Eine Handvoll international oder national vermarkteter Künstler beherrscht Szene und Geschmack. Zu Beginn der siebziger Jahre fiel das Bilderbuch in die Hände der Vor- und Grundschulpädagogen, deren Bewertungsraster sich seitdem gnadenlos an Text, Didaktik und "Aussage" ausrichtet und dabei künstlerische Aspekte vernachlässigt. Verlage beklagen den Mangel an neuen Talenten und wollen nicht wahrhaben, daß ihre Produktionsbedingungen keineswegs nachwuchsfördernd wirken.

Um so erfreulicher, daß nun eine Reihe junger Künstler mit ihrem ersten Bilderbuch alle Kassandra-Rufe widerlegt.

"Im Jahre 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen ..." 701 Jahre später ist aus der Rattenfänger-Sage Forschungsobjekt und Touristik-Attraktion geworden. Einem Bilderbuch gelingt es zum ersten Mal, die Brücke zwischen Erkenntnis und Vermutung, zwischen Sagentext, Gruseln und Fakten zu schlagen –

Gudrun Cohnen-Nussbaum: "Der Rattenfänger von Hameln"; Weserland-Verlag, Holzminden; 20 ungez. S., 18,– DM.

Auf je zwei Seiten sind Hunderte alter Flöten und Schlaginstrumente aus vielen Kulturen rhythmisch geordnet. Dazwischen vermitteln Mühlengerätschaften, mittelalterliche Gebäude Hamelns, Brote, Interieurs einstiger Handwerksstuben, Körbe in vielen Formen – alles übersät mit den unterschiedlichsten Mäuse- und Rattenarten – einen Eindruck vom historischen Ambiente der Sage. In zweierlei Gestalt tritt der Rattenfänger auf: Als mittelalterlicher Spielmann und im Schamanenkostüm ist er gleichzeitig Museumsstück und unheimlicher Verführer.

Hamelns nach der Sage "verlorene" 130 Kinder erscheinen als bunter Reigen in Kostümen aller Zeiten, beschäftigt mit Bräuchen und Spielen des europäischen Kulturkreises – auch Siebenbürgens, wohin der Rattenfänger sie gebracht haben soll. In Freilicht-Museen, Sammlungen, auf Bauernhöfen, in Mühlen, Handwebereien und Bäckereien fand Gudrun Cohnen-Nussbaum die Vorlagen für ihre Bleistift-Zeichnungen. Davon getrennt wird der Sagentext (nach der Fassung der Brüder Grimm) in gotischer Schmuckschrift und gedruckt in fünf Sprachen wiedergegeben.

Die Wirkung ist verblüffend. Der Betrachter, dessen Vorstellungskraft die Verbindung zwischen den Attributen und dem Hergang der Sage herstellen muß, wird in das unheimliche Geschehen hineingezogen und schafft sich so seine eigene Wahrheit.