Hilversum, Beromünster, Kalundborg, Bruxelles – der Zeiger rollt langsam durchs müde Licht der Skala. Hier ein Räuspern, dort ein Tango, ein Mann spricht über Obst. Ein wenig Staub auf den Knöpfen, im Hause ist es still.

Plötzlich diese Stimme – mit gar nichts zu vergleichen. Es ist 22.30 Uhr, eingeschaltet das Dritte Programm. „Und wie jeden Tag um diese Zeit“ – ein kostbarer Moment Stille, vielleicht das Rascheln von Papier – „das Notturno“. Eine Frauenstimme. Die Frauenstimme für die Ansage klassischer Musik. Es gibt natürlich auch noch andere Frauenstimmen. Nette, gelangweilte, interessierte, animierende Frauenstimmen, die alle sagen können: „Zu Beginn das Violinkonzert, opus 47, von Jean Sibelius, mit den Sätzen...“ Sicherlich gibt es diese Frauenstimmen.

Es gibt auch Männerstimmen. Dann klingt es immer wie eine Gebrauchsanweisung: Man schraube B-Dur in a-Moll, versehe die Triosonate mit einem ausreichenden Adagio und drehe den dritten Satz in Richtung Gavotte.

Aber eigentlich gibt es nur diese eine Stimme. Wenn sie beginnt, muß alles schweigen. Sie sagt, jetzt beginne die Sinfonie Soundso, gespielt von dem Soundso-Orchester unter der Leitung von Demunddem, und was man so sagt, wenn man klassische Musik ansagt, die übliche Zauberformel. Doch wie sie es sagt, dunkel, hart, sibyllinisch, gralsgewiß, maestoso, meint sie etwas anderes.

Jetzt, Freund, sagt sie, beginnt das Eigentliche. „Köchelverzeichnis 504“, sagt sie und meint: der Sinn der Welt. Schau dir nur an, woran dein Herz hängt, was deinen Stolz ausmacht, die Frau, die Kinder, die Wohnung, schau dich selbst an im Spiegel, und dann höre: Adagio, Andante, Finale – Presto. Hör – und werde!

Vergiß, sagt sie, wie die Musik mißbraucht und geschunden wird, täglich, im Kleinen, als Geräuschkulisse in jedem Kaufhof, jedem Restaurant, und im Großen. Vergiß, wie beim Pompbegräbnis jedes kleinen Tyrannen Chopins großer Trauermarsch zerstampft wird; vergiß, wie beim jüngsten Terroranschlag des Süddeutschen Rundfunks, der Mercedes-Show „Die Zukunft hat Geburtstag“, Beethovens Hymnus an die Freude (an die Freiheit) zur Konsumfanfare verstümmelt wurde, vergiß, sagt sie, und höre: Adagio, Andante, Finale – Presto. Welch ein Bekenntnis in diesen paar Worten; ein Jahrtausend europäischer Glaubensgeschichte in zehn Sekunden.

Ja, jetzt beginnt „das Notturno“, jetzt hört das andere auf. Jetzt muß das andere schweigen. Wer immer vorher zu hören war (und es gibt soviel zu hören im Dritten Programm), Professor Habermas, Minister Wörner, Peter Handke oder Wolfram Siebeck – jetzt ist es genug des Scherzens,

Schließ die Tür, sagt sie zu allen, die vielleicht noch beim Abendbrot sitzen, halt die Uhr an, leg die Käseschnitte weg, hör auf zu schmatzen. Jetzt beginnt es. So wird es sein, denke ich, fröstelnd im warmen Bett, auch am letzten Tag, Die Sondernachrichten haben das Unfaßbare gemeldet: Über der Schweinebucht regnet es Fallschirme, am Chamissoplatz wird schon geschossen, langsam öffnen sich, in Prärie und Taiga, die Raketensilos. Dann ist es, wie jeden Tag, wieder Zeit für „das Notturno“, und jene Stimme, der wir in süßeren Nächten immer geglaubt haben und die hoffentlich auch an diesem Abend Dienst hat, wird, nach einer kleinen, kostbaren Stille – leises Rascheln von Papier – sagen: „Wir beginnen mit dem Konzert Es-Dur für Klavier und Orchester von Ludwig van Beethoven.“ Sie wird das Orchester, den Dirigenten und den Pianisten nennen. Und dann wird sie sagen: „Allegro, Adagio un poco mosso, Rondo – Allegro.“ Und noch bevor der erste Ton erklingt, werden, ich bin sicher, in unseren Augen Tränen stehen. Benedikt Erenz