Im Foyer des Hamburger Operettenhauses herrscht ein Gerangel und Gedränge wie beim Staatsbesuch einer königlichen Hoheit: Blitzlichter, Kamerateams, Mikrophone, teure Düfte und Haute Couture. Livrierte Mädchen zwängen sich mit Magnum-Champagnerflaschen in der Hand durch die edle Menge. Mit dem reizendsten Lächeln füllen sie die Gläser der teuren Gäste. Sofern sie nicht selber dazugehören, halten die Anwesenden angestrengt Ausschau nach Prominenz. Die schönen Unbekannten posieren und gucken, ob man sie auch bemerkt. Tout Hambourg ist erschienen. Doch die Aufregung gilt keiner Königin und keinem Präsidenten. Man hat sich für weit Niedereres fein gemacht. Denn wer heute Abend hier hofhält, sind nur ein paar Katzen aus dem Hinterhof.

Es ist Freitag, der 18. April. Seit Monaten hängt dieses Datum an jeder hanseatischen Litfaßsäule, fahren es Linienbusse spazieren und lesen es die Wartenden auf den Bahnhöfen. In einer beispiellosen Werbe-Offensive hat man auf diesen Abend hingearbeitet. Die schräggestellten Katzenaugen, deren schmale Pupillen sich bei näherem Hinsehen als die hingetuschten Figuren zweier tanzender Menschen entpuppen, kennt inzwischen jedes Kind. Das genial einfache Motiv, ergänzt nur noch um den hingekritzelten Schriftzug „Cats“ an der Stelle, wo die Katze mit den großen Augen ihre Nase haben müßte, warb schon im November vergangenen Jahres um Kredit: „Buchen Sie jetzt!“ wurden die Betrachter der Plakate aufgefordert. Und weil die Adventszeit bevorstand, drängte sich das Unternehmen auch gleich mit „Cats“-Eintrittskarten als Geschenkidee zum Fest auf.

Hamburg litt. Aber Hamburg war natürlich auch neugierig. Die Phantasie aller Enthusiasten, Skeptiker und Investoren beschäftigte sich mit einer Frage: Würde es mit dieser hoffentlich kommerziell erfolgreichen Inszenierung gelingen, das Musical auch in Deutschland auf hohem künstlerischen Niveau abseits des Subventionstheaters üblicher Art zu etablieren?

Von Anfang an war es nämlich der Ehrgeiz des Produzenten Friedrich Kurz, einem in London ansässigen deutschen Geschäftsmann, das „Cats“-Musical nach amerikanischem Vorbild privat zu finanzieren. Die einzige staatliche Unterstützung, die er und seine eigens für Cats gegründete „Stella Theater Produktions GmbH“ haben wollten, kam aus der Hand der Kultursenatorin Helga Schuchardt. Als Verwalterin des Operettenhauses an der Reeperbahn, das vor kurzem für viel Geld renoviert, dann vom Schauspielhaus während des Theaterumbaus als Ausweichquartier genutzt und schließlich vom glücklosen Freddy Quinn leergespielt wurde, kam ihr Kurz’ Ansinnen, seine „Cats“ dort zu produzieren, wie gerufen. Denn das Gebäude leer stehen zu lassen, wäre nicht nur kulturpolitisch verantwortungslos gewesen, sondern für die Instandhaltung des ungenutzten Saals hätte der Senat monatlich auch noch einen fünfstelligen Betrag ausgeben müssen. Um den „Cats“-Spielplatz für Hamburg zu sichern, überwies man nun alle vier Wochen 50 000 Mark auf das Konto der „Stella“ – nur wenig mehr, als die Pflege des Hauses in St. Pauli auch ohne Mieter gekostet hätte.

Nun begab sich der Finanzmakler Kurz, der sich auch auf seine theaterwissenschaftlichen Studien allerhand zugute hält, auf die Suche nach kapitalkräftigen und investitionsfreudigen Unternehmen. Dreißig bis vierzig Firmen mit je 300 000 Mark Kapitaleinlage sind derzeit bei „Stella“ im Geschäft, und wenn es knapp werden sollte, darf die Produktionsfirma den Anleger-Kreis jederzeit erweitern.

Glaubt man den Zusicherungen des Produzenten, so hat das Musical schon vor der Premiere 85 Prozent der Kosten wieder eingespielt: „6,5 Millionen haben wir schon in der Kasse, für weitere zwei Millionen liegen uns Vorbestellungen vor“, sagte Kurz unlängst. Mit 400 000 Cats-Gästen bei einem durchschnittlichen Eintrittspreis von 70 Mark und einer Spieldauer von sechs bis sieben Jahren rechnet er fest. Traurig macht ihn nur, daß man die riesige Nachfrage trotz Kooperation mit Kaufhausketten, Buchverlagen, der Deutschen Bundesbahn und anderen hilfreichen Großunternehmen kaum wird befriedigen können: „Der Markt ist nicht abzudecken“, seufzt der Produzent.

Tatsächlich wirkt die Gleichschaltung der Werbeinteressen der verschiedensten Firmen auf das Thema „Cats“ fast beängstigend. Die Zeiten, da die literarische Vorlage zu Andrew Lloyd Webbers Musical im Hause Suhrkamp noch „Old Possums Katzenbuch“ von T. S. Eliot hieß, sind zumindest auf den ersten Blick vorüber. Pünktlich zum Hamburger Musical-Start wurde der Band mit den skurril-liebenswerten Gedichten Eliots einfach mit einem (immer noch abnehmbaren) zweiten Schutzumschlag versehen, auf dem nun die bekannten Katzenaugen nebst dem Titel „Cats“ prangen. Auf der Rückseite empfiehlt sich das Hamburger Operettenhaus mit seiner Telephonnummer für Kartenvorbestellungen. Die Bundesbahn bietet an 7500 Bahnhöfen neben der Fahrkarte nach Hamburg jetzt auch „Cats“-Tickets feil. Doch selbst das wird erst der Anfang sein, denn „Cats“ soll nicht nur Deutschland gehören: Gegenwärtig brütet die „Stella“-Geschäftsführung darüber, wie man die Bewohner der übrigen EG-Staaten cats-mäßig motivieren könnte.