Uetersen/Kiel

Im schleswig-holsteinischen Uetersen (Landkreis Pinneberg) praktiziert seit Jahren Doktor Kurt Borm. Er ist 76 Jahre alt, als Kassenarzt zugelassen. Borm machte 1972 Schlagzeilen, als ihm das Landgericht Frankfurt die Beihilfe am Mord von mindestens 6652 Geisteskranken nachwies – und ihn freisprach: Er habe kein Unrechtsbewußtsein gehabt. Die Schlagzeilen wiederholten sich 1974, als der Bundesgerichtshof den Freispruch bestätigt. Am 9. April dieses Jahres war Borm wiederum vor das Frankfurter Landgericht geladen: als Zeuge im Prozeß gegen seine ärztlichen Euthanasie-Kollegen Ullrich und Bunke. Er erschien in Begleitung zweier Rechtsanwälte.

Borms Auftritt löste im vollbesetzten Zuschauerraum Fassungslosigkeit und ohnmächtige Wut aus. "Da wurden lediglich Geisteskranke eingeschläfert", sagte der Arzt, der unter anderem bei der "Leibstandarte Adolf Hitler" und bei den SS-Totenkopfverbänden eingesetzt war, ehe er in zwei Vergasungsanstalten beim Krankenmord half. Er habe nur "andächtig dabeigesessen", wenn "die Transporte abgefertigt wurden".

Vom Richtertisch wird gefragt, ob sich die Menschen gewehrt hätten? Borm: "In keinster Weise." Das seien doch völlig blöde, total niedergeführte Existenzen gewesen, die nur wirres Zeug geredet hätten. Solche Sätze schmerzen nicht nur die Nebenkläger, die zum Prozeß zugelassen sind, weil ihre Mutter in der Gaskammer erstickte. Die Zuhörer – darunter viele Behinderte und Mitarbeiter der Psychiatrie – erbost, daß die medizinisch Hingerichteten noch einmal verhöhnt werden.

Ob er sich in der Tötungsanstalt nicht Gedanken gemacht habe, wird Borm gefragt. Der Arzt, dem nach eigener Aussage die Aufgabe zukam, das Anstaltspersonal zu bearbeiten, "daß hier eine gute Idee verwirklicht werde", weiß nicht mehr, was er damals dachte und ob er überhaupt etwas dachte. Er kann sich nur noch erinnern, daß die Gaskammer die Größe von zwei Zimmern ("ringsum standen Bänke") umfaßte und daß er von 1942 an mit der Tötungsaktion nichts mehr zu tun gehabt habe. Nun: Die Gaskammer, in die man die Menschen preßte, war etwa drei mal vier Meter klein. Und Kurt Borm ist erst zum Kriegsende bei der Tötungsorganisation ausgeschieden. Borm kann den Gerichtssaal verlassen, ohne seine Aussage beeiden zu müssen. Die Strafkammer verzichtet, weil er – so die Vorsitzende Richterin – weiterhin tatverdächtig ist.

Kurt Borm behauptet, nie die Gaszufuhr betätigt zu haben. Aber er hat auf jeden Fall unter dem Decknamen "Dr. Storm" die Morde als natürliche Todesfälle beurkundet. Er ist der einzige Euthanasie-Arzt, der 1940/41 beim Massenmord half, der niemals standesrechtlich behelligt wurde. Sein Kollege Bunke praktiziert seit einigen Jahren nicht mehr. Den Kollegen Ullrich und Endruweit wurde die Approbation entzogen. Nur Borm darf noch praktizieren.

Vielleicht ist dies nur in Schleswig-Holstein möglich, wo NS-Mediziner in der Vergangenheit öfters schon auf Nachsicht bauen konnten. Traurig-berühmt wurde der Fall des medizinischen Leiters der Massenmorde, Professor Werner Heyde: Heyde, der in Flensburg ein Eigenheim erworben hatte, konnte neun Jahre lang – bis 1959 – unter falschem Namen arbeiten. Als "Dr. Sawade" wurde er der meistbeschäftigte Gutachter im Lande (unter anderem für die Landesversicherungsanstalt, für Versorgungsämter, Berufsgenossenschaften und die Staatsanwaltschaft). Hohe Juristen (darunter der Präsident des Landessozialgerichts) und zahlreiche Mediziner (darunter viele Ordinarien) wußten, daß Sawade der "Irrentöter" Heyde war. Sie schwiegen und schanzten ihm sogar lukrative Aufträge zu.