Differenzen in der Bewertung einer "libyschen Verbindung"

Von Dietrich Strothmann

Einen Verdächtigen haben sie, zwei Wochen nach dem Bombenanschlag gegen die Berliner Diskothek "La Belle" : Seit letztem Wochenende sitzt der staatenlose, in Jordanien geborene Palästinenser Ahmed Nawat Mansur Hasi (35 Jahre alt) in Untersuchungshaft. Laut Haftbefehl wird er beschuldigt, "zumindest" als Gehilfe an der Vorbereitung und Ausführung der Mordtat beteiligt gewesen zu sein.

Auch soviel ist inzwischen hieb- und stichfest erwiesen: Hasi ist der Bruder von Nezar Hindawi, der in London einsitzt, unter der Anklage, mit Hilfe seiner ahnungslosen irischen Freundin beabsichtigt zu haben, einen Jumbojet (400 Passagiere) der israelischen Gesellschaft El Al zu sprengen. Hindawi hatte der Hochschwangeren eine Bombe in die Reisetasche geschmuggelt, war aber vor dem Abflugtermin des Flugzeugs "abgesprungen". Die Londoner Kollegen hatten der Berliner Staatsschutzabteilung den Hinweis über die Bruderschaft durchgegeben. Erst die Durchsuchung der Tempelhofer Wohnung Hasis ergab dann: Die verschiedenen dort gefundenen "Unterlagen" weisen auf "La Belle". Für eine libysche Verstrickung dagegen gibt es, nach Ansicht von Staatsschutzchef Manfred Ganschow, nach wie vor keine handfesten Beweise.

Hasi war schon vor einigen Jahren als Asylant nach Berlin gekommen, hatte einen Fremdenpaß erhalten und war bereits einmal, wegen eines schweren Deliktes, in die Polizeiakten geraten. Beim gegenwärtigen Stand der Ermittlungen gibt es zwei Theorien:

  • Hasi war ein "Schläfer". Er war von seinen arabischen (libyschen?) Auftraggebern nach Berlin eingeschleust worden, für den "Fall der Fälle", zu einem damals noch nicht festgesetzten Zeitpunkt.
  • Hasi ist ein Mitglied der palästinensischen Terrorgruppe von Abu Nidal, die an vielen Orten im Nahen Osten und in Westeuropa ihre Attentäter postiert hat. Nidal selber liegt an der syrischen "Leine", mit engen Kontakten ebenso zu Ghaddafi.

"In alle Richtungen"

Auch Manfred Ganschow geht nach Hasis Verhaftung weiterhin davon aus, daß die "Gesamterkenntnislage" im Fall "La Belle" nicht "zwingend" auf eine libysche Mitwisserschaft, gar eine Mittäterschaft deutet. Für ihn gehen die Ermittlungen noch immer "in alle Richtungen". Ein Tatbestand konnte inzwischen ebenfalls aufgeklärt werden: Der Sprengstoff, über dessen Herkunft noch Zweifel bestehen (angeblich amerikanischer, angeblich sowjetischer Herkunft), wurde von einem Fachmann vorbereitet. Darauf weisen die verschiedenen, zum Teil komplizierten elektronischen Zünder hin, die zur Explosion der Bombe eingebaut worden waren.

Ghaddafi oder doch nicht Ghaddafi – anders als der amerikanische Präsident und dann auch der Bonner Bundeskanzler sind sich deutsche Sicherheitsexperten auch zwei Wochen nach dem Berliner Attentat noch immer nicht schlüssig über den Hintergrund und den Hintermann. "Sprüche über Sprüche", so faßt ein führender Verfassungsschützer das Hin und Her bei der Bewertung der Funksprüche zusammen, die kurz vor und nach dem Bombenanschlag zwischen der libyschen Botschaft ("Volksbüro") in Ost-Berlin und der Hauptstadt Tripolis gewechselt wurden.

Zwar sind die Texte der von den Amerikanern aufgefangenen, von den Deutschen dechiffrierten Meldungen bisher nur bruchstückhaft und andeutungsweise bekannt geworden (von einem bevorstehenden "freudigen Ereignis" ist in dem einen Fall die Rede, in dem zweiten soll ein "spurenloser" Vollzug gemeldet worden sein). Die Möglichkeit besteht aber durchaus, daß die aufgezeichneten Funksprüche selber unvollständig waren, daß sie von Amerikanern und Deutschen mit Hilfe von Arabisten unterschiedlich übersetzt wurden, vor allem aber, daß sie verschieden gedeutet wurden, je nach der politischen Interessenlage.

Anders jedenfalls als die amerikanischen Kollegen, die zugunsten des längst in Washington beschlossenen Gegenschlages gegen Ghaddafi eine unzweideutige "libysche Connection" unterstellten, beharren deutsche Fachleute nach wie vor auf "Arbeitshypothesen", sprechen nur von "Spekulationen", höchstens von "Anhaltspunkten", die noch keine Beweise seien. Das sind, zwischen Amerikanern und Deutschen, die kleinen, feinen – aber gerade in diesem heiklen Bereich – oft gravierenden Unterschiede.

Nur soviel steht bisher einwandfrei fest: Die Libyer, im Besitz einer hochwertigen Schweizer Dechiffriermaschine der Firma Crypto, benutzen einen "modifizierten" Code, wie er in Ostblockstaaten gebräuchlich ist. Dieser Code war schon vor längerer Zeit vom Bundesnachrichtendienst "geknackt", die Entschlüsselungstechnik an die Amerikaner weitergegeben worden. Als die amerikanischen Abhör- und Auswertungsspezialisten ihr libysches Funkmaterial, samt Übersetzung und Interpretation, den zuständigen deutschen Behörden vorlegten, machten sich dort die Experten selber an die Arbeit und kamen zum Teil zu anderen Resultaten, gestützt auch auf zuverlässige "befreundete" Quellen, die eine libysche Verwicklung in den Berliner Anschlag energisch bestritten und ausdrücklich davor warnten, aus purer politischer Opportunität "wichtigere" andere Spuren zu vernachlässigen, zum Beispiel die "syrische Connection" im Zusammenhang mit Abu Nidal.

Auch wenn das Bonner Innenministerium dem Kanzler – nach dem Motto: "Es lag was in der Luft" – in der ersten Phase über "Warnmeldungen" mit libyschem Hintergrund berichtete, über auffallende Reisebewegungen von Libyern in der Bundesrepublik, hielt sich der Kanzler in der öffentlichen Beurteilung der kurz vor und kurz nach dem Berliner Attentat aufgefangenen Funksprüche noch zurück. Sein Sprecher Ost ließ es, mit einigen Abweichungen, dabei bewenden: "Hinweise" gebe es, "aber noch keine handfesten Beweise". Auch Genschers Pressechef hatte zu diesem Zeitpunkt (7. und 8. April) ausdrücklich erklärt, es lägen "keine konkreten Belege" über eine libysche Verwicklung vor.

Dann legte der neue Chef des Bundesnachrichtendienstes, Hans-Georg Wieck, dem Bundeskanzler die Meldetexte, ihre Übersetzung und Auslegung vor; dann wurden Kohl auf Nachfrage zusätzliche Verdachtsfälle vorgetragen, die angeblich eine libysche Mitschuld belegen sollten; dann gab der Regierungschef seine anfängliche Vorsicht auf und erklärte am 16. April im Bundestag unmißverständlich: Ghaddafis Teilhaberschaft an der Berliner Bombenaktion werde durch "beweiskräftige nachrichtendienstliche Quellen" gestützt.

Alte, falsche Hüte

Was war in der Zwischenzeit geschehen? Fünf Tage zuvor hatte Präsident Ronald Reagan vor der Presse im Weißen Haus bekanntgegeben: Er sei im Besitz von "unmittelbaren, genauen, unwiderlegbaren Beweisen" für Ghaddafis Beteiligung; ob direkt oder indirekt, ließ er offen. Der Bonner Verbündete mochte sich also im Zugzwang sehen. Daher auch der krampfhafte, doch untaugliche Versuch, sich durch weitere "libysche Tätbestände" abzusichern. Für Geheimdienstexperten ist dies aber nur ein weiterer Beleg für die wohl politisch begründete, sachlich indessen höchst unsichere Verknüpfung Libyens mit dem Berliner Anschlag. Dem Kanzler hatten die Sicherheitsbehörden zur Erhärtung der Mitschuldthese zwei ältere Fälle vorgetragen: das Attentat auf den US-General Frederick Kroesen 1981 bei Heidelberg mit einer Panzerfaust und den Sprengstoffanschlag auf das Berliner "Maison de France" 1983.

Der Fall Kroesen: Er ist gerichtsnotorisch aufgeklärt. Es war eine Tat von RAF-Mitgliedern, die sich zu diesem Zeitpunkt (nach dem Dellwo-Papier) bereits von ihrer palästinensischen Nabelschnur gelöst hatten. Es gibt auch keinen Beweis für die Behauptung, die Panzerfaust sei "durch ein libysches Volksbüro gewandert". Das Attentat ist nicht Ghaddafis Werk, auch wenn sich die Bonner jetzt wieder – aus gegebenem Anlaß – daran erinnern mochten, daß gerade zu diesem Zeitpunkt das mit Libyen drei Jahre zuvor geschlossene "Stillhalteabkommen" stillschweigend aufgekündigt worden war (gemeinsame Fahndung nach RAF-Terroristen, keine PLO-Anschläge auf deutschem Boden).

Der Fall "Maison de France": Er ist noch nicht völlig aufgeklärt. Für ihn kommen zwei verschiedene Tätergruppen in Betracht – armenische Terroristen oder der Chefguerillero "Carlos" (Ilich Ramirez Sanchez), der sich erstens in einem Brief zu dem Anschlag bekannte (um Bonn vor einem Auslieferungsersuchen an die Schweiz wegen der RAF-Terroristin Gabriele Kröcher-Tiedemann zu warnen). Hier gibt es vage Anhaltspunkte für eine entfernte Verbindung zu Libyen.

"Es kann so sein, muß aber nicht so sein", ist das skeptische Resümee eines hohen Verfassungsschutzbeamten zu Bonner Behauptungen und Unterstellungen, wie auch zu dem Versuch, mit Hilfe ungesicherter Fakten eine libysche Verquickung mit der Berliner Mordtat zu konstruieren. Schon vor Berlin – aber nach dem Sprengstoffattentat auf die TWA-Maschine über Athen – hatte Washington entschieden: Wir schlagen das nächste Mal zurück. So geschah es dann – quasi als Warnschuß – mit der Machtdemonstration an der Großen Syrte, dann mit der Bomberattacke auf Tripolis und Bengasi. Nach Reagans Rambo-Lesart gab es längst Anlässe genug: die Kaperung des italienischen Luxusliners "Achille Lauro", die Überfälle auf die Flughäfen von Rom und Wien. Aber auch in diesen Fällen ist die "libysche Connection" höchst zweifelhaft. Die "Achille Lauro"-Aktion geht zu Lasten von Abu Abbas, einem Anhänger Arafats; die Flughafenanschläge gehen auf das Konto von Abu Nidal, einem Blutsfeind Arafats.

Ob Ghaddafi seine Hand im Spiel hatte? Es kann so sein, es muß aber nicht so sein. Es kann auch Hafez el Assad gewesen sein. Ob Ronald Reagan, wenn sich das beweisen sollte, demnächst seine F-111 in Richtung Damaskus starten läßt?