Schweigend marschierten rund 30 Kinder mit ihren Müttern von der Leibnizstraße in Herne-Horsthausen zum Rathaus im Stadtzentrum. „Ich möchte gesund bleiben“ oder „Meine Wiese wächst auf Gift“ stand auf Plakaten, die den Kindern umgehängt wurden. Die Bewohner von rund 30 Neubauten in der Vorortsiedlung im Ruhrgebiet sind beunruhigt, seit letzte Woche bekannt wurde, daß ihre Häuser auf verseuchtem Grund gebaut wurden. Ein Hygiene-Institut in Gelsenkirchen ermittelte auf dem Gelände das zu den polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen zählende giftige Benzpyren, ein typisches Kokerei-Abfallprodukt.

In einem Gutachten zu dem Umweltskandal in Dortmund-Dorstfeld, wo 216 Häuser auf Gift gebaut wurden, empfahl vor einiger Zeit Professor Hans-Werner Schlipköter, Direktor des medizinischen Instituts für Umwelthygiene in Düsseldorf, bei Benzpyren-Konzentrationen von mehr als 0,5 Milligramm je Kilogramm Erdreich den Boden vollständig auszutauschen. In Herne wurden nun Konzentrationen von bis zu 60 Milligramm festgestellt.

Wie in Dortmund-Dorstfeld, dem bislang größten Altlasten-Fall im Ruhrgebiet, kam auch in Herne die Vergangenheit nur scheibchenweise ans Tageslicht. Bis 1982, als mit dem Bau der ersten Häuser an der Leibnizstraße begonnen wurde, verließen sich die Siedler auf die Richtigkeit dessen, was ihnen die Stadt versichert hatte: Von dem Boden gehe keinerlei Gefahr aus. Erst als 1984 beim Aushub einer Baugrube bläulich-schwarzer, übelriechender Schlamm zutage gefördert wurde, so Hernes Ordnungsamtsleiter Werner Schuchna heute, erfuhren seine Beamten nach einigen Nachforschungen, daß hier von 1867 bis 1928 eine Kokerei mit Benzolfabrik gestanden habe. Das Baugelände wurde daraufhin nach einschlägigen Kokerei-Rückständen wie Benzol, Phenol und Toluol untersucht und an den entsprechenden Stellen abgetragen.

Auf Anregung von Professor Schlipköter und sensibilisiert durch die Benpyren-Funde im nahen Dortmund ließ die Stadt Herne Anfang dieses Jahres den Boden erneut untersuchen, diesmal nach Kohlenwasserstoffen. Aufgrund der dabei ermittelten großen Mengen des krebserregenden Benzpyrens legte das Gesundheitsamt den Bewohnern nahe, jeglichen „Hautkontakt“ mit dem Boden zu vermeiden. Die noch unbebauten Grundstücke werden provisorisch eingezäunt. Für die Kinder aus der Siedlung wird rasch ein Ersatz-Spielplatz errichtet.

Anders als in Dortmund, wo die Siedler lange Zeit auf taube Ohren gestoßen waren, wollen die Verantwortlichen in Herne offenbar rasch handeln. Möglichst nächste Woche schon soll ein Sanierungsgutachten vorliegen, und so bald wie möglich wird nach den Plänen der städtischen Beamten der vergiftete Boden gegen saubere Erde ausgetauscht. Bis dahin darf sich in Horsthausen niemand auf den Erdboden werfen.

Roland Kirbach (Essen)