Vögel, die Körner fressen oder Fliegen, Raupen und anderes Ungeziefer, gelten als nützlich. Überdies sind die meisten von ihnen auch noch hübsch anzusehen und mit ihren Trillern und melodischen Gesängen für uns der Inbedes Harmonischen in der Natur. Aber es nichts: Vom Finken über die Meisen, die Grasmücken und Rotkehlchen bis hin zur Singdrossel sind alle diese kleinen Vögel auch Beutetiere. Für den Sperber ist ein Rotkehlchen, was für Rotkehlchen Ameisen sind: Nahrungsangebot.

Noch immer ist es üblich, den Greifvögel einen Raubvogel zu nennen. Der kleinste Greifvogel in Deutschland, der am Tage auf Jagd geht, ist der Sperber. In der Regel an Waldrändern oder in dichtem Stangengehölz horstend, hat er als Jagdrevier die offene Flur. Im Winter allerdings kommt er bis in die Vorgärten am Stadtrand. Kam er, muß man eigentlich sagen, denn der Bestand an Sperbern hat sich in der Bundesrepublik in den letzten 20 Jahren um etwa 60 bis 80 Prozent verringert. Nicht die Verfolgung durch den Menschen, sondern die durch Chemikalien auf den Feldern vergiftete Nahrung ist für den Sperber, der auch Mäuse jagt, zur größten Bedrohung geworden.

Der Sperber ist sowohl Zug- als auch Strich- und Standvogel. Im Winter überwiegen bei uns die Gäste aus Nord- und Osteuropa, aber auch dort hat sich der Bestand drastisch verringert. Mit einer Flügelspanne bis zu 24 Zentimetern und einem Gewicht bis zu 300 Gramm ist das Sperberweibchen um rund ein Drittel größer als das Männchen und fast doppelt so schwer. Im Horst sind Männchen und Weibchen unschwer voneinander zu unterscheiden; sieht man sie im pfeilschnellen Beuteflug, muß man aber schon ein geübtes Auge haben, um zu erkennen, um welchen Vogel es sich handelt. Offensichtlich ist das größere Weibchen angriffslustiger und scheut, vor allem im Winter, die Nähe des Menschen weniger.

Meinen ersten Sperber erlebte ich an einem glühheißen Sommertag am Rande eines Kiefernwaldes in der Mark Brandenburg. Im Fluge schlug er einen kleinen Vogel, der gräßlich schrie, ehe er verstummte. Vermutlich war es ein Grünfink, denn von zwei Schwungfedern, die ich fand, war eine gelb. Seit vier Jahren nun ist, vom Spätherbst bis zum März, ein Sperber zu Gast in meinem Garten, wahrscheinlich ein Weibchen. An manchen Tagen macht es drei bis vier Kontrollflüge. Und wenn bis dahin an den beiden Futterhäusern, die geschützt vor dichten Fichten und vor einer Weißdornhecke stehen, reges Leben war – sobald der Sperber erspäht ist, herrscht Ruhe. Für die nächste halbe Stunde läßt sich – mit Ausnahme von Dompfaffen und Blaumeisen – am Futterplatz kein Gefiederter sehen. Meist sind es Amseln, die frühzeitig durch lautes Rufen und Scheckern warnen. Ein Buchfink, der bei Sonnenlicht gegen ein großes Fenster geflogen war, saß etwas benommen im Schnee. Ich ging hinaus, um zu sehen, ob er sich ernsthaft verletzt hatte, doch als ich mich bückte, schoß ein Sperber heran und nahm, dreißig Zentimeter entfernt von mir, den Buchfink in seine Fänge, flog etwa zehn Meter weit, setzte sich ganz kurz, offenbar, um das Vögelchen fester zu greifen – und flog davon.

Den sogenannten Rupfbaum, das ist der Platz, an dem der Sperber die Beute kröpft, habe ich bisher nicht entdecken können. Vermutlich ist er im nahen Wald. Aber an Federn, die ich von Oktober bis März in meinem Garten fand, war nachzurechnen, daß der Greifvogel etwa ein dutzendmal erfolgreich war. Buchfinken, Bergfinken, Goldammern, Dompfaffen und Grünfinken waren die Beute. Keine Meise, was darauf schließen läßt, daß sie schnell reagieren, und kein Sperling, was nicht erstaunlich ist, denn sie sind ganz seltene Gäste.

Im dritten Buch Moses wird der Sperber zu den zu verabscheuenden Vögeln gezählt. Den alten Ägyptern wiederum war er heilig. In Grabkammern hat man mumifizierte Sperber gefunden. Brehm schreibt nüchtern: „Der Sperber ist der fürchterlichste Feind aller kleinen Vögel, vom Rebhuhn bis zum Goldhähnchen scheint kein Vogel vor seinen Angriffen gesichert zu sein.“ Das ist sicherlich richtig, und wenn man liest, daß ein Sperberpärchen im Jahr bis zu tausend Kleinvögel erlegt, dann ist das auf den ersten Blick erschreckend. Eine nach sorgsamen Beobachtungen erstellte Liste nennt als Beutevögel an erster Stelle den Sperling, dann Buchfink und Singdrossel, Feldlerche, Goldammer und Kohlmeise. Das galt Mitte der siebziger Jahre für Beobachtungsgebiete in der Bundesrepublik und in der DDR. Auf der Liste finden sich fast alle Singvögel, abgestuft jeweils nach Landschaft und Artenreichtum. Fast die Hälfte der erbeuteten Tiere waren Jungvögel.

Im Winter sind in manchen Gegenden Feld- und Spitzmäuse die Hauptnahrung der Sperber. Ins Reich der Legende gehört, daß der Sperber Junghasen, Fasane oder sogar Rehkitze schlägt. Jägerlatein. Ganz selten einmal, daß der knapp 200 Gramm schwere Vogel eine um mindestens das Anderthalbfache schwerere Taube schlägt, was ja wegen der explosionsartigen Vermehrung der Tauben hierzulande durchaus wünschenswert wäre.

Im unzerstörten Haushalt der Natur hatte der Sperber seinen Platz. Heute gehört er zu den in ihrem Bestand gefährdeten Arten. Und dort, wo es ihn noch gibt, ist er ungeliebt wie eh und je, denn er macht Jagd auf alle die, die einen Garten, wenn es darin Bäume und dichte Hecken gibt, in eine „Freiland-Voliere“ verwandeln. Das stört die Harmonie. Doch nur bei sehr vordergründiger Betrachtung. Wer je einen jagenden Sperber gesehen hat, kapituliert angesichts der Eleganz und der Majestät dieses Vogels.