Das Schicksal, das die Gesellschaft für die Frau bereithält, ist die Ehe. Auch heute noch sind die meisten Frauen verheiratet, oder sie waren es, oder sie bereiten sich auf die Ehe vor, oder sie leiden darunter, daß sie nicht verheiratet sind.

Die Ehe bietet sich dem Mann und der Frau stets grundverschieden dar. Wirtschaftlich ist er das Haupt der Gemeinschaft, und infolgedessen verkörpert er die Frau in den Augen der Gesellschaft. Sie nimmt seinen Namen an, gliedert sich seiner Klasse, seinem Milieu ein. Sie gehört zu seiner Familie, wird zu seiner "Ehehälfte". Da er produktiv tätig ist, überschreitet er das Familieninteresse in Richtung auf die Gesellschaft und eröffnet der Familie eine Zukunft, indem er an der Errichtung der Zukunft der Gesamtheit mitarbeitet. Er verkörpert die Transzendenz. Die Frau bleibt der Erhaltung der Gattung und der Pflege des Haushalts vorbehalten, das heißt der Immanenz. In Wirklichkeit ist jede menschliche Existenz Transzendenz und Immanenz zugleich.

Es gibt wenig Aufgaben, die der Sisyphus-Qual verwandter sind als die Hausfrauenarbeit. Tag für Tag muß abgewaschen, abgestaubt und geflickt werden; doch morgen wird das Geschirr schon wieder benutzt sein, die Möbel staubig und die Wäsche zerrissen, ständig auf der Stelle tretend, verbraucht sich die Hausfrau. Sie verewigt zwar die Gegenwart. Aber sie bringt nichts vor sich. Sie hat nicht den Eindruck, ein positives Gut zu erwerben, sondern endlos gegen das Böse anzukämpfen. Ein Kampf, der sich tagtäglich erneuert.

Das Produkt der Hausfrauenarbeit muß sich also verbrauchen. Von der Frau, deren Tun sich nur in der Vernichtung der Ergebnisse dieses Tuns erfüllen kann, wird eine ständige Verzichtleistung gefordert. Damit sie sich damit abfinden könnte, müßte ihre aufopfernde Kleinarbeit wenigstens irgendwo Freude oder Vergnügen auslösen. Da jedoch die Hausfrauenarbeit sich darin erschöpft, den status quo zu erhalten, bemerkt der Mann, wenn er nach Hause kommt, zwar Unordnung und Nachlässigkeit, aber Ordnung und Sauberkeit scheinen ihm von selbst zu kommen.

Es hat Zeiten gegeben, in denen diese Ansprüche im allgemeinen befriedigt wurden, Zeiten, in denen das Glück auch das Ideal des Mannes war und er vor allem ganz an seinem Haus, an seiner Familie hing und auch die Kinder sich nach ihren Eltern, ihren Traditionen, ihrer Vergangenheit zu richten suchten. Damals regierte die Frau am Herd, hatte am Tisch den Ehrenplatz und war die anerkannte Herrscherin. Aber im allgemeinen gesehen ist die Ehe heute ein Rest überlebter Sitten, und die Situation der Hausfrau ist viel undankbarer als früher, weil sie noch dieselben Pflichten hat, diese ihr aber nicht mehr dieselben Rechte verleihen. Noch mehr als der Mann wollen die Kinder die Grenzen der Häuslichkeit überschreiten. Die Frau versucht, eine Welt der Beharrung und der Kontinuität aufzurichten. Mann und Kinder aber drängen aus dieser Welt heraus.

So kann die Arbeit, welche die Frau im Inneren der Häuslichkeit verrichtet, ihr keine Autonomie verleihen, denn sie dient nicht unmittelbar der Allgemeinheit, sie mündet nicht in eine Zukunft, sie erzeugt nichts. Diese Arbeit erhält ihren Sinn und ihre Würde erst, wenn sie sich Existenzen einordnet, die in der Erzeugung und Betätigung sich selbst in Richtung auf die Gesellschaft überschreiten.

Aus: Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, 1949.