Von Paulo Zsoldos

Richter Bernd Suermann hält Akteneinsicht. Da er, wie weitere 80 Amtskollegen auch, blind ist, läßt er sich die für seine Rechtsprechung relevanten Präzedenzfälle vorlesen.

Ein tragbarer Personalcomputer, per Modem an das Telephon angeschlossen, verschafft ihm direkten Anschluß an die rechnergestützte Datenbank „Juris“. Sobald er sich dort eingewählt hat, überspielt er die gewünschten Urteilstexte direkt in seinen Microcomputer. Der Hauscomputer, mit zusätzlichem Sprach-Chip bestückt und auf Kommando „Audio“ programmiert, liest Suermann die Texte laut und deutlich vor.

TASO, ein Verfahren für „Taktil-Akustische Seiten-Orientierung“, wird in einen marktgängigen „PC“ eingebaut: mittels zwei in der Tastatur montierten Schiebern orientiert sich ein Blinder mit akustischen Signalen im Textfeld. Eine wechselnde Folge von Pieps-, Brumm- und Knacktönen signalisiert, wo Wörter, wo Leerzeichen, wo neue Absätze im Text vorkommen. Ein Knopfdruck bringt den Personal Computer zum Vorlesen – etwas mo-no-ton und mit deut-lich a-mähri-ka-ni-schem Akzent, aber nach kürzer Eingewöhnung klar verständlich.

Mit dem TASO-,,Hörschirm“ kann man auch buchstabieren – etwa um Tippfehler zu bereinigen – und sogar Tabellenwerke mit Zahlenspalten problemlos abhören und bearbeiten. Sehbehinderte, die jeden noch vorhandenen Sehrest nutzen, können TASO mit einem Monitor für Großschrift ergänzen. Auch läßt sich der umgerüstete Computer an einen Drucker anschließen, der Texte in Braille-Punktschrift auf Papier prägt.

TASO-bestückte Personal Computer, seit knapp zwei Jahren auf dem Markt, haben schon etlichen Blinden einen direkten Einstieg in die Arbeitswelt verschafft, dem blinden Sozialarbeiter, Schreibkräften, Textverfassern, Datenbearbeitern und Programmierern.

Gewissermaßen eine Umkehrung der vollsynthetischen Sprachausgabe leisten jene Chips, die menschliche Sprache „verstehen“: diese Digital-Bausteine vergleichen am Mikrophon gesprochene Wörter mit gespeicherten Frequenz-Referenzmustern. Die damit herstellbaren „intelligenten Ohren“ machte sich Rollstuhlhersteller Hans Kempf zunutze. Tetraplegiker etwa, die durch Halswirbelbruch an Armen und Beinen gelähmt sind, oder Spastiker mit schwer kontrollierbaren Reflexen können sich neuerdings in akustisch gesteuerten Rollstühlen ohne jede fremde Hilfe bewegen.