Vierzig Jahre nach Kriegsende werden Zwangssterilisierte noch immer nicht als Verfolgte des Nazi-Regimes anerkannt

Von Ernst Klee

Die Bundestagsfraktion der Grünen hat im Oktober 1985 einen "Gesetzentwurf zur Regelung einer angemessenen Versorgung für alle Opfer nationalsozialistischer Verfolgung" vorgelegt. Die SPD-Fraktion setzte vor wenigen Wochen eine Arbeitsgruppe ein, die sich mit dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" beschäftigt Außerdem hat die SPD einen Vorschlag angekündigt, der die Entschädigung aller NS-Verfolgten zum Ziel hat. Die FDP-Abgeordnete Dr. Hildegard Hamm-Brücher fordert die Rehabilitierung psychiatrischer Opfer der NS-Zeit. Unser Beitrag befaßt sich mit dem Schicksal der von den Nazis Zwangssterilisierten.

Im Jahre 1983 meldete die Stadt Konstanz, in einem Kellerraum der städtischen Leichenhalle seien überraschend 193 Urnen mit der Asche von Euthanasie-Opfern gefunden worden. Die Stadtverwaltung benachrichtigte die Angehörigen, soweit sie noch zu ermitteln waren.

Zu den Angeschriebenen gehört eine Bürgerin, die auf diese Weise – fast vierzig Jahre nach Kriegsende – erfuhr, daß ihre Mutter 1940 in der Vergasungsanstalt Grafeneck ermordet worden war. Nach einiger Zeit des Überlegens stellte sie im März 1984 einen Antrag auf Wiedergutmachung: Ihre Mutter sei, wie sie erst jetzt erfahren habe, ein Opfer des nationalsozialistischen Regimes geworden.

Das Landesamt für die Wiedergutmachung Baden-Württemberg ab "oberste Entschädigungsbehörde des Landes" hat den Antrag unter anderem mit dem Hinweis abgeschmettert, daß nach dem Bundesentschädigungsgesetz (BEG) seit Ende 1969 keine Ansprüche mehr angemeldet werden können.

"Die Gründe, aus denen die Frist versäumt worden ist", heißt es in der gefühlskalten Ablehnung, seien "unbeachtlich".

Wie wenig Mitgefühl die Angehörigen erfahren, zeigt auch der Bericht einer Frau, deren Vater ebenfalls in Grafeneck in die Gaskammer gekommen war: "Meine Mutter hat nach unserer Flucht in die Bundesrepublik 1955 versucht, irgendeine Entschädigung oder Hilfe zu bekommen. Die kalte Ablehnung hat sie veranlaßt, die Dinge ruhen zu lassen. Daß ihr Leben und das ihrer Kinder nach dem gewaltsamen Tode ihres Mannes zumindest für lange Zeit zerstört war, interessierte die bearbeitenden Beamten nicht. Ich selbst bin zeit meines Lebens mit diesem Schicksal belastet."

Hat man auch nicht den nötigen Takt, das Recht ist auf der Seite der Behörden. Das Bundesentschädigungsgesetz zählt Euthanasie-Opfer nicht zum Personenkreis der Verfolgten (§ 1). Wie einem Brief des Bundesfinanzministers vom 26. März 1984 an den Petitionsausschuß des Bundestages zu entnehmen ist, wurde lediglich ein Hintertürchen § 171, Abs. 3 Ziffer 2) offengelassen, wonach ein Härteausgleich gewährt werden kann, "wenn anzunehmen ist, daß die Hinterbliebenen ohne die Tötung des Unterhaltsverpflichteten von ihm gegenwärtig Unterhalt erhalten würden". Doch wie sollte dieser Nachweis geführt werden, wo die Ermordeten als "lebensunwertes Leben" vernichtet worden waren?

Einschränkend heißt es in dem Brief des Finanzministers weiter: "Allerdings war eine Wiedergutmachung bei den Euthanasie-Opfern selbst naturgemäß nicht möglich." Eine Schreibtisch-Perspektive, wie das folgende Beispiel zeigt:

Der heute 61jährige Heinrich Lohne war als Kind in die Heilerziehungsanstalt Kalmenhof in Idstein (nahe Wiesbaden) gekommen. Mit zehn Jahren mußte er in der Kleiderkammer arbeiten. Später trat er in der Anstalt eine Schreinerlehre an. Doch was lernte er? Er hatte Särge zu fertigen, sogenannte Klappsärge, deren Boden zu entriegeln war.

Die Anstalt hatte 1933 eine blühende Landwirtschaft, mit Kühen, Schafen, Bienenstöcken. Doch nach der "Machtübernahme" stahl das Personal den Zöglingen die zustehende Verpflegung. Die Bewohner des Kalmenhofs mußten einen qualvollen Hungertod erleiden. Viele – die genaue Zahl ist nicht bekannt – wurden darüber hinaus mit Medikamenten vergiftet. Sie starben röchelnd, ihr Tod zog sich über drei bis fünf Tage hin. Der Massenmord in Idstein dauerte bis zum Einmarsch der Amerikaner.

Heinrich Lohne, der Schreinerlehrling, mußte die Leichen beseitigen. Jeweils mehrere Leichen hatte er, zum Teil nackt, zum Teil in Verdunklungspapier gehüllt, in eine Grube zu werfen. Waren zur Beerdigung Angehörige angereist, fand der entriegelbare Klappsarg Verwendung. Das heißt: Der Sarg blieb solange auf einem Grab stehen, bis alle weg waren. Dann wurde der Sargboden geöffnet, und die Leiche fiel ins Grab.

Einmal hat sich Lohne, der als junger Mensch zu diesem Dienst gepreßt wurde, gegen seine Tätigkeit aufgelehnt. Ein Erzieher trakierte ihn dafür mit dem Ochsenziemer – wie überhaupt Mißhandlungen in Idstein üblich waren. Wer aufbegehrte und zuviel wußte, lebte in der Regel nicht mehr lange. Auch Lohne, der beim jeweils fünfzigsten Toten zur Weinbesorgung geschickt wurde ("Richtfest"), wußte zuviel. Er mußte kurz vor Kriegsende noch ein Grab schaufeln, das – wie sich später herausstellte – für ihn selbst bestimmt war. Lohne floh, als der Töfürgsetzt Wesse zum Medikamentenschrank ging. Er stürzte aus dem Arztzimmer, versteckte sich die letzten Kriegstage in einer Bauernscheune und traute sich erst wieder heraus, als die Amerikaner da waren.

Der Schreinerlehrling, der Särge produzieren mußte und selbst Zeuge des qualvollen Sterbens von Kalmenhof-Bewohnern wurde, hat die Anstalt 1952 verlassen. Er verdient sich bis heute seinen Lebensunterhalt als Lagerarbeiter. In einem Tonbandinterview mit dem Leiter der heute Sozialpädogisches Zentrum genannten Einrichtung, hat er geschildert, daß er nachts immer noch im Bett hochfährt. Als er wegen unerträglicher Schmerzen einmal zur Kur ist und dort einem Professor seine Geschichte erzählt, sagt ihm der Mediziner: "Herr Lohne, es langt mir, ist gut. Sie brauchen mir nichts zu erzählen, da braucht man sich nicht zu wundern, woher Sie Ihr Leiden haben ..."

Die Idsteiner Zeitung hat im Mai letzten Jahres auf Lohnes Schicksal und den vergeblichen Kampf, als Verfolgter des Nazi-Regimes anerkannt zu werden, hingewiesen. Er wollte ja nur, daß seine Arbeitsjahre auf dem Kalmenhof bei der Rentenversicherung als Ersatzzeit angerechnet werden. Anderfalls wäre die zu erwartende Rente so gering, daß er Sozialhilfe in Anspruch nehmen müßte. Die Landesversicherungsanstalt Hessen beschied negativ: Er gehöre nicht zu dem in § 1 Bundesentschädigungsgesetz genannten Personenkreis. Auch die Antragsfristen (siehe oben) habe er verpaßt. – Lohne wußte nichts davon.

Ein Versuch, sozusagen gnadenhalber, in Anerkennung einer moralischen Schuld, für Heinrich Lohne etwas zu erreichen, dürfte ebenfalls gescheitert sein. Zunächst war der hessische Landeswohlfahrtsverband (heute Träger des Kalmenhofs) zu einer symbolischen Geste (1000 Mark) bereit, doch von Geld ist nicht mehr die Rede, wie Lohnes Anwalt Winfried Schmidt sagt. Der Landeswohlfahrtsverband zog sich auf den formaljuristisch korrekten Standpunkt zurück, man sei weder rechtlich noch moralisch für das NS-Unrecht verantwortlich – schließlich wurde der Verband erst 1953 gegründet.

Dem ehemaligen Kalmenhof-Zögling kann und will niemand helfen, weil er, obgleich verfolgt, nicht zu – den Verfolgten gerechnet wird. Doch diejenigen, die ihn und andere seinerzeit als Pfleger oder Erzieher mißhandelten, konnten und können ihre Rente verzehren. Ein Gedanke, der nicht nur Heinrich Lohne nachts aus dem Schlaf reißen kann. Ganz zu schweigen davon, daß sich die Stadt Idstein nach Kriegsende massiv für die Mörder vom Kalmenhof (juristisch exakt: für die Mordgehilfen) eingesetzt hat, bei der Justiz auf Begnadigung der Täter drängte. Die Ermordeten liegen dagegen immer noch unwürdig auf dem Anstaltsgelände verscharrt.

Am 26. Januar 1984 schrieb der Gütersloher, Psychiater Klaus Dörner dem Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages, der Gesetzgeber möchte den Massenmord an psychisch Kranken und Behinderten als nationalsozialistische Verfolgung anerkennen. Ebenso möge man das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" als NS-Unrecht und die aufgrund dieses Gesetzes Sterilisierten als NS-Verfolgte anerkennen. "Es versteht sich", meinte Dörner, "daß es bei meiner Petition kaum noch um die Möglichkeit einer finanziellen Entschädigung geht, jedoch um so mehr um die moralisch-politische Anerkennung von Unrecht und Verfolgung."

Der Petitionsausschuß bat daraufhin den zuständigen Minister, den Bundesminister der Finanzen, um eine Stellungnahme – eine Absurdität, daß ausgerechnet derjenige, der den Geldsäckel verwaltet, für die Anerkennung von NS-Verfolgten und ihre Entschädigung zuständig ist.

Der Bundesminister der Finanzen antwortete am 26. März 1984: Die Rechtssprechung habe die Auffassung vertreten, "daß das... Erbgesundheitgesetz, das auch in ausländischen Staaten Vorbilder hatte und das nach Kriegsende von den Militärregierungen weder aufgehoben noch als aufgehoben behandelt wurde, weder gegen das Naturrecht noch gegen die rechtsstaatlichen Gesetze verstoße".

Der Petitionsausschuß schloß sich im April 1984 der "Aussage des Bundesministers der Finanzen an, daß ... nicht durch Gesetzgebung, sondern nur durch die öffentliche Diskussion Abhilfe geschaffen werden kann. Ihre Eingabe sehe ich damit als erledigt an, sofern Sie nicht widersprechen."

Dörner widersprach, und zahlreiche Einzelpersonen und Verbände – darunter die jüdische Gemeinde – haben sich mittlerweile der Petition angeschlossen. Einzelheiten bietet eine Dokumentation "Gestern minderwertig – Heute gleichwertig?", die im Verlag Jakob van Hoddis (4830 Gütersloh, Friedhofstr. 29) erschienen ist. Der Name des Verlags, der psychisch Kranken Arbeit bietet, ist kein Zufall: Van Hoddis, ein expressionistischer Dichter, wurde 1942 im Rahmen der NS-Euthanasie ermordet. Er war psychisch krank und Jude – gleich zwei Gründe, einen Menschen zu ermorden.

Der Bundesminister der Finanzen hat im Verlauf der Diskussion seine Haltung mehrmals erläutert, aber nicht geändert: Es werde nicht verkannt, daß viel Unrecht und Leid verursacht worden sei. Aber eine Gleichstellung des Personenkreises mit den Verfolgten nach § 1 Bundesentschädigungsgesetz würde die Zwangssterilisierten und Euthanasieopfer "in nicht gerechtfertigter Weise besserstellen".

Sämtliche Opfer von Euthanasie und Sterilisation den anerkannten NS-Verfolgten gleichzustellen – diesem Gedanken kann der Finanzminister nicht folgen. Am 29. August antwortete der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfinanzministerium Friedrich Voss der Bundestagsabgeordneten Hamm-Brücher: "Bundestag und Bundesregierung haben seit vielen Jahren wiederholt zum Ausdruck gebracht, daß sie die Gesetzgebung für die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts ... als abgeschlossen betrachten und eine Novellierung dieses Gesetzes nicht in Erwägung ziehen können."

Wie aber kann etwas als abgeschlossen betrachtet werden, das in seiner Tragweite nie zur Kenntnis genommen wurde, weil die Täter die Geschichtsschreibung übernommen hatten. Die Rechtmäßigkeit der rund 400 000 Zwangssterilisierungen hatten stets jene Mediziner bejaht, die selbst sterilisiert oder Sterilisierungen befürwortet hatten.

Zur Vorgeschichte des Sterilisierungsgesetzes: Adolf Hitler hatte schon in seiner Programmschrift "Mein Kampf" (1925/26) gefordert, der völkische Staat müsse "die Rasse in den Mittelpunkt des allgemeinen Lebens" setzen. Für Arme und Schwache ist da kein Platz: "Der Stärkere hat zu herrschen ... Nur der geborene Schwächling kann dies als grausam empfinden. Der Kampf um das tägliche Brot läßt alles Schwache und Kränkliche, weniger Entschlossene unterliegen, während der Kampf der Männchen um das Weibchen, nur dem Gesündesten das Zeugungsrecht ... gewährt."

Hitler ist zu seiner Zeit nur einer von vielen, der den Volksbestand durch die Geburtenzahlen der angeblich Minderwertigen bedroht sieht. So erscheint beispielsweise 1927 als dritter Band der "Studien zur katholischen Sozial- und Wirtschaftspolitik" bei Herder in Freiburg ein 466 Seiten umfassendes Werk. Es heißt: "Gesetzliche Unfruchtbarmachung Geisteskranker" und hat die kirchliche Druckerlaubnis ("Imprimatur"). Autor ist der Moraltheologe Joseph Mayer, seit 1924 Assistent am Freiburger Institut für Caritaswissenschaft und von Oktober 1927 an Hauptschriftleiter der "Caritas. Zeitschrift für Caritaswissenschaft und Caritasarbeit". Mayer hat eine Vision:

"Die Minderwertigen vermehren sich quantitativ viel schneller als die Tüchtigen ... Man hat ausgerechnet, falls am Ende des völkermordenden Dreißigjährigen Krieges genau soviel Neger nach Deutschland verpflanzt worden wären, als Weiße da waren, und die beiden Rassen hätten sich in Deutschland mit ihresgleichen verheiratet... so aber, daß die Neger günstigere Ehebedingungen gehabt hätten als die Deutschen ... dann würden jetzt nach dreihundert Jahren unter 1000 Bewohnern des deutschen Bodens nur noch 9 Weiße sein, alle 991 anderen wären Neger. Man denke sich an die Stelle der Neger Anormale, und man kann das Jahrhundert berechnen, wo die letzten Tüchtigen vom Meere der Anormalen verschlungen werden."

Heute klingen solche Berechnungen nur noch komisch. Doch in den zwanziger Jahren werden zahlreiche Sippentafeln ausgebreitet, wonach ein einziger "Erbkranker" Hunderte von Verbrechern, Trunkenbolden, Schwachsinnigen, Dirnen usw. usw. in die Welt gesetzt haben sollte. So erscheint beispielsweise 1928 in der Zeitschrift "Caritas" ein Artikel von Medizinalrat Dr. Schwenninger aus der badischen Anstalt Emmendingen. Der Psychiater referiert u. a. die Ahnentafel einer Frau, die um 1800 gelebt und eine "Trinkerin, Diebin und Vagabundin" gewesen sein soll:

"Man wies 843 Nachkommen derselben nach, von denen man bei 709 die Lebensverhältnisse sicher ermittelte. Davon waren 106 unehelich geboren, 181 Prostituierte, 142 Bettler, 64 Armenhäusler und 76 Verbrecher (darunter 7 Mordtaten). Die Verbrecher brachten zusammen 116 Jahre im Gefängnis zu, und 734 Jahre wurden sie aus öffentlichen Mitteln unterstützt. In der fünften Generation waren fast alle Frauen Prostituierte und die Männer Verbrecher."

Einer schreibt vom anderen ab, und am Ende gilt alles als wissenschaftlich gesichert, wobei zwischen Kranken, Behinderten, Bettlern, Straffälligen und Prostituierten nicht groß unterschieden wird. Die spätere Verfolgung wird in diesen Jahren pseudo-wissenschaftlich vorbereitet. Die Sprache ist aggressiv, feindlich, brutal wie bei Caritas-Mitarbeiter Joseph Mayer: "Die Geisteskranken, die moralisch (!) Irren und andere Minderwertige haben so wenig ein Recht Kinder zu erzeugen, als sie ein Recht haben, Brand zu stiften." Oder: "Erblich belastete Geisteskranke befinden sich in ihrem Triebleben auf der Stufe der unvernünftigen Tiere." Oder: "Der Geschlechtsverkehr ist für die Irren etwas von Gott nicht Gewolltes."

Ähnlich wird beim Central-Ausschuß für Innere Mission gedacht, der im Januar 1931 eine Fachkonferenz für Eugenik (Erbgesundheitspflege) bildet. Im Mai 1931 tagt diese Konferenz in Treysa bei Kassel. Anwesend sind unter anderen leitende Ärzte und Direktoren evangelischer Einrichtungen: unter ihnen der Betheler Medizinalrat Carl Schneider, später einer der Aktivisten beim Kranken-Mord ("Euthanasie"). Mit dabei ist auch Dr. Otmar von Verschuer vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie und Vererbungswissenschaft, der später die "Forschungen" seines Lieblings-Assistenten Mengele in Auschwitz unterstützen wird.

Während der Tagung wird eine Erklärung formuliert, die schon zwei Jahre vor der "Machtergreifung" behauptet, das Evangelium fordere "nicht die unbedingte Unversehrtheit des Leibes. Führen seine von Gott gegebenen Funktionen zum Bösen oder zur Zerstörung seines Reiches in diesem oder jenem Glied der Gemeinschaft, so besteht nicht nur ein Recht, sondern eine sittliche Pflicht zur Sterilisierung aus Nächstenliebe und der Verantwortung, die uns nicht nur für die gewordene, sondern auch die kommende Generation auferlegt ist".

Am 20. März 1933, wenige Wochen vor der Verkündung des Sterilisierungsgesetzes, tagt die Geschäftsführerkonferenz der Inneren Mission im Wohlfahrtshaus in Berlin. Das als "vertraulich" gekennzeichnete Protokoll hält fest: "Brennend ist heute die Frage einer Verhütung der ungehemmten Vermehrung asozialer Elemente." Bisher sei die Verabschiedung eines Sterilisierungsgesetzes "an der Arbeitsunfähigkeit des parlamentarischen Apparates" gescheitert. "Nach dem heutigen politischen Umschwung" dürfe man aber erwarten, daß in absehbarer Zeit eine reichsgesetzliche Regelung erfolge.

Die Zitate aus dem kirchlichen Bereich zeigen, daß die Idee, sogenannte Minderwertige unfruchtbar zu machen, keineswegs ausschließlich nationalsozialistischen Ursprungs ist. Der Psychiater Karl Bonhoeffer hat (auch in eigenem Interesse) auf ähnliche Bestrebungen im Ausland hingewiesen. Er meinte im Januar 1949 in der Zeitschrift "Der Nervenarzt", "daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit der Unfruchtbarmachung geistig Minderwertiger vorangegangen sind. Kalifornien hat seit 1909 gesetzliche Bestimmungen über die eugenische Sterilisation." Einschränkend muß er aber auch zugeben: "Es sind dort bis zum 1. Januar 1929, also in zwanzig Jahren, (nur) 6255 Personen sterilisiert worden (Gosney und Popenoe). Im Jahre 1929 sollen nach diesen Autoren 22 Staaten der USA Sterilisationsgesetze haben. In dem Bericht des Komitees zur Prüfung der Frage der Unfruchtbarmachung seitens der amerikanischen Neurologischen Gesellschaft im Jahre 1935 heißt es allerdings, daß die bisherige Gesetzgebung mit wenigen Ausnahmen nicht zur Anwendung gekommen sei.

In Europa, so Bonhoeffer weiter, sei die Schweiz als "erste vorangegangen, wenn auch nicht in größerem Umfange ... Die Zustimmung des Patienten bzw. seiner Angehörigen ist erforderlich." Auch in den nordischen Ländern und in den Weststaaten sei es ähnlich gewesen: "In keinem der großen Staaten kam es zu einer gesetzlichen Regelung."

Es macht wenig Sinn, Zahlen für einzelne Länder bilanzieren zu wollen. Eines steht nicht nur nach Bonhoeffer fest: "Insgesamt läßt sich sagen, daß dem nationalsozialistischen Gesetz in seiner rigorosen Zwangsformulierung kein anderer Staat gefolgt ist." Denn das macht eben den furchtbaren Unterschied aus: Waren bis dahin alle Vorschläge zu einem Sterilisierungsgesetz – 1932 hatte ein preußischer Entwurf vorgelegen – von der Freiwilligkeit ausgegangen, so operierten die Nationalsozialisten mit brutalem Zwang. Und sie nahmen es mit den Diagnosen nicht sehr genau.

"Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" wird schon kurze Zeit nach der "Machtergreifung" – am 14. Juli 1933 – verabschiedet und soll im Januar 1934 in Kraft treten. Es ist in derselben Kabinettssitzung behandelt worden, in der auch das Konkordat mit dem Vatikan Billigung fand.

Um die Verhandlungen mit dem Heiligen Stuhl nicht zu gefährden, wartet man mit der Bekanntgabe jedoch – denn das Sterilisierungsgesetz steht im Widerspruch zur päpstlichen Enzyklika "Casti connubii" vom 31. Dezember 1931: Die Eugeniker gingen so weit, heißt es da mahnend, einen Menschen gegen seinen Willen unfruchtbar zu machen, "und zwar nicht als Körperstrafe für vergangene Verbrechen, noch um künftigen Vergehen solcher Schuldigen vorzubeugen, sondern indem sie gegen alles Recht und alle Gerechtigkeit für die weltliche Obrigkeit eine Gewalt in Anspruch nehmen, die sie nie gehabt hat und rechtmäßigerweise nicht haben kann."

Vielleicht sollte der Bundesminister der Finanzen, der am 26. März 1984 der Meinung war, das Sterilisierungsgesetz von 1933 verstoße nicht gegen das "Naturrecht", die Enzyklika nachlesen. Es würde ihm deutlich, daß der große Teil der Katholiken damals (wie heute) durchaus einen Verstoß gegen das Naturgesetz sah.

Am 25. Juli 1933 erscheint das Gesetz im Reichsgesetzblatt. Schon § 1 des Gesetzes macht deutlich, daß nicht die exakte Diagnose einer Erbkrankheit entscheidend ist. Die Wahrscheinlichkeit genügt:

Der Paragraph 1: "(1) Wer erbkrank ist, kann durch chirurgischen Eingriff unfruchtbar gemacht (sterilisiert) werden, wenn nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, daß seine Nachkommen an schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden leiden werden.

(2) Erbkrank im Sinne dieses Gesetzes ist, wer an einer der folgenden Krankheiten leidet: 1. angeborenem Schwachsinn, 2. Schizophrenie, 3. zirkulärem (manisch-depressivem) Irresein, 4. erblicher Fallsucht (Epilepsie), 5. erblichem Veitstanz (Huntingtonsche Chorea), 6. erblicher Blindheit, 7. erblicher Taubheit, 8. schwerer erblicher körperlicher Mißbildung.

(3) Ferner kann unfruchtbar gemacht werden, wer an schwerem Alkoholismus leidet."

Das von dem Medizinhistoriker Fridolf Kudlien herausgegebene Buch "Ärzte im Nationalsozialismus" (Köln 1985) meint, daß von Anfang an "und ganz offen, der strengen Wissenschaftlichkeit, das heißt dem Nachweis der Erblichkeit... gar keine sehr große Beachtung geschenkt wurde". Als Beispiel ist einer der NS-Kommentatoren der Standespresse angeführt: Medizinalrat Vellguth (der auch in die NS-Euthanasie eingeweiht war) riet 1934 in den "Ärztlichen Mitteilungen", "in vielen Fällen" komme es "gar nicht auf Erblichkeit an".

Auch die Mediziner Norbert Schmacke und Hans-Georg Güse führen in ihrem Buch "Zwangssterilisiert. Verleugnet-Vergessen. Zur Geschichte der nationalsozialistischen Rassenhygiene am Beispiel Bremen" (Bremen 1984) nationalsozialistische Kapazitäten an: "Selbst der im NS-Staat renommierte und maßgebliche Erbforscher Luxenburger schätzte die Sachlage so ein, daß ‚Schizophrenie z. B. erbbiologisch nichts mehr ab eine Arbeitshypothese‘ sei." Der Psychiater Ernst Rüdin, einer der amtlichen Kommentatoren des Sterilisierungsgesetzes, habe 1938 eingestanden, daß man mit der Praktizierung der sogenannten eugenischen Maßnahmen nicht so lange warten könne, bis endlich die Theorie den Beweis für die Erblichkeitshypothese angetreten habe. Schmacke/Güse: "Erblichkeit der psychiatrischen Krankheitsbilder blieb also nichts mehr als eine Behauptung."

Dem wissenschaftlichen Hokuspokus sind Hunderttausende zum Opfer gefallen: manche ab Opfer eines naiven Fortschrittsglaubens, doch die meisten ab Opfer blindwütiger Rassenpolitik und nationalsozialistischer Verblendung. So glaubte etwa der Betheler Arzt Hans Wilmers, die Hilfsarbeiter wegsterilisieren zu können. Wilmers am 25. Januar 1934 im Betheler Tageblatt "Aufwärts": "Selten hat mich ein öffentlich gesprochenes Wort so gefreut wie das Wort Hitlers: Wir müssen den ungelernten Arbeiter in Deutschland abschaffen." Das könne gelingen. Aber nur, wenn man dem "Arbeiter der Zukunft" die Last der Unbegabten abnehme, "wo wir sie ärztlich angreifen können und wo sie am schwersten drückt, bei den Schwachsinnigen".

Der Betheler Arzt Knöppler (er praktizierte in Bethel bis 1953) schäumte im April 1934 in der Zeitschrift "Beth-EL", eine uninteressierte Wissenschaft habe zugesehen, wie die "Minderwertigen an Seele und Geist" das "Gesunde überwuchert" hätten, wo doch gerade die Schwachsinnigen "zu zügellosem Geschlechtsverkehr besonders geneigt" seien. Ziehe man in Betracht, "daß sich das Heer der Verbrecher, der berufsmäßigen, aber auch der politischen (!), zum großen Teile aus Schwachsinnigen zusammensetzt, so wird es wohl begreiflich, welches Interesse die Volksgemeinschaft an der Eindämmung des erblichen Schwachsinnes hat."

Knöppler, der seine rassenideologischen Attacken hymnisch-religiös verkleistert, versetzt wie viele andere soziale Befunde mit politischen Diagnosen. Der Bielefelder Arzt Heinrich Wichern hat dazu sogar ein Buch verfaßt, das 1934 bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen erscheint: "Erbkrankheit und Weltanschauung". Krankheit und Kranksein, so Wichern, müsse im weltanschaulichen Sinne verstanden werden. Wo die (Erb-)Krankheit gehäuft auftrete und zur "Herrschaft unterwertigen Menschentums" führe, "da muß der Staat eingreifen und für eine Austilgung sorgen..."

Wichern, ein Enkel des Gründers der Inneren Mission, möchte am liebsten alle wegsterilisieren, die für die christliche Botschaft taub oder gar bolschewistisch eingestellt sind: "Woran ist nun die Innere Mission so oft und immer wieder gescheitert? Sie sah ja ihr Wirkungsfeld da, ‚wo die Sünde und das Verderben epidemisch, massenhaft, etwas Volksmäßiges geworden war‘. Durchmustert man daraufhin die Erbkreise Schwachsinniger und Geisteskranker, so befindet sich darin vielfach eine erstaunliche Häufung asozialer und unsittlicher Menschen ... Wirft man andererseits einen Blick auf die Führer großer antichristlicher, besonders bolschewistischer Bewegungen, so scheint auch ihr Erbkreis stets mit Geisteskranken, Schwachsinnigen und Epileptikern ungewöhnlich belastet zu sein. Es besteht daher die Wahrscheinlichkeit, daß es den Menschen mit solcher Erbbedingtheit an Aufnahmefähigkeit für religiöse und sittliche Forderungen fehlt..." Wicherns Schlußfolgerung: "Gibt es, wie wir heutzutage wohl glauben müssen, ein solches Sein, das zum Erfassen des Heils von Natur aus nahezu unfähig ist, so würde es allerdings Aufgabe der Inneren Mission werden müssen, unter diesem Gesichtspunkte auch an seiner Verhütung mitzuwirken und Gottes Acker von diesem Unkraut zu säubern."

Wie Wichern ist auch der Bekenntnis-Pfarrer Kleßmann (Eckardsheim bei Bielefeld) der Ansicht: "Die Frage ist heute nicht so sehr, wer erzieht, sondern wer erzeugt das kommende Geschlecht." In einem Aufsatz für die "Pastoralblätter" macht sich Kleßmann 1934 Gedanken, wie die Sterilisierten seelsorgerisch zu trösten seien: "Wäre ein Erbkranker in den weiten Wäldern Sibiriens oder in einer Wüste Innerasiens geboren, so würde ein solcher Eingriff nicht notwendig sein. Er hat sich das Volk, das jetzt unter dieses Gesetz gestellt wird, nicht wählen können. Er ist durch Gottes Fügung hineingeboren worden und hat nun jetzt das Wohl und Wehe, Freude und Last, Aufgang und Niedergang dieses Volkes zu tragen. Wo aber sein Name im Volke ausgelöscht wird durch sein persönliches freiwilliges Opfer, da wird dem, der da glaubt, das Wort Jesu leuchtend groß: ,Freuet euch, daß eure Namen im Himmel geschrieben sind!‘ Das zu verkündigen, ist jetzt der Kirche aufgetragen."

Den Zwangssterilisierten müssen diese seelsorgerischen Ratschläge zynisch erscheinen. Da ist es fast eher erträglich, wenn Hans Harmsen 1934 in der "Christlichen Volkswacht" ("Gedanken zur Ausschaltung Erbbelasteter") in aller Brutalität schreibt: "An die Stelle des Wahns von der Gleichheit aller Menschen ist wieder die Erkenntnis ihrer ursprünglichen Ungleichartigkeit getreten."

Hans Harmsen, unter mehreren kirchlichen Funktionen ist er ärztlicher Referent des Centralausschusses der Inneren Mission (Referat Gesundheitsfürsorge), will den von der Sterilisierung Bedrohten nahelegen, ein freiwilliges Opfer zu bringen, sich den medizinischen Metzgern selbst auszuliefern. Als "ehrenvolle Kämpfer um die Zukunft unseres Volkes" sollen sie gesehen werden. Zwei Absätze weiter verteufelt er sie jedoch gleich wieder als "Herde der Prostitution", die man einsperren müsse.

Harmsen, einer der Wegbereiter des Erbgesundheitswahns, ist im Dezember 1945 mit dem Aufbau der Akademie für Staatsmedizin in Hamburg betraut worden. Er wurde im September 1946 ordentlicher Professor für Hygiene und Sozialhygiene an der Hamburger Universität. Unter seinen zahlreichen Ämtern und Mitgliedschaften (er gehörte u. a. dem wissenschaftlichen Beirat des Bundesfamilienministeriums an) war der Vorsitz der Deutschen Gesellschaft für Ehe und Familie "Pro familia" erwähnenswert.

Von den Einrichtungen der Inneren Mission hatten die Bewohner Schlimmes zu erwarten – denn sie sterilisierten selbst, und das aus Überzeugung. Pseudo-wissenschaftliche Gläubigkeit und Patriotismus halfen offenbar die Entsetzensbekundungen und die Verzweiflung der schutzlosen Bewohner zu ignorieren. Niemand hat diese Form von Gläubigkeit besser beschrieben als der Betheler Direktor Carl Schneider, der später als Euthanasie-Professor in Heidelberg Karriere machte. Schneider auf einer Tagung der Nichtseßhaftenfürsorge ("Wandererfürsorge") Oktober 1933 in Goslar: "Auf die geistige Grundlage ... kommt es bei einem solchen Gesetz in erster Linie an. Für ein wissenschaftliches Experiment aus rationalistischen Erwägungen heraus ist das Gelingen durchaus zweifelhaft. Aber als verantwortlicher Versuch vor Gott, eine neue Zeit und einen neuen Menschen zu versehen, hat das Gesetz schon seine Berechtigung. Eine Fülle von Bedenken, die ich früher hatte, hat infolgedessen das neue Gesetz und die neue Zeit beseitigt."

Warnend meint sechs Jahre später Konrad Ernst, Dozent an der Universitäts-Klinik für Gemüts- und Nervenkrankheiten in Tübingen, es seien "falsche Hoffnungen" geweckt worden. Die Erbbiologie werde "keineswegs eine Ausrottung der Geisteskrankheiten" bewirken. In einem Artikel der "Psychiatrisch-Neurologischen Wochenschrift" (Nr. 21/1939) schreibt er: Besonders ein Irrtum sei heute "unter den Gesunden und scheinbar Gesunden weit verbreitet, nämlich der, daß die Erbkranken geradezu deutlich vom gesunden Stamm geschieden werden könnten wie das Schlechte und Unbrauchbare beim Linsengericht ... Nicht wird daran gedacht, daß über 90 Prozent der Schizophrenen von im wesentlichen gesunden Eltern abstammen."

Doch um wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse geht es nicht. Maßgeblich für die Ausführung des Gesetzes wird der offizielle Kommentar, der von dem Medizinaldirektor im Reichsinnenministerium Dr. med. Arthur Gütt, dem Juristen Falk Ruttke (Geschäftsführender Direktor des Reichsausschusses für Volksgesundheit beim Reichsministerium des Innern) und dem Psychiater Ernst Rüdin bearbeitet und erläutert wurde. Psychiatrie-Professor Rüdin hatte die Sterilisierung von Trinkern schon 1903 gefordert.

Das Vorwort beruft sich auf die "Denkweise des Führers". Hitler habe schon in seinem Buch "Mein Kampf" gesagt: "Wer körperlich und geistig nicht gesund und würdig (!) ist, darf sein Leid nicht im Körper seines Kindes verewigen." Der Volkskörper solle gereinigt werden. Die Kommentatoren: "Das Gesetz ist demnach als eine Bresche in das Geröll und die Kleinmütigkeit einer überholten Weltanschauung und einer übertriebenen selbstmörderischen Nächstenliebe der vergangenen Jahrhunderte anzusehen.

Der Nationalsozialist Arthur Gütt hat das Gesetz am 26. Juli 1933 mit einer Rede im Reichssender öffentlich begründet. Die "dauernde Zunahme von Menschen ... die aus Gründen der Vererbung minderwertig und asozial, also völlig unbrauchbar für das Leben" seien, könne nicht länger hingenommen werden. Alleine für Geisteskranke, Taubstumme und Blinde würden jährlich etwa 170 Millionen Reichsmark ausgegeben. "Ferner dürfen wir nicht vergessen, daß Verbrecher, Arbeitsscheue, asoziale Menschen zum großen Teil... aus der Zahl der Schwachsinnigen und geistig Minderwertigen sich rekrutieren." Die Unfruchtbarmachung sei das einzig sichere Mittel, Vorsorge für die nächste Generation zu betreiben.

Menschlichkeit, Mitleid, Mitgefühl werden in diesen Jahren zu Schimpfwörtern. Walter Groß, Leiter des Aufklärungsamtes für Bevölkerungspolitik und Rassenpflege, schreit am 1. September 1933 auf dem Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg mit überschwappenden Stimme:

"Die verkehrte Auslese, die die hochwertigen Erbstämme nur allzuoft im Kampf ums Dasein zugrunde gehen läßt, während sie zugleich die minderwertigen, ja schädlichen mit unendlicher Sorgfalt umgibt und damit im Grunde wieder nur dafür sorgt, daß Minderwertiges neu geboren und gezüchtet wird, hier hat der Geist eines pazifistisch-liberalen Zeitalters seine furchtbarsten Blüten getrieben. Wir alle haben mit Erschrecken erlebt, daß Staat und Gesellschaft ihre Mittel mitleidig und barmherzig für die Erhaltung von Verbrechern und Geisteskranken und Schwachsinnigen und Idioten einsetzte und dafür Millionen und Abermillionen zur Verfügung stellten, während zugleich für den einfachen, gesunden Sohn des Volkes kaum Geld für ein trockenes Stück Brot da war."

Auch wenn es gelogen war – in den psychiatrischen Anstalten herrschen erbärmliche Zustände – Groß heimst Beifall ein, wenn er weiter schreit: "Wo den Nachkommen von Säufern, Verbrechern und Schwachsinnigen Paläste gebaut werden, indes der Bergarbeiter oder der Bauer mit einer kümmerlichen Hütte vorliebnehmen muß, wo Unsummen für Fortbildungsschulen von Schwachsinnigen zur Verfügung stehen, während der begabte Sohn aus dem Volke nicht die Mittel findet, um seine hochwertigen Anlagen zur Entfaltung zu bringen, da geht ein solches Volk mit Riesenschritten seinem Ende entgegen ... Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses wird uns für die Zukunft von jenen Ballastexistenzen befreien, die immer und ewig die Kraft unseres Volkes nur lähmen würden."

Die Fürsorgelasten seien nicht mehr tragbar, heißt es in der Einführung des offiziellen Kommentars zum Sterilisierungsgesetz. Es gehe nicht um einen Gelehrtenstreit über Begriffe, sondern um "artgemäße Erb- und Rassenpflege". Der "Zuchtgedanke" sei "Kerngehalt des Rassedenkens". Man müsse zu "artgemäßem Recht" zurückfinden. Recht ist eben, auch dies wird in der Einführung zitiert, was dem Volke, sprich: den NS-Machthabern nützt.

Daß es nicht um Begriffe und gesicherte Erkenntnisse geht, zeigt schon, daß jeder, der auch nur ein einziges Mal "an einem manisch-depressiven oder schizophrenen Krankheitsfall oder Schub gelitten hat", zu sterilisieren ist. Der "Nachweis der Erblichkeit der Schizophrenie (ist) im Einzelfall nicht erforderlich". Recht ist, was dem Unrecht nutzt: Nicht einmal eine Heilung bewahrt das Opfer vor dem Messer: "Bei der Schizophrenie ist mit aller Schärfe zu betonen, daß eine leichte Ausprägung eines Falles oder eine kurze Dauer des Schubs oder die mehr oder weniger vollkommene Heilung von einem Schübe oder eine starke bis zur völligen sozialen Verwendbarkeit gehende Remission, gleich, ob mit oder ob ohne Behandlung ... durchaus keine Gegengründe gegen die Unfruchtbarmachung sind."

Ähnlich ist gegen Manisch-Depressive vorzugehen. Sie sind zu sterilisieren, selbst wenn die "Symptome geistiger Störung nicht mehr oder kaum nachzuweisen sind". Im Gegenteil: Gerade ein milder und günstiger Verlauf ist für die Fortpflanzung "am allergefährlichsten". Sterilisationsbefürworter Karl Bonhoeffer: "Besonders unpopulär wurde das Gesetz durch die Anordnung, daß auch Gesunde, die vor Jahren einen Krankheitsschub gehabt hatten, aber längst wieder im Erwerbsleben standen, nachträglich einem Erbgesundheitsverfahren unterzogen wurden."

Wenig diagnostische Anforderungen waren ebenso an den Begriff "schwerer Alkoholismus" geknüpft, von dem selbst die NS-Mediziner nicht behaupteten, es handle sich um eine Erbkrankheit. Besonders der schwammige Begriff "Schwachsinn" diente dazu, unerwünschte Personen zu sterilisieren. Gütt/Rüdin/Ruttke in ihrem Kommentar: "Wenn im Gesetz von ,angeborenem‘ Schwachsinn gesprochen wird, so hat die Wahl des Wortes angeboren’ ihre Bedeutung darin, daß im Einzelfall nicht regelmäßig der Beweis der Erblichkeit angetreten werden muß. Es reicht vielmehr. .. schon die Tatsache aus, daß der Schwachsinn angeboren ist, das heißt, daß er früh erkennbar wurde."

Als "Hauptkriterien" des angeborenen Schwachsinns werden unter anderem "eingeengte Auffassungsgaben", "beschränkte Urteilsfähigkeit", "schlechte Anpassungsfähigkeit" und "Unselbständigkeit im Überlegen, Urteil und Handeln" genannt. Es sind Kriterien, die auf jeden Parteigenossen passen, der die Maxime "Führer befiehl, wir folgen!" beherzigte. Gemeint waren jedoch vor allem die Hilfsschüler ("Kritiklosigkeit gegenüber Beeinflussungen" machte sie u. a. verdächtig). Namentlich die Mädchen konnten – bei Einwilligung des Vormunds – schon nach dem zehnten Lebensjahr sterilisiert werden.

Wer die Fachliteratur von 1933 an liest, kann nur Scham und Empörung empfinden, mit welchem Jagdeifer schon 1933 die Hatz auf Sterilisierungsopfer einsetzt. Es gibt Hilfsschullehrer, die sich eilfertig an der Sterilisierungs-Kampagne beteiligen und den Gerichten Belastungsmaterial über ihre Schüler andienen, so daß die Hilfsschule in den Verruf einer "Eunuchen-Anstalt" gerät Überall fahnden freiwillige Helfer, um auch Bettler oder Trinker unfruchtbar machen zu lassen. Viele Krankenhäuser wetteifern, eine staatlich anerkannte Sterilisierungs-Einrichtung zu werden. Private und kirchliche Anstalten werden nicht zur Durchführung der Operationen gezwungen, doch gerade Diakonie-Anstalten reihen sich bereitwillig in den Dienst der Rassenhygiene ein.

Von den Opfern wird sogar erwartet, daß sie sich freiwillig als "Erbkranke" melden: "Nicht wahr, Du wirst die Wahrheit sagen, wenn Du gefragt wirst", heißt es im Aufruf eines Wuppertaler Taubstummenseelsorgers. "Schenke Deinem lieben Volke, was es von Dir fordert! Bringe ihm dieses Opfer aus dankbarer Liebe! So will es Gott."

Die Nationalsozialisten verlassen sich lieber auf die systematische Erfassung. Zahnärzte, Dentisten, Masseusen, Heilpraktiker, selbst Kurpfuscher sind verpflichtet, "Erbkranke" dem Amtsarzt zu melden. Natürlich auch Hebammen und Ärzte. Schmacke/Güse haben am Beispiel Bremens beschrieben, wie ärztliche Akten (auch "Krüppelakten"), Gerichtsakten und die Schulgesundheitskarteien auf Opfer durchforstet werden, wie Lehrer, Fürsorger, Ärzte usw. zusammenarbeiten, damit möglichst auch alle erfaßt würden.

Was NS-Mediziner vorgegeben hatten, setzten die sogenannten Erbgesundheitsgerichte in Urteile um. Das Erbgesundheitsgericht war einem Amtsgericht angegliedert. Es bestand aus einem Amtsrichter als Vorsitzendem, einem beamteten und einem weiteren Arzt. "Bei der Auswahl der Ärzte ist noch besonders darauf zu achten", heißt es im Kommentar zum Sterilisierungsgesetz, "daß diese Ärzte auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung stehen ..."

Der Psychiater Bonhoeffer hat 1936 von Reichsjustizminister Gürtner statistische Angaben erhalten. Demnach sind 1934 62 463 und im nächsten Jahr 71 760 Anordnungen zur Unfruchtbarmachung ergangen, denen lediglich 4874 bzw. 8976 Ablehnungen der Sterilisierung gegenüberstehen.

Gerichtet wurde im Schnellverfahren. Denn die Aufgabe war, "erbkranken Nachwuchs zu verhüten", wie es im offiziellen Kommentar von Gütt/Rüdin/Ruttke heißt: "Diese Aufgabe verlangt schnelle Verfahren." Lobend wird die Praxis des Erbgesundheitsgerichts Hamburg erwähnt, wo zur Beruhigung (und Täuschung) der zu Verurteilenden "nicht im Talar und an kleinen Tischen im Sitzen" verhandelt wird. "Auch die Einrichtung eines Wartezimmers, in dem wie beim Arzt Zeitschriften – aber keine medizinischen oder rassenhygienischen! – ausliegen, ist in diesem Sinne zu begrüßen."

Es sei auch nicht falsch, so die Kommentatoren weiter, den Erbkranken oder seinen gesetzlichen Vertreter anzuhören. Im übrigen sei der Ausdruck "rechtliches Gehör" jedoch nicht "wörtlich" zu nehmen: "Der Betroffene hat also keinen Anspruch darauf, an allen Beweiserhebungen, insbesondere Zeugen- und Sachverständigenvernehmungen, teilzuhaben." Auch Rechtsanwälte werden als störend empfunden. Schmacke/Güse zitieren den Bremer Kreisarzt Dr. Schwarz:

"Entsprechend dem bei sonstigen behördlichen Maßnahmen geübten Verfahren haben einzelne Erbkranke oder deren Angehörige mangels Einsicht und wegen Unbelehrbarkeit versucht, durch Zuhilfenahme von Rechtsanwälten um die erforderliche Unfruchtbarmachung zu kommen. Bis auf seltene Ausnahmen hat sich das Auftreten der Rechtsanwälte vor dem Erbgesundheitsgericht als lediglich störend und verwirrend, in keinem Fall aber eigentlich als fördernd erwiesen."

Wer vors Erbgesundheitsgericht kommt, hat praktisch keine Chancen, dem programmierten Schicksal zu entgehen. Gisela Bock, die 1986 im Westdeutschen Verlag, Opladen, die umfassendste Arbeit zum Thema "Zwangssterilisation im Nationalsozialismus" vorgelegt hat (allen empfohlen, die sich tiefer mit der Problematik befassen wollen), bringt die Gerichtsbarkeit auf die Formel: statt in dubio pro reo (im Zweifel für den Angeklagten) in dubio pro patria (im Zweifel für das Vaterland). Die Professorin für neuere Geschichte zitiert dazu den Hamburger Richter Carl Gerhard Meinhof, der 1935 auf einem rassenhygienischen Schulungskurs das Erbgesundheitsgericht als Kriegsschauplatz charakterisierte: "Die Schlacht, die im Erbgesundheitsgericht geschlagen wird, geschieht für das ganze Volk und seine Kinder."

Gisela Bock verweist auf einen Gesetzeskommentar von 1935 (Erich Ristow: Erbgesundheitsrecht), wonach in der Rassenhygiene "immer" der Grundsatz herrschen müsse, "lieber einmal zuviel ab zu wenig sterilisieren". Denn: "Nicht darin liegt die Gefahr für die Nation, daß sich ein Dutzend Verbrecher zuviel, sondern daß sich 100 000 zu wenig sterilisieren lassen." – Die Urteile begnügten sich im übrigen häufig mit einer Schreibmaschinenseite oder mit einem zweiseitigen Vordruck, in den dann nur noch die Personalien und die "Erbkrankheit" einzutragen sind.

Von allen gesellschaftlichen Gruppen hat die katholische Kirche die Sterilisierungen am entschiedensten und grundsätzlich abgelehnt. Die jahrelange Propaganda hat jedoch auch innerhalb des katholischen Lagers ihre Spuren hinterlassen. So schreibt der Herausgeber des Jahrbuchs der Caritaswissenschaft, Prof. Dr. Franz Keller, 1934 über das Thema "Das Wesen der Katholischen Caritas und ihr Zeitbild": "Echter Caritasdienst muß Rassenhygiene sein, weil nur durch die Aufartung des Volkes auch die beste Grundlage für die Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden geschaffen wird, weil die Aufartung des Volkes Lebensgestaltung, Lebensbereicherung bedeutet und so im Dienste des Schöpfers und Erlösers steht."

Im gleichen Jahr bringt der Paderborner Verlag Ferdinand Schöningh einen "Grundriß der Rassenkunde" heraus. Der Jesuit und Anthropologe Hermann Muckermann sieht darin die "Fremdrassigen" als eine Gefahr für das deutsche Volk. Mit Nachdruck fordert er, die Eheschließungen mit Fremdrassigen zu meiden: "Man berufe sich nicht auf die Taufe, die aus einem Juden einen Christen macht. Die Taufe macht den Menschen zum Gotteskind, aber ändert niemals sein Erbgefüge." Nur eine Gefahr schätzt er für die deutsche Erbgesundheit noch höher ein: "Noch viel ernster als die Störung der rassenmäßigen Zusammensetzung eines Volkes ist die ungleiche Fortpflanzung der Erbgesunden und Erbkranken." Muckermann hatte sich schon vorher als Wanderprediger der Erbhygiene betätigt und sich vom Orden dafür freistellen lassen: 1926 war er Leiter der Abteilung Eugenik am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin-Dahlem geworden, 1933 aber bei den Nationalsozialisten in Ungnade gefallen. Er hat unmittelbar nach dem Krieg weiterhin verkündet, das deutsche Volk sei von den "Minderwertigen" bedroht – so als seien nicht Hunderttausende dem Erbgesundheitswahn zum Opfer gefallen.

Wie das Erbhygiene-Denken auch auf Katholiken Einfluß genommen hat, zeigt ein Aufsatz, der sich 1937 in der Paderborner Zeitschrift "Theologie und Glaube" findet. Er trägt den wundersamen Titel: "Die Heilung der Erbschäden in der Unbefleckten Empfängnis Mariens und in der Taufe." Autor ist Pater Dr. Haverott, der ganz zeitangepaßt die "körperliche Konstitution" der Gottesmutter schildert. Maria habe eine "kräftig gewachsene gestaltvolle körperliche Natur" besessen – sozusagen eine Arierin, wenn auch jüdischer Abstammung. Der Pater, der die "natürliche Erbmasse der Gottesmutter" preist und von Christus und Keimzellen schreibt, wirkt jedoch wie ein harmloser Spinner gegenüber dem, was Werner Wallner 1937 im Jahrbuch der Caritaswissenschaften (ohne "Imprimatur") verbreitet. Unter der Überschrift "Die deutschen Eheschutzgesetze und unsere Mündel" heißt es da:

"Bis jetzt ist so viel deutlich sichtbar, daß Juden, Neger, Zigeuner dem deutschen Blut nicht artverwandt sind. Ihr Blut verträgt sich nicht..." Der Staat habe in seiner Ehegesetzgebung eine Gärtneraufgabe übernommen. Es sei die Aufgabe der Regierung, ungeeignetes Saatgut und Fremdgewächse zu entfernen. "Die rein negativen, privativen Maßnahmen, der Reinigungsprozeß aber soll nur die Vorstufe, die unerläßliche Rodungsarbeit sein. Die sog. ,ausmerzenden‘ Maßnahmen gehen nur (!!) einzelne Volksgenossen an, Geisteskranke, Erbkranke, Trinker, Verbrecher, geistig Gestörte usw." Eine verrohte Zeit fördert verrohtes Denken und gibt die Schwachen preis.

Aufschlußreich ist das Gespräch, das der Münchener Kardinal Faulhaber am 4. November 1936 mit Hitler geführt hat (die von Ludwig Volk herausgegebenen "Akten Kardinal Michael von Faulhaber" sind im Matthias-Grünewald-Verlag in Mainz erschienen). Faulhaber notierte nach dem Treffen, an keinem Punkt der Aussprache "drohte die Ruhe der Auseinandersetzung so in die Brüche zu gehen" wie bei der Rassengesetzgebung. "In diesem Punkt hatten die Hoftheologen der Partei offenbar die Erlaubtheit der Sterilisierung schon zugegeben. Meine Antwort: Von kirchlicher Seite, Herr Reichskanzler, wird dem Staat nicht verwehrt, im Rahmen des Sittengesetzes in gerechter Notwehr diese Schädlinge (!) von der Volksgemeinschaft fernzuhalten. In diesem Obersatz sind wir einig. Wir gehen auseinander in der Frage, wie sich der Staat gegen die Verderbnis der Rasse wehren kann."

Nachdem man über Muckermann geredet hat ("statt der körperlichen Verstümmelung müssen andere Abwehrmittel gefunden werden"), meint Faulhaber, zu internieren sei besser als zu sterilisieren. Hitler daraufhin: "Soll also der Kampf der Kirche gegen die Rassengesetze des Dritten Reiches weitergehen?" Der Kardinal beruhigend und auf die Tolerierung der Ehescheidung anspielend: "Herr Reichskanzler! Es hat auch früher unter der Monarchie Staatsgesetze gegeben, die vom staatlichen Gesetzgeber für eine Notwendigkeit, von der Kirche aber abgelehnt wurden... So wird sich auch in anderen Fragen, in denen die Kirche ihren dogmatisch sittlichen Auftrag nicht verlassen kann, trotzdem ein modus vivendi finden..." Hitler scheint zufrieden gewesen zu sein, denn Faulhaber notiert: "Der Herr Reichskanzler war, so machte es den Eindruck, in dieser Frage ruhiger geworden."

Damit ist die Haltung der katholischen Kirche, die – es sei noch einmal wiederholt – von allen gesellschaftlichen Kräften den grundsätzlichen Widerstand gegen die Sterilisierungen geleistet hat, beschrieben. Man muß das Gesetz dulden, zumal viele katholische Mitarbeiter (Beamte, Ärzte und Schwestern) Schwierigkeiten am Arbeitsplatz befürchten. Man sucht zu vermeiden, direkt beteiligt zu werden. Das führt allerdings zu Kompromissen der Art, daß es einem Katholiken nicht erlaubt ist, einen Antrag auf Sterilisierung zu stellen, daß er eine Erbkrankheit jedoch anzeigen darf – was im Ergebnis auch zur Unfruchtbarmachung führt.

Bedrückend – sicher nicht nur aus heutiger Sicht – bleibt, wie die Sterilisierten als besondere Gefahr gesehen werden. So schreiben der Freiburger Erzbischof Gröber und der Osnabrücker Bischof Bertling am 3. November 1933 dem Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz (Kardinal Bertram), wie ihre Verhandlungen über die Ausführungsbestimmungen des Gesetzes im Reichsinnenministerium verlaufen sind: "Die Vertreter des Episkopates machten darauf aufmerksam, daß sich mit der Durchführung des Gesetzes für die private und öffentliche Sittlichkeit große Gefahren ergeben; denn die sterilisierten Männer und Frauen können sich nun ihrem Geschlechtsleben hemmungslos überlassen, da ja aus ihrem Verkehr keine Nachkommen entstehen. Von Seiten der Regierung wurden hier Schutzmaßnahmen zugesagt."

Acht Jahre später noch, am 24. Juni 1941, notiert Bischof Ludwig Sebastian (Speyer) von einer Sitzung der Fuldaer Bischofskonferenz: "Die Gefahr der Sterilisierten. Sie bilden eine öffentliche Gefahr."

Eine öffentliche Gefahr stellten sicher ganz andere dar. Und wie menschenfern muß jemand sein, der die Sterilisierten verschrie, sie würden sich nun hemmungslos ihrem Geschlechtstrieb überlassen. Wer redet von den unglücklichen Menschen, die sich lieber umbrachten, als die Schande zu ertragen? Wer redet von jenen, die auf dem Operationstisch starben? Wer einmal Berichte von Sterilisierten gelesen hat, wird zutiefst beschämt sein, was man ihnen angetan hat: die körperlichen Schmerzen, an denen noch heute viele leiden, die seelischen Wunden, die nie vernarbten. Hemmungsloser Geschlechtsverkehr? Viele konnten nie mehr lieben wie zuvor, viele überhaupt nicht mehr. Wer sterilisiert war, hatte das Brandzeichen: minderwertig, ein Schädling zu sein. Die noch lebenden Opfer und ihre Familien leiden bis heute unter diesem Makel.

Rund 400 000 Menschen sind bis 1945 sterilisiert worden. Es ist eine geschätzte Zahl, weil die nationalsozialistischen Stellen Zahlenangaben vermieden, um die Bevölkerung nicht noch mehr zu beunruhigen. Die meisten wurden in den ersten Jahren unfruchtbar gemacht (beim Mann wird der Samenleiter, bei der Frau der Eileiter durchtrennt). Eine Einschränkung brachte die Verordnung vom 31. August 1939: der Kriegsbeginn führte zur Einberufung zahreicher Richter und Ärzte, und der Massenmord ("Euthanasie") an Kranken, Behinderten und anderen "unnützen Essern" begann. Sterilisiert wurde jedoch im verminderten Umfang bis 1945.

Es bringt nicht viel, die Nachkriegsdiskussion nachzuzeichnen, ob das Sterilisierungsgesetz verwerflich gewesen sei oder nicht. Das Nürnberger Militärtribunal, das mit der Untersuchung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewiß ausgelastet war, reihte es nicht unter die Rassengesetzgebung ein. Und die Mediziner – die an den Sterilisierungen beteiligt waren – bechworen wortreich, Unfruchtbarmachung von "Erbkranken" habe nichts mit Nazi-Gesetzen zu tun gehabt (oft genug standen Menschen, die als Opfer nationalsozialistischer Verfolgung anerkannt werden wollten, Gutachtern gegenüber, die rückhaltlos mitgemacht hatten).

Es gab in den Nachkriegsjahren sogar Bemühungen, einen neuen Gesetzentwurf durchzubringen. Güse/Schmacke in ihrer Untersuchung "Zwangssterilisiert": "Den Protokollen des Wiedergutmachungsausschusses des Deutschen Bundestages ist zu entnehmen, daß die amerikanischen Behörden Prof. Villinger damit beauftragt hatten, ein derartiges Gesetz zu entwerfen." Die Wahl Villingers machte das ganze Dilemma deutlich: Werner Villinger ist Beisitzer der Erbgesundheitsobergerichte in Hamm und Breslau gewesen. Er war 1934 Chefarzt in Bethel geworden und gehörte zu den überzeugten Anhängern der Rassenhygiene. "Blut und Rasse" bedeuteten ihm lebendige Werte. "Mit Schaudern" dachte er 1935 auf der Jahresversammlung der Christlichen Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung an die Weimarer Zeit, als "Fortschrittsglaube, Freihandel, Frauenemanzipation, Pazifismus, Freihandel, Gleichheit aller Menschen" die Geister verwirrt hätten.

Villinger ist 1939 Ordinarius für Psychiatrie und Neurologie an der Breslauer Universität geworden und hat sich im März 1941 als Gutachter für die Berliner Euthanasie-Zentrale anwerben lassen. Er hat 1961 – obwohl er auf die Bedeutung eines Meineides ausdrücklich hingewiesen wurde – vor einem Amtsrichter in Marburg kategorisch verneint, an der Selektion von Euthanasie-Opfern beteiligt gewesen zu sein. Sein ehemaliger Assistenzarzt Helmut Ehrhardt – wie Villinger Professor in Marburg – hat die Aussage bestätigt ("Es ist ausgeschlossen, daß Prof. Villinger in dieser Angelegenheit Gutachten erstattet hat").

Villinger, Ehrhardt und andere vertraten die Meinung, die Sterilisierungen seien rechtens gewesen. Als Experte wurde 1965 auch der Betheler Pastor v. Bodelschwingh zur Frage der Wiedergutmachung gehört. Ein nicht ganz neutraler Experte, war doch in den v. Bodelschwinghschen Anstalten etwa jeder dritte Anstaltsbewohner sterilisiert worden (insgesamt 1093 Patienten). Güse/Schmacke, die die Nachkriegsdebatte ausführlich dargestellt haben: "In Bethel wurden 1934 insgesamt 3069 Patienten betreut, Ende 1934 waren bereits 1970 Sterilisierungsanzeigen erfolgt." Das heißt: Die Anstalt hatte weitaus mehr Bewohner angezeigt als die mit regimetreuen Ärzten besetzten Erbgesundheitsgerichte für berechtigt hielten.

Pastor v. Bodelschwingh meinte 1945, das Gesetz sei eine Hilfe gewesen, für die Regelung habe vor allem bei den Schwachsinnigen ein Bedürfnis bestanden. Eine Entschädigung lehnte er ab, weil Wiedergutmachungsansprüche neues Leid über die Sterilisierten brächte: "Gäbe man den Sterilisierten selbst einen Entschädigungsanspruch", hat das Protokoll des Wiedergutmachungsausschusses des Bundestages festgehalten, "so werde nur Unruhe und neues schweres Leid über diese Menschen gebracht, die diese Dinge nicht übersehen können ..."

Diese Argumentation wird zwei Jahre später von einer Stellungnahme des damaligen Finanzministers Franz Josef Strauß übertroffen. Auf die Frage des Bundestagsabgeordneten Mick, ob die Bundesregierung die Absicht habe, die Zwangssterilisierten zu entschädigen, antwortet Strauß am 17. November 1967:

"Bei unserer derzeitigen Haushaltslage bin ich der Meinung, daß eine solche Maßnahme auch finanziell nicht zu verantworten wäre. Da im Bundesgebiet heute etwa 175 000 bis 200 000 Zwangssterilisierte leben dürften, würde sich eine finanzielle Belastung von fast einer Milliarde DM ergeben, wenn man jedem der Betroffenen auch nur eine Entschädigung von 5000,– DM gewähren würde ... Gegen eine Pauschalabfindung spricht überdies noch, daß von dem genannten Entschädigungsbetrag von fast einer Milliarde Mark bis zu 60 Prozent an Geisteskranke, Schwachsinnige oder schwere Alkoholiker gezahlt werden würde."

Finanzminister Hans Matthöfer handelte 1980 anders. Er billigte den Zwangssterilisierten einen Pauschalbetrag von 5000 Mark zu. "Zur Abfindung der durch die Zwangssterilisation erlittenen Nachteile", heißt es in der Vereinbarung, die jeder Antragsteller unterschreiben muß, "zahlt der Bund ohne Anerkennung einer Rechtspflicht dem/der ... eine einmalige Entschädigung ..." Das Verdienst, daß diese Regelung getroffen wurde, kommt dem Bremer Taubstummenlehrer Horst Biesold und dem Bundestagsabgeordneten Ernst Waltemathe zu.

Biesold kommentierte die Entschädigung, die keinen Rechtsanspruch bedeutet, sondern in großzügiger Auslegung des allgemeinen Kriegsfolgegesetzes gezahlt wird, 1981 in einer Gehörlosen-Zeitung: "Das ist ein Betrag, der nicht einmal die Höhe der monatlichen Diäten eines Bundestagsabgeordneten erreicht. Eine Entschädigung also? – Niemand wird ernsthaft behaupten wollen, mit dieser Zahlung könne man das Nazi-Unrecht wiedergutmachen."

"Es darf an dieser Stelle erlaubt sein", so Biesold weiter, "nochmals auf die entsetzlichen Schicksale von neun Prozent sterilisierter gehörloser Frauen aufmerksam zu machen, die mit brutaler Gewalt Schwangerschaftsabbrüche ... bis hin zum neunten (!) Schwangerschaftsmonat über sich ergehen lassen mußten." Die Schwangerschaftsunterbrechung aus rassenhygienischer Indikation war 1935 möglich geworden.

Was die Menschen zu erleiden hatten, zeigt der Bericht einer gehörlosen Frau, der in einer Broschüre der Redaktion "Sehen und Hören" (Bayerisches Fernsehen) 1982 veröffentlicht wurde: "1938 wurde ich schwanger. Zuerst habe ich es nicht geglaubt. Meine Mutter war sehr erschrocken, weil ich schwanger war. Wir sind zum Frauenarzt gegangen. Er hat mir gratuliert. Ich war wirklich schwanger. Aber ich war doch sterilisiert! Ich mußte in die Frauenklinik. Man hat mir meine Kleider weggenommen. Ich mußte dableiben. Ich wollte nach Hause, aber sie haben mich im Zimmer eingeschlossen. Ich wollte fliehen, aber ich bin gepackt worden. Ich war verzweifelt. Ich wollte aus dem Fenster rausspringen. Nach der Operation bin ich in der Intensivstation aufgewacht. Die Schwester sagte: Es war ein Bub. Er war normal. Die Schwester hat gesagt, daß sie schweigen muß."

Die gehörlose Frau hatte immerhin das Glück, daß ihr Verlobter zu ihr hielt, was aber auch bedeutet, daß über zwei Menschen Erniedrigung und Schmach kam: "1938, nach der Abtreibung wollten wir unbedingt heiraten. Der Standesbeamte sagte, daß ich noch mal sterilisiert werden muß... Schweren Herzens ließ ich mich noch mal sterilisieren. 1941 konnten wir heiraten. Ich war so traurig ohne Kinder. Und der Liebesakt war nicht wie vorher."

Kein Mensch kann ermessen, was in dieser Zeit Menschen angetan wurde. Von den als "lebensunwert" in die Gaskammern Verschleppten oder in den Anstalten zu Tode Gehungerten ganz zu schweigen. Wer aber überlebte, trug zum Leid noch die Schmach. Wurde noch einmal tief gedemütigt: Das Geschehene sei rechtens gewesen, an Schwachsinnige und Säufer werde man kein Geld verschwenden. Vieles wurde gesagt aus Unkenntnis. Vieles aber auch, um nicht zugeben zu müssen, an der Verfolgung beteiligt gewesen zu sein.

Redaktionell verantwortlich für das Extra: Rainer Frenkel