die Flughäfen von Rom und Wien überfielen.

"That’s for Natasha, you bastards", dröhnte die Stimme des Piloten der "Corsair" durch den Äther, als er über dem ersten in Brand geschossenen libyschen Schiff seine Maschine steil in den Himmel zog. Der weiße Sarg der elfjährigen amerikanischen Journalistentochter Natasha Simpson war seit dem Anschlag auf den Flughafen Fiumicino zu einem Symbol der Rache geworden. Wie schon bei der Entführung der ägyptischen Boeing mit Abu Abbas an Bord war es auch bei den Scharmützeln in der Großen Syrte der Flugzeugträger "Saratoga", von dem aus die Kampfflugzeuge aufstiegen. Angeblich sollen sich die Piloten der auf der "Saratoga" stationierten Düsenjäger den als Ehrentitel gedachten Spitznamen Terrorist Büsten (Terroristen-Knacker) gegeben haben.

Natürlich hätte keiner von ihnen gerne auf die Libyer geschossen, erklärte einer von ihnen nach dem Manöver während einer Pressekonferenz. "Schließlich sind das auch Menschen." Aber, bestätigte Vizeadmiral Frank Kelso noch einmal die offizielle Version Washingtons, "die 6. Flotte ist grundlos angegriffen worden. Wir haben uns nur verteidigt."

Daß die Gefechte auf dem 32,5. Breitengrad der US-Navy die Chance boten, unter realen Verhältnissen neue Waffensysteme wie Harpoon-Raketen und elektronische Verteidigungsanlagen zu testen, wurde von amerikanischen Militärs ebenso heruntergespielt wie die willkommene Gelegenheit eines Direktvergleiches mit Waffen sowjetischer Produktion. Absichtlich, so ein Sprecher der 6. Flotte, seien die Luftangriffe nur auf die Radaraugen und nicht auf die Bunker der libyschen Raketenstellungen gerichtet gewesen: "Die explodierenden Raketen hätten Opfer unter dem sowjetischen Bedienungspersonal fordern können."

Seit amerikanische Militärstrategen im letzten Jahr damit begonnen hatten, verschiedene Varianten der vom Weißen Haus in Auftrag gegebenen Strafaktion gegen Ghaddafi auszuarbeiten, waren sie davon ausgegangen, daß sich Moskau bei seiner Gegenreaktion auf blasse Rhetorik beschränken werde. Und tatsächlich: Die sowjetische Mittelmeerflotte, die vom Kreml erst kürzlich verstärkt nach Tripolis entsandt worden war, hielt sich zurück. Die Sowjets schauten nur interessiert zu. Geradezu festlich beleuchtet und für Pilotenaugen gut zu erkennen, lag im Hafen von Tripolis ein Atom-U-Boot der Roten Flotte.

Auf den italienischen Flughäfen und vor öffentlichen Gebäuden, vor allem aber bei diplomatischen und militärischen Einrichtungen der Vereinigten Staaten, sind seit den Raketengefechten über der Großen Syrte die Sicherheitsmaßnahmen erheblich verstärkt worden. Auch wenn nach außen hin Gelassenheit zur Schau getragen wird – so meinte ein Mitarbeiter der US-Botschaft in Rom lakonisch: "Wo gehobelt wird, da fallen schon mal Späne" –, fürchten Washington und seine Verbündeten doch nichts so sehr wie die Möglichkeit einer neuen, von Libyen inspirierten Terrorwelle. Eine direkte militärische Konfrontation werde Ghaddafi kaum wagen, meinte ein italienischer Geheimdienstbeamter. "Aber gegen Bomben oder Selbstmordkommandos gibt es kaum Abwehrmöglichkeiten." Und ein arabischer Diplomat ergänzte: Was Präsident Reagan als Demonstration der Stärke in der Großen Syrte inszeniert habe, drohe zum Bumerang zu werden. "Ghaddafi hat es geschickt verstanden, den vorzeitigen Abbruch der Flottenmanöver im Lager der arabischen Extremisten als Sieg über Amerika zu verkaufen. Der internationale Terror könnte neuen Auftrieb erhalten."

Sollte diese Analyse zutreffen, müßten sich zumindest die südeuropäischen Mittelmeerländer auf einiges gefaßt machen. Schließlich lief der Aufmarsch der 6.US-Flotte vor der libyschen Küste unter dem Kodenamen "Steppenbrand".