Von Heinz-Günter Kemmer

Wer ein wenig Sinn für Tradition hat, muß eigentlich Trauer empfinden: Der älteste Montan-Konzern der Bundesrepublik, die Gutehoffnungshütte (GHH) in Oberhausen, verlegt nicht nur seinen Sitz nach München, er legt auch seinen Namen ab. Nach Zustimmung der GHH-Hauptversammlung an diesem Donnerstag wird die Konzernspitze MAN AG firmieren, die alte Firmenbezeichnung findet sich nur noch als Anhängsel bei der Tochtergesellschaft MAN Gutehoffnungshütte GmbH.

Dennoch wehen an der Ruhr keine schwarzen Fahnen. Mit an Fatalismus grenzendem Gleichmut wird das Ereignis hingenommen;, der Tod einer Zeche mit 3000 Beschäftigten würde mit Sicherheit mehr Unruhe auslösen.

Aber diese Ruhe ist durchaus verständlich – es ändert sich ja nicht viel. Was die GHH im Revier heute noch ausmacht – die Werkstätten im Oberhausener Ortsteil Sterkrade –, das bleibt ja alles. Selbst die rund hundert Arbeitsplätze der Hauptverwaltung werden nicht samt und sonders nach München verlegt. Rund ein Viertel wird vielmehr als „Konzernbüro Nord“ in Oberhausen bleiben; alle übrigen Mitarbeiter haben ein Umzugsangebot in der Tasche, und rund fünfzig von ihnen gehen an die Isar.

In Wahrheit hat die Demontage der GHH sehr viel früher begonnen. Damals mußte der Konzern im Zuge der Entflechtung seinen Stahl- und Kohlebesitz ausgliedern – es entstanden die Hüttenwerk Oberhausen AG (HOAG) und die Bergbau AG Neue Hoffnung. Damit war die GHH kein Montankonzern mehr, sondern ein Maschinenbauunternehmen – und dies auch noch mit dem Schwerpunkt in Süddeutschland.

Begonnen hatte alles 1758, als die St. Antony-Hütte im heutigen Oberhausener Ortsteil Osterfeld ihren Betrieb aufnahm. Diese Hütte gilt als Wiege der Montanindustrie. 1782 wurde in Sterkrade die Hütte Gute Hoffnung gegründet; hier taucht der spätere Firmenname zum ersten Male auf. 1791 folgte die Hütte Neu Essen. Das Eigentum an diesen drei Hütten landete schließlich bei den Familien Haniel, Huyssen und Jacobi, die 1808 die „Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel & Huyssen“ gründeten – die Rechtsvorgängerin der 1873 auftauchenden „Gutehoffnungshütte, Actienverein für Bergbau und Hüttenbetriebe“.

Die starke Figur jener Gründerjahre war der Händler und Reeder Franz Haniel, der an der Hüttengewerkschaft mit einem Viertel beteiligt war. Er blieb von dem Erosionsprozeß, dem der Familienbesitz bei der GHH bis in die jüngste Zeit unterworfen war, noch verschont. Aber die ebenfalls 25 Prozent ausmachenden Anteile der Mitgründer Gottlob Jacobi und Gerhard Haniel fielen nach dem Tode auseinander.