Hamburg/Bremen

In Bremen sind 500 „Zivis“ durch die Straßen gezogen, hatten Schrubber und Schaufel bei sich, trugen Krankenhauskittel und OP-Häubchen – ihre gewöhnlichen Dienstutensilien. Und auf dem Marktplatz wurden nach der Demonstration zehn Zivildienstleistende symbolisch versteigert, „besonders günstig“. In Kiel haben sie „Thesen“ ans Kreiswehrersatzamt angeschlagen wie weiland Martin Luther zu Wittenberg: „Wir protestieren gegen den Beschluß, die Dauer des Zivildienstes auf 24 Monate zu erhöhen, wir protestieren gegen die Einplanung von Kriegsdienstverweigerern für den Kriegsfall (Lazarette, Bunkerdienst, Minenräumkommandos); wir protestieren gegen die Tendenz: Frauen in die Bundeswehr.

So wie in Bremen und Kiel ging es allerorten zu: „Streikfrühstücke“, Protestkundgebungen, Infostände. 8000 der insgesamt 58 000 Zivildienstleistenden, so schätzt ihre „Selbstorganisation“ (SO), machten letzten Donnerstag mobil, sanft und friedlich – und mit großem Groll gegen die Bonner Regierenden. Denn mit der Verlängerung der Wehrdienstzeit auf 18 Monate, die der Bundestag vorige Woche beschloß, wurde der Zivildienst automatisch auf 24 Monate verlängert, gültig ab 1989. „Dies steht jedoch in keinem Verhältnis mehr zueinander und kann auch nicht mit Reserveübungen begründet werden“, schrieben Zivildienstler aus dem baden-württembergischen Aalen an das Bundesamt für den Zivildienst. Auf den staatlichen Zivildienstschulen lerne man schließlich, daß die Reserveübungen, die die Bundeswehrpflichtigen nach ihrer Dienstzeit absolvieren müssen, „im Schnitt 3,5 Tage nicht überschreiten“. Gleich ein halbes Jahr länger dienen zu müssen, empfinden sie daher als Diskriminierung mit „Abschreckungseffekt“ und als eine „weitere Einschränkung des Grundreches auf Kriegsdienstverweigerung“.

Viele haben am Donnerstag auch gleich „gestreikt“. Für einige Stunden oder den ganzen Tag. Die „Selbstorganisation“ spricht von 2500 Streikenden, das Bundesamt weiß bislang, nach entsprechenden Meldungen aus den Einsatzstellen, erst von 1100. Sie werden nun mit Disziplinarverfahren bestraft. Denn „ebenso wie Soldaten“ haben sie „kein Recht für Dienstverweigerung“, wie das Zivildienstbundesamt anläßlich der letzten großen Streikaktion (4000 Disziplinarverfahren) 1983 schrieb. Geahndet werden kann das, laut Zivildienstgesetz, theoretisch mit „Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren“. Wahrscheinlich wird es aber auch bei der bisherigen Streikkampagne so ausgehen wie 1983. Die meisten dürften zu einer Geldbuße verdonnert werden, in der Regel zwischen 20 und 80 Mark.

Daß jetzt viel weniger „Zivis“ gestreikt haben als vor drei Jahren, obwohl die Zahl der Zivildienstleistenden seitdem drastisch gestiegen ist, führt ihr Bundesbeauftragter Peter Hintze (CDU) auf ein „gesteigertes Rechtsempfinden“ zurück. Als Hintze beim Hessischen Rundfunk in einer Jugendsendung interviewt wurde, wurden auch Originaltöne von demonstrierenden „Zivis“ aus Frankfurt eingespielt. „Da war nur einer bei, der gesagt hat, er sei wirklich im Streik, alle anderen

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