Ich bin evangelisch-lutherischer Konfession. Meine Gewissensbisse sind notorisch. Deshalb folgte ich am vergangenen Wochenende zwei Einladungen zum sozialen Engagement. Mit dem Darmstädter Staatsschauspiel bin ich hinuntergetaucht in die wilde Pilswelt unserer Stehausschänke, mit den Münchner Kammerspielen zu den Putzkolonnen. In Darmstadt wurde Ludwig Fels’ „Lieblieb“, in München Luisa Francias „Fischmaul“ uraufgeführt. Freunde, Gegner unserer Klassengesellschaft, die Musik von Bert Kaempfert im Ohr, sage ich euch: So geht’s nicht!

Luisa Francia lebt in Ambach, einem Dorf am Ufer des Starnberger Sees, das zur Talentklitsche verkommen ist. Die bayerische Kulturschickeria formuliert hier inzwischen ihre „Oh, See“-Elegien, ihre gesamte Schweinsbratenverzweiflung. An der Seite der Margarethe von Trotta, selber Gästin in Ambach, hat Luisa Francia Drehbücher geschrieben: „Schwestern“ und „Das zweite Erwachen der Christa Klages“. Jetzt hat sie uns einen Theatermonolog hingesetzt: „Fischmaul“, Litanei einer Putzfrau. Natürlich ist das nicht irgendeine Raumpflegerin. Diese hier säubert ein Museum. Um eine hölzerne Schamanenfigur herum wischt sie in einem weißen Raum von Ann Poppe! den Dreck weg, symbolisch natürlich. „Lebens-Spuren werden ausgelöscht“, steht im Programmheft. Neben dem Putzeimer steht Annamirl Bierbichler.

„Verehrtes Publikum“, schreibt Ludwig Fels in einem Vorwort zu seinem Stück „Lieblieb“, „Sie lesen Zeitung, Sie gehen ins Theater, Sie lieben Ihre Kinder ... Sie sind von einer souveränen Kondition! Was dort, vor Ihren Augen, Revue passiert, das geschieht in Wahrheit hinter Ihrem Rücken.“ Er meint das Bühnengeschehen, das vom gesellschaftlichen Souterrain erzählt. Der Abend beginnt mit einer Unterstellung.

Zwei Frauen treten auf, Hilde und Rosina. Nennen wir sie: Hilde Wunderbar und Rosina Kaputt. Hilde ist nur noch ein Geist, weil sie schon gestorben ist, Rosina lebt noch und kommt gerade aus der Psychiatrie. Eine famose Liebesgeschichte könnte beginnen. Rudi kann von der toten Hilde nicht lassen. Rosina bestraft er, weil sie nicht Hilde ist. Seine Badewanne hat er mit einem Haufen Erde in ein Grab verwandelt, seine Wohnung mit leeren Bierflaschen in eine Müllkippe: Penner aus Liebe.

„Ein Penner steckt ja in jedem von uns, ein Arbeitsloser auch.“ Schon im Programmheft vernichtet der junge Regisseur Jean-Claude Kuner seinen Theaterabend. Er hat unüberhörbar, unübersehbar ein soziales Anliegen. Nicht das Fieber ihrer unkontrollierbaren Leidenschaften entstellt die Gesichter seiner Schauspieler, sondern das Elend ihrer Klasse. Nicht den Triumph über die Verhältnisse sucht diese Inszenierung, sondern das Nachtasyl. Es geht um den ewigen Vorwurf, kurz „e. v.“ genannt.

Eine einzige Szene wäre fast gelungen. Eine Etage über der Souterrain-Wohnung, erinnert uns Kuner an einen schönen Film: „Wie angelt man sich einen Millionär“. Eine Darmstädter Schauspielerin posiert zwischen Männern in weißen Dinnerjacketts auf dem Bartresen wie Laureen Bacall. Darunter träumt Rosina. Pennerträume?

Annamirl Bierbichler schrubbt inzwischen noch immer den weißen Plastikfußboden des Museums. Sie will nicht nur Spuren verwischen, sondern auch welche hinterlassen. Mit roter Farbe beschmiert sie die Kunsthalle und ihr Gesicht. Sie hat Schwierigkeiten mit Männern, Fremdwörtern und der chemischen Industrie. Also greift sie in einen Farbtopf, schminkt sich einen knallroten „e. v.“ ins Gesicht und macht sich zur Hexe. „Hexen“ hieß ein Fernsehfilm von Luisa Francia.