Von Paul Schick

Das Kopfschütteln verursachte der Odenwaldklub. Auf seiner offiziellen Landkarte, immerhin in der 35. Auflage und im Maßstab 1:100 000, entdeckten wir plötzlich die Ortsnamen „Korsika“ und „Straßburg“, schwarz auf weiß hineingedruckt in ein Odenwaldtal zwischen Hirschhorn und Wald-Michelbach, kaum eine halbe Autostunde von Heidelberg aus neckaraufwärts. Erste Zweifel kommen auf, ob sich denn ein honoriger, mehr als hundert Jahre alter Wanderverein solch eine kartographische Schnapsidee überhaupt leisten kann. Aber siehe da – auch die topographische Karte L 6518 des Landesvermessungsamtes Baden-Württemberg nennt die beiden ganz ungeniert beim Namen: „Korsika“ und „Straßburg“. Dem Odenwaldklub ist Abbitte zu leisten. Der Freundeskreis indes erwartet einen überprüfbaren Expeditionsbericht. „Wo soll das sein? Du willst uns wohl auf den Arm nehmen?“

An einem sonnenhellen Frühsommertag verbindet sich die Wanderlust mit der Beweispflicht. Von Hirschhorn geht die Anfahrt über Langenthal und Heddesbach. Kurz vor Unter-Schönmattenwag muß die Abzweigung nach Korsika sein. Schönmattenwag Da fällt uns die heroische Sage ein, derzufolge ein kühner Reitersmann einst über den Ulfenbach setzte, indem er sein Roß auf gut pfälzisch anfeuerte: „Schimmele, wog’s! “Prompt erklärte sich die Mundart zum Taufpaten, sagt bis heute lieber „Schimmeldewog“ als Schönmattenwag. Dabei gab’s schon im 17. und 18. Jahrhundert ein paar emsige Kartographen, den Peter Schenck zum Beispiel, der in seine Karte „Palatinus Rheni“ 1710 feinsäuberlich das obere und das niedere „Schimetenwag“ einzeichnete. Wir fahren im Kriechtempo durchs Ulfenbachtal und riskieren kaum einen Blick auf die anmutige Wald- und Wiesenlandschaft, bloß weil wir uns eine Wanderung in den Kopf gesetzt haben zwischen den Namensschwestern jener geschichtsträchtigen Mittelmeerinsel und der Metropole der Region Alsace, des Departements Bas-Rhin. Endlich ein Schild, ein ganz gewöhnliches Hinweisschild der Gemeinde. Es zeigt tatsächlich nach Korsika. Keinen Steinwurf weit ist genug Platz zum Parken beim Klubhaus des FC Odin Unter-Schönmattenwag.

Über die Bachbrücke, dann die Talflanke hinauf geht es bis hin zur „Wirtschaft Korsika“. Jetzt oder später? Später. Die Entdeckerfreude ist größer als der Appetit auf eine noch unverdiente Vesper. Korsika: ein Ortsteilchen, ein Weiler, ein Zinken von Unter-Schönmattenwag, das kommunalpolitisch der hessischen Gemeinde Wald-Michelbach zugehört, dem rund 11 000 Seelen zählenden Mittelpunkt des sogenannten Überwaldes. Zwei, drei Dutzend Anwesen schätzt der Korsika-Bummler. Alte Odenwälder Einhäuser sind darunter, von Enkeln und Urenkeln auf zeitgemäßen Wohnstandard getrimmt. Dazu ein paar Neubauten, da und dort ein Häuschen mit heruntergelassenen Rollos. Feriendomizile, Wochenendrefugien, Zweitwohnsitze. Hier muß behaglich wohnen sein, denkt der gelernte Großstädter und verläßt nach einer knappen halben Stunde die verschwiegene Wohninsel – Straßburg und nichts als Straßburg im Sinn.

Der Weg dahin, immer hübsch zwischen Wiesenrain und Waldrand, läßt sich kaum verfehlen. Er ist eher etwas für muntere Spaziergänger als für ehrgeizige Langstreckenmarschierer. Wen’s nach dem höher gelegenen Randweg gelüstet, der mag getrost über eine steile Weide bergan stapfen. Wenn es der Zufall will, begegnet er jenem betagten bäuerlichen „Korsen“, der ihn energisch auf das fehlende „Wegerecht“ aufmerksam macht. Aber naja, gegen einen Einzelgänger habe man nichts weiter einzuwenden, und dort oben sei tatsächlich der schönere Weg nach Straßburg. Und ob. Der Blick auf die gegenüberliegende Talseite, auf Unter-Schönmattenwag, fällt auf ein perfektes Stück Ansichtskarte. Nach wenigen Schritten schon das Panorama von Ober-Schönmattenwag. Der Ort ist erster Landes- und Bundessieger im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“; eine Holztafel am Ortseingang verkündet: „Schimmeldewog, wie laigscht du schäi“ – Lokalstolz und Gästefang. Bis Straßburg ist es nicht mehr weit. Eine aufregende Entdeckung ist auch diese Ansiedlung nicht. Vielleicht ein paar Häuschen mehr als in Korsika.

Kaum zwei Stunden dauert die Fußreise von Korsika nach Straßburg, Schritt um Schritt mühelos bergan. Der Rückweg nach Korsika läßt wiederum genug Zeit für Ausblicke und Einblicke. Hinzu kommt jetzt ein süßer Vorgeschmack auf den Triumph über die daheimgebliebenen Spötter. Freilich: Die lokalen Heimatforscher geraten bis heute in Verlegenheit, wenn sie die Urheber oder den Grund der beiden Siedlungsnamen erklären sollen. Bestenfalls sind’s Mutmaßungen, die im Falle „Straßburg“ ins Jahr 1820 zurückführen und sich auf fliehende napoleonische Soldateska oder reformierte Wallonen oder Hugenotten beziehen. Oder auf einen gewissen Herrn Strasser, der eine alte Mühle zur Papierfabrik ausgebaut hatte und so zum Pionier eines ehedem florierenden Industriezweiges im Ulfenbachtal wurde. Die Bewohner von Korsika und Straßburg werden, so scheint es, mit ihren Ortsnamen ganz gut fertig.