Von Rüdiger Siebert

Da steht es dreirädrig und sehr exotisch im Prinzenhof zu Dein: ein über die südlichen Meere geholtes Becak, eine Fahrradrikscha, wie sie in ihrer indonesischen Heimat, tausendfach vertreten, den Personennahverkehr in Gang hält. Als museales Einzelstück im Delfter Winkel inspiriert sie zu einem gedanklichen Ausflug in koloniale Zeiten. Die Beförderungsdienste des Vehikels, mit dem sich am Äquator manch armer Schlucker seinen täglichen Reis erstrampelt, sind in Delft nicht vonnöten. Die Begegnung zweier Welten wird zum Spaziergang durch die Stadt. Ein paar Schritte neben dem bunt bemalten Becak erinnert das in ein Museum verwandelte ehemalige St.-Agatha-Kloster an das konfliktvolle Werden der niederländischen Nation und in unmittelbarer Nachbarschaft die Völkerkunde-Sammlung „Nusantara“ – das indonesische Wort für Archipel – an jenes Inselimperium, dessen Bewohner jahrhundertelang mehr oder weniger unfreiwillig den Reichtum holländischer Pfeffersäcke mehren halfen.

Sorgfältig sind die Blutspuren konserviert, die im Klostergemäuer den Meuchelmord an Wilhelm dem Schweiger markieren, der als Stammvater des niederländischen Königshauses gilt und im Kampf gegen die spanische Bevormundung eine führende Rolle gespielt hat. Ein gedungener Killer streckte den Oranje-Prinzen am 10. Juli 1584 nieder, was den Widerstand gegen Spanien stärkte. Die blutigen Spritzer an der Wand sind heutigen Schulklassen und Touristenscharen schaurige Attraktion. Nach der nationalen Einigung und Staatenbildung unter protestantischem Kreuzeszeichen drängten die jungen Niederlande hinaus in die Welt, suchten neben den spanischen, portugiesischen, britischen Konkurrenten auf den Ozeanen eigene Routen und konnten sich schließlich in der Inselwelt Südostasiens behaupten. Mit der Gründung der Vereinigten Ostindischen Kompanie, der VOC, war 1602 die Handelsgesellschaft geschaffen worden, die fast zwei Jahrhunderte lang zwischen Ceylon, Japan und den indonesischen Inseln dafür sorgte, daß die Säcke mit Pfeffer sowie anderen Gewürzen und Reichtümern gefüllt wurden, was den holländischen Händlern ihren Spitznamen „Pfeffersäcke“ eintrug. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hatten sie das einträgliche Sagen; dann übernahm der niederländische Staat die heruntergewirtschaftete VOC; die eigentliche Kolonialzeit begann.

Es gibt viele Wege, sich den Niederlanden reisend zu nähern. Die VOC ist einer der Wegweiser, der die Richtung aus der Vergangenheit in die Gegenwart zeigt. Geschichte, Seefahrt- und Kolonialgeschichte zumal, gehören zwischen dem südlichen Zeeland und Noord-Holland allerorten mit ihrer Hinterlassenschaft zum Alltag. Das 17., das „goldene Jahrhundert“, hat Hollands Innenstädte geprägt. Weltmacht zu sein, verlangte bauliche Zurschaustellung von Reichtum.

Delft ist nur ein Beispiel. Der Bummel entlang den Grachten verhilft noch heute zu historischer Besinnlichkeit. Wir spazieren dem schwarzen, von Bäumen überdeckten Schattenband des Kanals entlang. Kleinstädtisch wirkt das alles, Geborgenheit ausstrahlend. Zwei- bis dreistöckige Backsteinhäuser mit großen, in Rahmenkaros aufgeteilten Fenstern, ausgetretenen Steinstufen und polierten Klingelknöpfen aus Messing. Alles auf die Dimension von Fußgängern eingerichtet und auf eine vermeintlich kleine, überschaubare Welt zugeschnitten, die in sich selbst zu ruhen scheint. Verbindungen mit den Kontinenten jenseits der nahen Nordsee? Sie sind nicht auf den ersten Blick erkennbar. Doch dann gerät das berühmtberüchtigte VOC-Zeichen ins Visier. Gegenüber dem rotwuchtigen Arsenal, dem einstigen Waffenlager Hollands, steht in der langen Reihe der Bürgerhäuser eines, dessen Giebel herausragen und das V tragen, in das sich das O und das C einfügen. Hier war eine der Niederlassungen der Kompanie. Kontor und Lagerhaus sind ordentlich instandgesetzt, so als sei der Handel mit den Schätzen des Orients noch voll in Betrieb. Wir schauen uns um im Innern und sind ein wenig enttäuscht, weil da keine Lastenträger mehr zu sehen sind, keine aufgestapelten Säcke und auch keine Kaufleute mit gestärkten Kragen, sondern junge Leute, die den altehrwürdigen Bau mit dem Lärm des 20. Jahrhunderts füllen; das Haus dient Unterrichtszwecken.

Es kann spannend werden, wenn man sich erst einmal auf die Spurensuche in Sachen Pfeffersäcke einläßt. Von Middelburg bis Medemblik zieht sich die geschichtsträchtige Tour mit dem VOC als Leitmotiv. Eingetrieben in Kanonenrohre, als Eisenguß-Relief an verrosteten Ankern, auf Keramiktafeln über Stapelhäusern: überall VOC. Die großen und kleinen Städte im küstennahen Holland atmen in ihren alten Zentren trotz auspuffstarker Motorisierung noch immer etwas von jener Zeit weltumspannender Beziehungen. Eine solide Art von Kaufmannsstolz hat sich da in Fassaden verewigt. In den dunkel lackierten Türen der Häuser spiegelt sich Jahrhundert-Reichtum wider; in würdigem Blau, glänzendem Schwarz, mattem Grün sind sie gehalten; und wenn neuerdings mit sichtbarem Stolz die Jahreszahlen jener Epoche als Gütezeichen über den Türen nachgepinselt werden, läßt sich daran das historische Bewußtsein ihrer Besitzer ablesen. Auf vielen Hauswänden wird die Kombination von Sechzehnhundertsoundsoviel mit einem Handelsschiff unter vollen Segeln zum Gruß aus vergangener Epoche.

In den Museen sind die Konterfeis der Herren zu sehen, die den Kurs jenes goldenen Jahrhunderts bestimmten. Auf großflächigen Gemälden ließen sie sich schwarzgewandet und mit Spitzenhalskrausen abbilden. Die Methoden, auf der anderen Seite des Globus zu solcher Betuchtheit zu gelangen, waren alles andere als fein und menschenfreundlich, doch sie waren folgenreich. Das heutige Indonesien würde es mit seinen kontinental-ausgedehnten Grenzen ohne den holländischen Kolonialzwang vermutlich gar nicht geben. In Leiden wird solchen Zusammenhängen seit vielen Studenten-Generationen wissenschaftlich nachgeforscht.