Fritz Kolbe, vergessen und verkannt: Ein Mensch, allein mit seinem Gewissen

Von Hansjakob Stehle

Nach neuen Dokumentenfunden enthüllen wir eine fast unglaubliche Geschichte aus dem Widerstand gegen Hitler. Die ZEIT hat auch Zeugen dazu befragt

Mitgearbeitet haben Robert A. Graham S. J. und Karl-Heinz Janßen

Wer Spion werden wollte, brauchte sich nicht lange umzusehen in diesem Bern des Jahres 1943. Geheimdienstagenten, ohnehin nie so geheimnisvoll und unsichtbar wie sie tun, aus aller Kriegsherren Länder tummelten sich in dem schweizerischen Bundeshauptstädtchen. Teils als Diplomaten, Journalisten oder Geschäftsleute recht und schlecht getarnt, teils auch mit sichtbarem Briefkasten – wie zum Beispiel ein 50jähriger Amerikaner: „Spezial-Assistent des amerikanischen Gesandten“ stand auf seinem Türschild in der Herrengasse Nr. 23.

Als „persönlicher Beauftragter des Präsidenten Roosevelt für europäische politische Fragen“ war der charmante, stets pfeifenrauchende New Yorker Advokat von der schweizerischen Presse bezeichnet worden, als er sich – anfangs mit nur zwei Mitarbeitern – im November 1942 in dem Patrizierhaus in der idyllischen Altstadt von Bern niederließ. Doch „man“ wußte bald, was er wirklich war: der Chef des amerikanischen Geheimdienstes OSS („Office of Strategie Services“) für Europa. Dieser Allen Welsh Dulles (1893-1969), der in den fünfziger Jahren, als sein Bruder John Foster Dulles Außenminister war, zum Leiter des gesamten US-Geheimdienstes (CIA) aufrückte, hatte am 24. August 1943 eine Begegnung, von der Fachleute dieses „Gewerbes“ sonst nur träumen:

Ein Deutscher, der behauptete, direkt aus Berlin, ja aus dem Auswärtigen Amt zu kommen, schüttelte aus seiner Aktentasche 186 photographierte Dokumente – viele mit dem Stempel „Geheime Reichssache“ – und versicherte, er sei bereit, künftig regelmäßig solche „Kollektionen“ zu liefern – und zwar gratis, um den einen Preis nur: die Genugtuung, etwas zur schnelleren Niederlage des verbrecherischen Hitler-Regimes beigetragen zu haben.

Nun waren in der neutralen Schweiz im Zweiten Weltkrieg schon manche vielversprechenden Herren aufgetaucht: abenteuerliche und naive Typen, echte und falsche Nachrichtenhändler, Idealisten und Hochstapler und nicht zuletzt – Provokateure der einen oder der anderen Seite (oder sogar der Schweizer, die ihren Gästen auf die Schliche kommen wollten?). Wer aber war der Mann aus Berlin? Am Tag vorher hatte ihn der britische Militärattache, ein Snob, sofort abblitzen lassen: „Ich glaube Ihnen nicht, und wenn es stimmt, dann sind Sie ein primitiver Mensch (a cad).“

Bei den praktischer denkenden Amerikanern ließ sich der Mann aus Berlin durch einen alten Freund einführen, den jüdischen Emigranten, Geschäftsmann und Altertumsexperten Dr. Ernesto Kocherthaler. Dieser war aus Spanien in die Schweiz übergesiedelt und mit dem Basler Bankier Paul Dreyfuß befreundet, der wiederum einen „journalistischen“ Dulles-Mitarbeiter namens Gerald Mayer gut kannte. Und in dessen Wohnung erlebte nun Dulles (der sich als „Mr. Douglas“ vorstellen ließ) die große Überraschung. Der nervös-fahrig und zugleich entschlossen wirkende Deutsche legte nicht nur die aufregenden Dokumente auf den Tisch, er enthüllte auch ohne Zögern und vertrauensselig seine Identität:

Fritz Kolbe, geboren am 25. September 1900 in Berlin, Konsulatssekretär I. Klasse im Auswärtigen Amt, tätig im Vorzimmer des diplomatischen Verbindungsmanns zum Oberkommando der Wehrmacht (OKW), des Botschafters z. b. V. Karl Ritter, und im Augenblick – siehe Dienstpaß – ganz legal als Kurier seines Ministeriums in der Schweiz – ein unauffälliger, eher kleiner Mann mit dunkelblondem Haarkranz, schönen blauen Augen, festem Händedruck und forschem Gang.

Was er jetzt tat, war ihm an der Wiege nicht gesungen worden. Oder doch? Er war, wie man im Kaiserreich zu sagen pflegte, „in“ gesicherten Verhältnissen“ aufgewachsen. Sein Vater, ein Sattlermeister, hatte den Sohn gelehrt, „stets das Rechte zu tun und mich nie zu fürchten“. So schreibt Fritz Kolbe in einer autobiographischen Aufzeichnung aus dem Mai 1945.

Mit 14 stieß Kolbe zur Wandervogelbewegung – für ihn, im Rückblick, einer der glücklichen Umstände seines Lebens. Stets hat er die Ideale dieser ersten großen Jugendrevolte des Jahrhunderts hochgehalten: einfache, sportliche, gesunde Lebensführung und innere Wahrhaftigkeit. Bis zu seinem Tode hielt sich Kolbe durch Schwimmen, Skilaufen, Turnen und Radfahren fit. In seiner Freizeit zog er, wie einst auf der Wanderschaft, die geliebten Bundhosen an und spielte zur Laute, sang die Lieder aus dem Zupfgeigenhansl und las Gedichte.

Sein Hang zur Romantik, der sich mit naiver Gutgläubigkeit paarte, ließen ihn wie Parzival alle Gefahren mißachten. „Zwar taugte niemand weniger zum Ritter in glänzender Rüstung als Kolbe“, erinnerte sich der OSS-Agent Gerald Mayer, „doch ihn umgab etwas .Weihevolles’.“

Ein bloßer Verstandesmensch, ein von Zweifeln geplagter Intellektueller hätte wohl nie solch unglaublich Waghalsiges vollbracht wie dieser unscheinbare Verwaltungsbeamte aus dem Auswärtigen Amt. Aber es ist kein Zufall, daß so viele „Wandervögel“ gegen die Verlockungen des Nationalsozialismus gefeit blieben und hinter aller Propaganda die amoralisch-verbrecherischen Züge des anfangs so populären Regimes erkannt haben. Von Kolbes Jugendgefährten kamen mehrere ins KZ, einer wurde verhaftet, einer verlor 1933 seinen Posten bei der Stadt Berlin.

Der lautlose Widerstandskämpfer Kolbe hob sich schon durch seine ungewöhnliche Vorbildung von den Routine-Bürokraten des Amtes ab: Nach dem Einjährigen hatte er als Zivilhilfsdienstpflichtiger im WolfPschen Telegraphenbureau, der Nachrichtenagentur des Kaiserreichs, den Umgang mit Depeschen gelernt – das heißt: Wesentliches vom Unwesentlichen zu unterscheiden, was ihm zugute kam, als im Zweiten Weltkrieg täglich bis zu hundert Telegramme über seinen Tisch gingen. Dann zog es ihn zur Eisenbahn: Er war Deutschlands jüngster Stationsvorsteher.

Als sein Jugendtraum von Bahnfahrten durch die Tropenwälder der deutschen Kolonien Kamerun und Togo durch den Versailler Frieden zunichte gemacht wurden, sah er sich nach einem anderen Auslandsjob um: Er bewarb sich 1925 um eine Laufbahn als Konsulatssekretär im diplomatischen Dienst, ein Seiteneinstieg nach Abendschulabitur und vier Semestern Volkswirtschaft.

Für zehn Jahre geht er an die deutsche Botschaft in Madrid, verfolgt also Aufstieg und Machtergreifung der Nationalsozialisten von außerhalb. Zwangsläufig muß er, bei seinen Grundsätzen, früher oder später zum Gegner der Nazis werden. Er ist in der Botschaft der einzige Beamte, der nicht in die NSDAP eintritt. In einer Beurteilung der Nazi-Ortsgruppe Madrid heißt es über Kolbe: „Anständiger Charakter, unterhält Verkehr mit Marxisten und Juden, kommt für die Partei nicht in Frage.“

Nach kurzen Zwischenspielen in Berlin und an den Vertretungen in Warschau und Lissabon finden wir Kolbe 1938 als geschäftsführenden Konsul in Kapstadt wieder. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, reden ihm Freunde zu, er solle sich doch von den Südafrikanern internieren lassen, damit er nicht in das verhaßte Nazi-Reich zurückkehren müsse. Doch ein „Überlaufen“ mochte er dem deutschen Gesandten Rudolf Leitner, der ihn, trotz oder wegen seiner Nazigegnerschaft, gefördert und beschützt hatte, nicht antun. Mit einem Schiff fuhr er heimwärts; Frau und Kind ließ er in Südafrika zurück – er wollte nicht, daß sein Sohn zum Hitlerjungen erzogen wurde.

Leitner und andere Vorgesetzte wollten dem tüchtigen Beamten die Leitung des Wahlkonsulats im norwegischen Stavanger anvertrauen. Doch weil er immer noch kein Parteibuch hatte, durfte er nicht befördert werden. Statt dessen gelangte er in das Vorzimmer des Sonderbotschafters Karl Ritter und damit an die Zapfstelle fast aller Kriegsgeheimnisse. Ritter, einer der wichtigsten Männer im Amt, hatte zuvor die Handelspolitische Abteilung geleitet, aus der erfolgreiche Bonner Nachkriegsdiplomaten wie Kroll und Lahr hervorgegangen sind. Er mußte alle kriegswirtschaftlichen Fragen koordinieren und bekam 1940 noch ein Schlüsselressort dazu: Pol I M, zuständig für Militär, Rüstung, Landesverteidigung.

Zwanzig Freunde und Helfer

Nach seinen eigenen Worten war Kolbe nun einer „der bestunterrichteten Beamten“ im Auswärtigen Amt. „Es war wie in einer Komödie“, schreibt er in der hinterlassenen Aufzeichnung. „Ich, der die Nazis kompromißlos ablehnte und bekämpfte, ja, sie sogar haßte, war unversehens in den innersten Kreis geraten.“ Sogar hohe Nazibeamte aus der Reichskanzlei kamen zu ihm, um sich über die wahre Kriegslage zu informieren.

Nach Kolbes Einschätzung haben etwa fünf bis zehn Prozent der Beamten im Auswärtigen Amt der Nazi-Partei nicht angehört. Den großen Rest unterteilte er: hier die Hitler gehorsamen „Dienstbotengeister“, dort die Zyniker, die nach der Devise lebten: „Freut Euch des Krieges, das Ende wird besch ... sein“. Aber nur wenige leisteten – auf sehr unterschiedliche Weise – Widerstand.

Kolbe ließ sich immer wieder mit echten oder „nominellen“ Nazis in Diskussionen ein, die oft bis an die Grenze des „polizeilich Erlaubten“ gingen. Wie in jeder Diktatur hatte sich auch im Dritten Reich unter den Regimegegnern eine geheime Zwiesprache entwickelt – man kannte sich. „Als denkender Mensch war man doch dagegen“, erzählt eine damalige Mitarbeiterin des Auswärtigen Amtes. „Und Fritzchen Kolbe gehörte zu uns, das war klar. Nur daß er so illoyal sein konnte, hätte ich ihm nicht zugetraut.“ Als einmal eine ihm bis dahin unbekannte Besucherin Kolbe beim Ausfüllen eines Formulars fragte, ob sie mit „Heil Hitler“ unterzeichnen müsse, entgegnete er: „Das fragen Sie mich in diesem Amte?“ Der Bann war gebrochen, die beiden kamen sich näher.

Auch außerhalb des Amtes fand der Antinazi Kolbe Anschluß bei seinesgleichen. Nur durch einen glücklichen Zufall verpaßte er ein Treffen in Potsdam, dessen Teilnehmer alle von der Gestapo hochgenommen und dem Henker ausgeliefert wurden. Unschätzbar für Kolbe wurde seine Bekanntschaft mit dem Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, einem unbeirrbaren Gegner des Regimes, das indes nicht auf die Künste des international berühmten Arztes verzichten mochte. Sein offenes Haus wurde zu einem Treffpunkt von Widerständlern. Kolbe war dort gern gesehen – nicht nur weil er so viel „Amtliches“ wußte, sondern auch weil er „so ein Allerweltskerl“ war: gescheit, pfiffig und von ansteckender Fröhlichkeit.

So geriet Kolbe in die Randbezirke der „Mittwochs-Gesellschaft“, jenes erlauchten Kreises von Gelehrten und hohen Beamten, von denen mehrere nach dem 20. Juli 1944 ihr Leben gaben, andere Verfolgung erlitten. Diese Nähe erklärt wohl auch, daß sich unter Kolbes Freunden und Vertrauten Namen finden, die in der Geschichte des Widerstands einen Ehrenplatz einnehmen: Rudolf Pechel, der tapfere Herausgeber der „Deutschen Rundschau“; Dr. Walter Bauer, Inhaber der Fuldaer Firma Mehler („Valmeline“), der im Freiburger Kreis der Bekennenden Kirche mitwirkte (beide wurden nach dem 20. Juli von der Gestapo grausam gefoltert); Major Alfred Graf von Waldersee, jener Offizier, der schon 1941 Hitler bei einer Parade in Frankreich erschießen wollte und 1943 krank aus dem Kessel Stalingrad ausgeflogen wurde, mit dem Auftrag, die Generalität zum Losschlagen gegen den Diktator aufzufordern.

Spätestens 1942 war ihnen klar, daß der Krieg für Deutschland verloren war und daß hinter den Fronten und in den Konzentrationslagern unvorstellbare Verbrechen verübt wurden. Kolbe meinte zeitweilig, sein Mitwissen nicht länger ertragen zu können: Er wollte ins Ausland fliehen. Ein Freund, der öfters Juden über die grüne Grenze in die Schweiz gelotst hatte, bot ihm Hilfe an. Aber dann begegnete ihm, dem preußischen Protestanten, der nie ein Kirchgänger war, später sogar aus der Kirche ausgetreten ist, sein Schicksal in der Gestalt des Prälaten Georg Schreiber, eines ehemaligen Zentrumspolitikers, der bis 1933 Vorsitzender des außenpolitischen Ausschusses im Reichstag gewesen war. Der Katholik Schreiber überzeugte Kolbe, daß es wichtig sei, „auf meinem Posten zu bleiben und den Nazis mit den mir zu Gebote stehenden Mitteln zu schaden“.

Kolbe wurde zum Widerstandskämpfer auf eigene Faust. Denn von der militärisch-zivilen Bewegung, die sich um Goerdeler und Beck scharte, erhoffte sich Kolbe gar nichts – sein praktisch denkender Verstand sagte ihm, daß jene Kreise vor lauter Planen und Bedenken den richtigen Augenblick für ihre Tat verpassen würden. Über seine Motive schrieb er 1945 seinem Freunde Kochenthaler: „Mein Bestreben war, den Krieg für mein unglückliches Volk abzukürzen, den Unglücklichen in den KZ weitere Leiden ersparen zu helfen.“ Darum beschloß Kolbe, „zum Wohle meines Vaterlandes“ mit den westlichen Alliierten in Verbindung zu treten.

Er handelte im Einverständnis oder mit Hilfe eines „inneren Zirkels“ von ungefähr 20 bis 22 vertrauenswürdigen Personen. Unter ihnen die Generalstochter Gertrud von Heimerdinger, eine der vergessenen Heldinnen des Widerstandes. Sie saß im Kurier-Referat des Auswärtigen Amtes und hat bewußt Verschwörern wie dem Diplomaten Adam von Trott zu Solz oder dem Amtmann Fritz Kolbe zu Auslandsreisen verholfen, damit sie mit den westlichen Alliierten Kontakt aufnehmen konnten. Außer ihr gehörte im Amt selbst nur noch der Legationsrat Karl Dumonts, Verbindungsmann zum Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt, dem „inneren Zirkel“ an. Vom Inhalt der Lieferungen an den amerikanischen Geheimdienst haben wohl beide kaum etwas geahnt.

Schon die erste Lieferung Ende August 1943 – Telegramme aus zwanzig diplomatischen Vertretungen Deutschlands (die er sich beim Grenzübertritt unter den Hosen ums Bein gebunden hatte) – erregte in Washington so viel Staunen, daß OSS-Chef William („Bill“) Donovan sie Präsident Roosevelt vorlegte. Im Unterschied zu dem, was Kolbe seit Dezember 1943 nach Bern brachte und was unlängst für die historische Forschung freigegeben wurde (siehe Kasten unten), kennen wir von seinen ersten Bern-Reisen bis heute nicht den genauen Inhalt des Materials. Immerhin begann „George Wood“ – dies war fortan Kolbes Deckname – seine Aktivität in einer wichtigen Wende-Phase des Krieges:

In jenem Sommer 1943 waren die Amerikaner in Sizilien gelandet. Bombenangriffe zerstörten große Teile Hamburgs, die letzte deutsche Offensive an der Ostfront war gescheitert, die Ukraine bis Charkow geräumt, das Morden in Auschwitz im vollen Gang, der Reichsführer SS Himmler wurde Reichsinnenminister, in Moskau gründeten deutsche Offiziere das „Nationalkomitee Freies Deutschland“, im Pazifik begann eine amerikanische Großoffensive gegen Japan, und Anfang September verließ Italien das Bündnis mit Hitler, nachdem Mussolini bereits Ende Juli gestürzt worden war.

Am 7. Oktober 1943 erschien Kolbe zum zweitenmal in Bern; obwohl er nach seiner ersten Reise einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen worden war („Wo waren Sie in Bern zwischen Mitternacht und vier Uhr früh am 25. August?“ – „Bei einer Dame...“), gelang es ihm dank Fräulein von Heimerdinger, wieder als Kurier eingesetzt zu werden. Diesmal verstaute er den für Dulles bestimmten Teil seiner Papiere (76 Telegramme, über 200 Seiten!) ordnungsgemäß versiegelt in seinem offiziellen Kuriergepäck.

Jetzt erfuhren die Amerikaner durch Kolbe zum Beispiel, daß die Deutschen die Route eines bestimmten Geleitzugs kannten; so konnte man dessen Fahrplan ändern und die Schiffe vor U-Boot-Angriffen bewahren. Ein Telegramm der deutschen Botschaft in Madrid versicherte, daß die „Orangen“ pünktlich ankommen würden – gemeint war „Wolfram“, das für die Stahlproduktion kriegswichtige Schwermetall (Franco-Spanien hatte den Alliierten vorgespiegelt, es nicht mehr nach Deutschland zu liefern).

Überhaupt achtete er bei der Auswahl der Telegramme besonders auf militärische, rüstungswirtschaftliche und technische Informationen, denn sie vor allem konnten die militärische Niederlage Deutschlands fördern. So meldete er Ende Dezember 1943, die Junkers-Werke in Dessau produzierten Teile eines neuen, tausend (!) Stundenkilometer schnellen Jagdflugzeugs, das Messerschmidt in Augsburg bereits baue (Me 262). Anfang 1944 erfahren die Alliierten durch Kolbe, wie Hitler den Bau des „Atlantikwalls“ gegen die drohende Invasion beschleunigen läßt und wie der Luftwaffen-Führungsstab die Wirkung deutscher Bombenangriffe auf London bewertet. Am 10. Mai 1944 fragt Kolbe brieflich bei Dulles an, warum noch immer keine Bombenangriffe geflogen wurden auf die Kondensatoren-Fabrik in Gera (ohne deren Produktion Siemens nicht weiterarbeiten könne), auf die Leuna-Werke (die dann wenig später bombardiert wurden), auf Pölitz bei Stettin und auf Eberswalde, wo sich das Oberkommando der Marine und das Ausweichlager einer Torpedofabrik befinde. Am 12. Juli drängt Kolbe: Siemens in Gera produziere „noch immer“ Flugzeuginstrumente.

Geheimberichte über die V-l

Militärisch sehr wichtig ist für die Westalliierten, was ihnen Kolbe als eine Vermutung der deutschen Vertretung in Brüssel vom 24. Juni 1944 übermittelt: Die Deutschen erwarten immer noch eine Landung der Anglo-Amerikaner an der Kanalküste; sie ziehen deshalb dort keine Streitkräfte ab, obwohl schon seit dem 6. Juni in der Normandie die Invasion begonnen hat.

Inzwischen, in der Nacht zum 13. Juni 1944, hat Hitler die erste V-l-Rakete – seine „Wunderwaffe“ – auf London abschießen lassen. Schon am 8. Juli übermittelt Kolbe einen Geheimbericht aus Paris, wonach die „gerade Laufapparatur“ für diese Rakete (und auch schon für ein kommendes V-2-Modell) in den Ascania-Werken in Gdingen, ihre Düsen-Aggregate in einer Krupp-Fabrik in Wuppertal, die Zielgeräte in einer Siemens-Abteilung bei Arnstadt/Thüringen produziert werden.

Anfang Oktober – die erste V-2 ist gestartet – erfahren die Anglo-Amerikaner von Kolbe, daß eine Raketenproduktionsstätte unterirdisch im Harz an der Bahnlinie von Elbingerode nach Blankenburg liege. „Erfolgversprechend scheint die Bombardierung der Eisenbahn- und Transportwege“, rät Kolbe. Über Details der Raketen berichtet er etwas konfus; schließlich hat er ja keine eigenen technischen Kenntnisse. Er gibt nur weiter, was vom OKW über seinen Schreibtisch im Auswärtigen Amt geht. Dazu gehört aber auch, daß man in Berlin durch einen eigenen Agenten in der Schweiz bereits weiß, was Luftmarschall Sir Arthur Harris im Londoner Kriegskabinett gefordert hat: Wenn die Nazi-Luftwaffe offenkundig nicht mehr militärisch einsatzfähig ist und statt dessen nun deutsche Raketen ungezielt in 24 Stunden 20 offene Städte und Dörfer Englands getroffen haben, dann müsse jetzt den alliierten Luftstreitkräften befohlen werden, „zur Vergeltung methodisch deutsche Städte und Dörfer zu zerstören, ungeachtet ihrer militärischen Bedeutung“.

Keine Hoffnung auf die Opposition

Diese technisch-industriellen Details waren für das Berner OSS-Büro auch deshalb wertvoll, weil sie damit eine andere wichtige Quelle, die schon früher zu fließen begann, überprüfen konnte: Der Generaldirektor der „Semperit“-Reifenwerke in Wien, Dr. Franz Josef Messner (geborener Südtiroler und brasilianischer Staatsbürger), arbeitete schon seit Anfang 1942 für Allen Dulles. Da er im deutsch-beherrschten Europa häufig Dienstreisen unternehmen konnte, lieferte er viele militärisch bedeutsame Hinweise – zum Beispiel solche, die es den Briten dann ermöglichten, am 17. August 1943 (eine Woche, bevor Kolbe zum erstenmal nach Bern kam) das deutsche Raketenzentrum in Peenemünde durch einen Bombenangriff für fast ein Jahr auszuschalten.

Mit den Informationen aus Wien wiederum konnte Dulles das Kolbe-Material einer Gegenprobe unterziehen. So erinnert sich der Verleger Fritz Molden, der – als deutscher Feldwebel unter falschem Namen – im Auftrag von Dulles Kontakt mit der österreichischen Widerstandsbewegung aufnahm, daß er sich in Wien auch mit Messner traf und nach der Rückkehr in die Schweiz im OSS-Büro befragt wurde, ob sich gewisse Informationen, die von „George Wood“ (also Kolbe) stammten, mit den in Wien gewonnenen Erkenntnissen deckten.

Von Messner, der auch im Buna-Werk von Auschwitz zu tun hatte, erhielten die Amerikaner erste genauere Nachrichten über den Massenmord an den Juden. Die antinazistische Gesinnung und Widerstandsaktivität dieses Agenten wurde schon im Frühjahr 1944 aufgedeckt; Messner wurde kurz vor Kriegsende im KZ Mauthausen hingerichtet. Kolbe entging einem solchen Schicksal wohl nicht zuletzt auch deshalb, weil er an seinem Schreibtisch – seiner Hauptquelle – saß und weil er trotz seiner Nähe zur inneren Opposition von ihr letztlich Distanz hielt. Ihre Entschlußkraft und ihre Erfolgsaussichten beurteilte er zu Recht skeptisch. Er ahnte nicht, daß Dulles selber in Bern über Hans Bernd Gisevius (den deutschnational gesinnten Gestapoassessor und Vizekonsul in der Gesandtschaft) Kontakt zum 20.-Juli-Kreis hatte – und dabei einen Eindruck gewann, der sich kaum von dem unterschied, den Kolbe vermittelte:

„Woods Meinung ist, daß wir weiterkämpfen sollen, bis die endgültige militärische Entscheidung gegen die gegenwärtige Bande erreicht ist; er sagt, daß es keine Hoffnung auf eine wirksame Aktion der Oppositionsgruppen gibt“, so berichtet Dulles am 14. April 1944, nachdem er Washington zwei Tage vorher informiert hatte, Wood (Kolbe) sei wieder „mit mehr als 200 höchst wertvollen Ostereiern“ – also Dokumenten angekommen. Nicht nur Neuigkeiten wie eine bevorstehende deutsche U-Boot-Offensive, bei der ein „geheimer Ein-Mann-Torpedo eingesetzt wird, den man in Baden und Durlach bei der Ritter-AG baut“, sondern auch Stimmungsberichte:

„Offenkundig glaubt Wood, daß ein deutscher Zusammenbruch bevorsteht. Er beschreibt eine wachsende Desorganisation. Das Auswärtige Amt ist in Auflösung, hohe Beamte wie Ritter und Ribbentrop sind in Fuschl oder Salzburg, die Hälfte des Personals ist in Berlin geblieben und sitzt dauernd im Luftschutzkeller... Das Land kann die Bombardierungen, besonders die präzisen Tagesangriffe von US-Flugzeugen, die immer erfolgreicher werden, kaum mehr ertragen. Ich bedaure ehrlich, daß Sie (in Washington) nicht in der Lage sind, Woods Material, so wie es ist, unverkürzt und ohne unsere Zusammenfassung zu sehen. Auf 400 Seiten, – die das innere Hin und Her der deutschen Diplomatie der letzten zwei Monate behandeln, entsteht ein Bild des bevorstehenden Untergangs. Es ist eine Szene, in der abgerackerte Geheimdienstagenten und Diplomaten ihr Bestes tun, um dem Defaitismus und dem Abfall aufsässiger Satelliten und Verbündeten entgegenzuwirken. Was das bedeutet, ist auf 100 düsteren Seiten in (Botschafter) Veesenmeyers Telegrammen aus Budapest enthalten; in Sofia versuchen die Bulgaren (den Botschafter) Beckerle auszutricksen. In Bukarest versucht sich Marschall Antonescu aus der Schlinge zu ziehen, während man ihm berichtet, wie deutsche Truppen den vorrückenden Russen verbrannte Erde hinterlassen... Die letzten Todeszuckungen einer verfaulten Nazi-Diplomatie zeigen diese Telegramme. Der Leser wird von einem Extrem ins andere getrieben, vom Tränenlachen, wenn er diese Botschaften des deutschen Schwanengesangs liest, bis zum Entsetzen über die Brutalität gegen die Menschen...“

Kolbes Mitteilungen und Dokumenten-Serien, die er bald auch auf Mikrofilmen – mit einer von Dulles gelieferten Kamera – festhielt, in den Monaten zwischen seinen Reisen auch in Privatbriefen versteckte, die er anderen Kurieren mitgab, einmal sogar in einer zur Reparatur übersandten Uhr – diese emsige, scheinbar durch keine Risikofurcht gebremste Tätigkeit nahm einen solchen Umfang an (insgesamt eintausendsechshundert Schriftstücke in 18 Monaten), daß das OSS-Büro in Bern mit der Chiffrierung kaum Schritt halten konnte, anderseits auch – sogar von der britischen Seite, die den deutschen Funkverkehr dechiffrierte und so manche Kolbe-Dokumente gegenprüfen konnte – Zweifel an „Woods“ Zuverlässigkeit laut wurden. Doch Dulles war seines Mitarbeiters sicher:

„Ich glaube jetzt fest an die Ehrlichkeit von Wood (Kolbe)“, schrieb er am 29. Dezember 1943 nach Washington. „Ich setze mein Ansehen dafür ein, daß diese Dokumente echt sind.“ Gleichwohl bestand die OSS-Zentrale am 28. Januar 1944 darauf, bei nächster Gelegenheit Kolbe zehn, teils ziemlich einfältige „Testfragen“ vorzulegen („Was ist der Unterschied zwischen Geheimer Staatspolizei und Sicherheitsdienst? Hat das Auswärtige Amt eine Abteilung für politische Kriegführung?“).

Dulles ließ sich auch durch weitere Mahnungen zur Vorsicht nicht beirren. Am 26. April 1944 kabelte er nach Washington: „Es gibt kein Anzeichen dafür, daß uns das Material angedreht wird ... Natürlich kann man nicht ausschließen, daß Wood (Kolbe) selbst Opfer eines Täuschungsmanövers ist. Er ist in gewissem Grade naiv, trotz seiner Intelligenz, und es fehlen ihm alle Eigenarten, die ihn zu einem Doppelspiel befähigen könnten. Er gibt an, daß er mit einer antinazistischen Gruppe arbeitet, zu der (Paul) Löbe, der frühere Reichstagspräsident, sowie Graf Waldersee und Dr. Walter Bauer, der frühere deutsche Manager der ‚Prague-Petchek Interests‘ gehören. (Die drei Namen waren zunächst verschlüsselt als ,Alpha, Beta, Gamma‘ – D. Z.). In stundenlangen Befragungen gab es keinen Anhaltspunkt eines Zweifels an seiner Echtheit. Der einzige besorgniserregende Faktor ist, daß er zuweilen leichtsinnig (reckless) ist, aber das ist bei illegalen Verschwörern ganz normal.“

Kolbes Glaubwürdigkeit erhöhte sich, als er einen deutschen Agenten entlarvte, der unter dem Decknamen „Cicero“ Geschichte und – Geschichten gemacht hat. Es war der Kammerdiener des britischen Botschafters in der Türkei, ein Albanier namens Elyesa Bazna, der aus reiner Geldgier Geheimdokumente seines Herrn an den Geheimdienstmann in der deutschen Botschaft in Ankara, Ludwig Moyzisch, verkaufte und dafür riesige Summen in – gefälschten Pfundnoten kassierte. „Ciceros“ Lieferungen, vom deutschen Botschafter von Papen nach Berlin geschickt (die ersten drei Telegramme datiert von Anfang November 1943, als die Teheraner Gipfelkonferenz zwischen Stalin, Churchill und Roosevelt vorbereitet wurde), landeten dank Kolbe auch auf dem Schreibtisch von Dulles in Bern, der die Briten zum erstenmal alarmierte.

Allerdings, so bedauerte Dulles am 10. Januar 1944, „Wood kennt nicht die Identität von Cicero, die (in Berlin) sehr geheim gehalten wird“. Auch einen Monat später hatte Kolbe nicht mehr herausgefunden als – immerhin –, daß es sich um einen Albaner handle. (Ganz aufgedeckt wurde „Cicero“ erst, als es den Amerikanern gelungen war, eine deutsche Diplomatentochter, Cornelia Kapp, die aus sentimentalen wie politischen Motiven für sie arbeitete, als Sekretärin von Moyzisch in die Botschaft in Ankara einzuschleusen.)

Nicht wahllos alles, was ihm im Auswärtigen Amt in die Hände kam, bündelte Kolbe zur Übermittlung nach Bern. Er sortierte das Material nach seinen sachlichen Gesichtspunkten (was kann kriegsverkürzend wirken?), aber auch nach moralischen Kriterien. Hinweise auf die Verbrechen des NS-Regimes tauchten allerdings im diplomatischen Schriftverkehr nur selten auf; so das Telegramm des deutschen Vertreters in Rom, Moellhausen, der am 6. Oktober 1943 nach Berlin meldete, Polizeichef Kappler sei angewiesen worden, die achttausend Juden von Rom „nach Norditalien zu verschicken, wo sie liquidiert werden sollen“. Moellhausen riet davon ab und schlug vor, die Juden zu Befestigungsarbeiten einzusetzen. Fast drei Monate vergingen jedoch – der Abtransport der Juden hatte schon begonnen, bis Dulles das Telegramm in Händen hatte.

Schneller ging es mit einem weniger dringenden, aber aufschlußreichen Bericht, in dem der deutsche Vatikanbotschafter von Weizsäcker (Vater des heutigen Bundespräsidenten) am 13. Dezember 1943 mitteilte, der Alpdruck Papst Pius XII. sei und bleibe – der Bolschewismus, sein Traum „die Einigung der alten Kulturnationen des Abendlandes zur Verbannung des Bolschewismus nach Osten – etwa wie Innozenz XI. Europa gegen den Mohammedanismus geeinigt hat, mit dem Ergebnis, daß Wien und Budapest von den Türken befreit wurden“. Dem Papst gehe es darum, die Westmächte von der Forderung der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands abzubringen, meinte Weizsäcker.

Sein Bericht, von Kolbe auf Mikrofilm festgehalten, lag drei Wochen später auf Präsident Roosevelts Tisch. Ihn dürften freilich die historischen Nostalgien des Papstes wenig beeindruckt haben. Nicht von russischen „Türken“ war ja in diesem aktuellen Augenblick das Abendland oder auch nur Budapest zu befreien. Aus der ungarischen Hauptstadt wurden – laut Telegramm nach Berlin vom 13. November 1944 (Dulles hatte es eine Woche später) – gerade 120 000 Juden „einschließlich arbeitsunfähigen Kindern“ zur Deportation bereitgestellt. Kolbe: „Verantwortlich ist SS-Obersturmbannführer Eichmann ...“

Inzwischen war am 20. Juli das Attentat auf Hitler mißlungen, die Verschwörung zum Sturz des Regimes mißglückt – so wie Kolbe es vorausgesehen hatte. Eine seiner letzten Sendungen vor dem 20. Juli enthielt die blutige Geheimstatistik des Oberkommandos der Wehrmacht: 1,3 Millionen Tote und 2,9 Millionen Verwundete hatte Hitlers Krieg bis Mitte 1944 gekostet. Doch 75 000 Männer unter 45 Jahren waren als Parteifunktionäre vom Militärdienst noch immer befreit. Einer von ihnen, ein Berliner „Blockwart“, mißtraute Kolbe in diesem Sommer der Verschwörerjagd, ließ sich jedoch wieder beruhigen. Doch monatelang schwieg Kolbe, und in Bern befürchtete man Schlimmes.

Dann kam am 4. Oktober nicht nur ein Lebenszeichen, sondern ein Brief und ein Mikrofilm mit 35 Dokumenten! Die Ausbeute war nun geringer, weil – so schrieb Kolbe – jetzt die meisten Berichte der Auslandsvertretungen, ohne das Auswärtige Amt zu berühren, direkt zum Führerhauptquartier geschickt wurden. Eben dort, in der „Wolfschanze“ bei Rastenburg, wo die Bombe den Diktator verfehlte, hatte Kolbe kurz danach einen Monat lang an Stelle seines erkrankten Chefs Ritter fleißig und hellhörig Bürodienst gemacht – eine für Dulles erregende Mitteilung:

„Es war zu beobachten, daß die ‚Moral‘ sogar im Hauptquartier sinkt! Die ständigen Bombenangriffe hatten beträchtliche Wirkung, und dazu kommen die Fortschritte der Alliierten und der Russen an den Fronten. All das führt dazu, daß die Deutschen keine Zukunft mehr-sehen oder sehen wollen. Der Druck ist unerhört stark.“ Diesen letzten Satz aus Kolbes Brief gab Dulles in der Zusammenfassung vom 9. Oktober 1944 auf deutsch wörtlich wieder.

Jetzt, da sie in Europa ihres Sieges sicher waren, richtete sich das Nachrichteninteresse der Amerikaner in der Berner Herrengasse immer mehr auf den Krieg im Pazifik. Auf einer Ansichtskarte mit den Schweizer Alpen schrieb eine „alte Freundin“ (in Wirklichkeit Dulles) nach Berlin: Ob Kolbe ihr nicht für ihre Boutique „japanisches Spielzeug“ beschaffen könne; es sei in der Schweiz sehr beliebt und vielleicht in Deutschland, das ja mit den Japanern verbündet sei, noch zu finden... Kolbe verstand, was von ihm erwartet wurde.

Vergebens hatte Hitler gehofft, daß ihm die Japaner durch einen Angriff auf die Sowjetunion,

auf deren fernöstlichem „Rücken“, Entlastung an der Ostfront verschaffen würden. Umgekehrt hofften die Alliierten, daß sich die Japaner nicht selbst (wie Hitler) den Zweifrontenkrieg aufladen wollten. Wie die deutsche Botschaft aus Tokio meldete (und Kolbe sofort nach Bern), wollten jetzt die japanischen „Achsenpartner“ nicht einmal mehr den achten Jahrestag jenes Anti-Komintern-Paktes feiern, durch den sie am 25. November 1936 ideologische Verbündete Hitlers geworden waren. Die deutschen Militärattachés in Tokio sammelten indessen eifrig Informationen über Japans militärisches und industrielles Potential, und eben diese Berichte, die Kolbe lieferte, waren nun bei den Amerikanern am meisten gefragt.

Da war seitenlang mit exakten Daten von japanischer Warenproduktion jeder Art die Rede, aber auch von neuen industriellen und technischen Verfahren mit so vielen Details, daß es den Übersetzern im OSS-Büro in Bern buchstäblich die Sprache verschlug. Stöhnend kabelten sie an die Zentrale: „Das ist ein harter Job ohne modernes technisches Wörterbuch, deshalb belassen wir im Zweifelsfall die Begriffe im deutschen Original.“

Auch die genaue Stärke und die Stationierungsorte der japanischen Streitkräfte in Burma, in Vietnam und auf den Philippinen, in China, Neu-Guinea, der Mandschurei und Korea erfährt der amerikanische Geheimdienst über Kolbe von den fleißigen deutschen Militärattachés: Das Aushorchen des japanischen Halbverbündeten ist der Berliner Zentrale, der selber schon das Wasser am Hals steht, so wichtig, daß sie vor ihrem Untergang sogar noch den Mann in Tokio auswechselt. Am 1. Februar gibt Kolbe den Hinweis, daß der General von Gronau in Tokio durch einen Mann mit mehr Fronterfahrung, einen General Kessler, ersetzt werde, der mit einer JU-290 im Nonstop-Flug auf der Nordroute nach Ostasien geflogen werde – „über die mehr bevölkerten russischen Gebiete nur nachts“. Der japanische Botschafter habe „aus politischen Gründen“ gebeten, die Sowjetunion überhaupt nicht zu überfliegen ...

So ausschließlich konzentriert Dulles Kolbes Aktivität auf Japan-Berichte, daß die OSS-Zentrale in Washington mahnt, Europa nicht zu vergessen und zu versuchen, „die Balance zu halten“ – (Donovan an Dulles, 26. Februar 1945). Über nachlassenden Eifer Kolbes hat man sich auch jetzt nicht zu beklagen. So versuchte er Ende 1944 sogar seinen Weihnachtsurlaub in der Schweiz zu verbringen. Die Eidgenossen, die ihn als Dienstreisenden wohl allzugut kannten, um an eine Privatreise zu glauben, verweigerten ihm das Visum. Dulles versuchte, sie „unauffällig“ umzustimmen. „Die an sich lobenswerte Bemühung der Schweiz, die Deutschen herauszuhalten, erweist sich als Handicap für uns“, schreibt er. Vier Wochen später, am 28. Januar 1945, schickt Kolbe brieflich wieder „heiß“ Material“ (Dulles).

Fatal war dabei nur, daß Kolbe aus Mangel an Rohfilm jetzt zu viele Dokumente auf eine einzige Mikroaufnahme gepackt hatte und daß aus Nervosität vieles verwackeltwar. 200 Dokumente seien „schlimmer als Kreuzworträtsel zu entziffern“, so entschuldigte sich Dulles bei seinem Chef für die entstehende Verspätung.

Eile war nötig, „denn wir könnten angesichts der chaotischen Lage in Deutschland bis zum Zusammenbruch kein Material mehr bekommen“ (16. Februar 1945). Doch schön vier Tage später war der unermüdliche Kolbe „ganz unerwartet mit fünfzig Stück“ persönlich zur Stelle. Dulles riet ihm jetzt, in der Schweiz zu bleiben. Doch Kolbe, besessen von seiner Mission, wollte noch einmal zurück ins untergehende Berlin. Warum? Weil dort seine Freunde, eine kleine Gruppe Sozialdemokraten und Liberaler vom früheren „Reichsbanner“, der republikanischen, antifaschistischen Wehrorganisation vor 1933, eine amerikanische Landung ermöglichen wollte, bevor die Russen nach Berlin kämen. An diesem Plan bastelten sie bereits wenige Wochen nach dem Scheitern des Offiziersputsches vom 20. Juli 1944. Als Absprungplatz für die Fallschirmjäger hatte man die Gegend zwischen Wannsee und Schlachtensee ausgesucht. Kuriere mit Fahrrädern und Motorrädern sollten die Invasoren zu ihren Angriffszielen führen: Geleitet werden sollte das Unternehmen von einem Büro Unter den Linden 28; es gehörte Kolbes Freund, dem Industriellen Walter Bauer.

Inzwischen waren große Teile Berlins unter dem Dauerbombardement der Alliierten in Trümmer gesunken, die Bedingungen für einen Handstreich günstiger geworden, hatte sich Hitler im Bunker der Reichskanzlei verkrochen. Wollte man ihn herausholen? Jedenfalls hat Kolbe in Bern seinen Plan mit Dulles und dessen Mitarbeitern erörtert. Diese gaben die Idee nach Washington weiter – doch was mit Berlin geschehen würde, war mit den Sowjets längst abgesprochen.

Auch das Berliner Auswärtige Amt lag jetzt in den letzten Zügen. Was Kolbe zu allerletzt noch aus Berlin mitbrachte, waren fast nur noch makabre Kuriositäten. Wie etwa japanische Pläne, Massen von Papierballons mit Brandsätzen bei starkem Ostwind bis zur amerikanischen Westküste treiben zu lassen ... Des Reichsaußenministers letzter Einfall vom 20. Februar, den Kolbe übermittelte, verriet nur noch die üble Erbärmlichkeit, mit der alles endete: Die Kriegslage mache es jetzt „erforderlich und nur gerecht“, die Zivilbevölkerung der verbündeten und noch besetzten Länder „in größtmöglichem Umfang zur Tragung der Kriegslasten heranzuziehen“, so kabelte Ribbentrop an seine Vertretungen im Rest des deutschen Machtbereichs. Der „schärfste Maßstab“ sei anzulegen bei der „Einschränkung des Lebensstandards, vor allem auf dem Gebiet der Ernährung“, und für „rücksichtslose Unterdrückung jedes Streiks und passiver Resistenz ist unbedingt zu sorgen“. Das war schon nicht mehr als Geheiminformation zu behandeln. Dulles nach Washington: „Ich sende den deutschen Text zur Veröffentlichung.“

Ein paar Wochen vor Beginn der sowjetischen Offensive gegen Berlin bekam Kolbe durch seinen Chef die unverhoffte Gelegenheit, noch rechtzeitig aus der Reichshauptstadt wegzukommen und gleichzeitig noch einmal Dokumente in die Schweiz zu transportieren. Er hatte im Mercedes-Dienstwagen Botschafter Ritters dessen Freundin mit Kind und die Frau eines Arztes in Sicherheit zu bringen. Unter abenteuerlichen Umständen erreichten die vier nach einigen Tagen das schwäbische Benediktiner-Kloster Ottobeuren.

In der weiträumigen Abtei hatte sich Kolbes Freund, Prälat Schreiber, vor der Gestapo versteckt. Fritz Kolbe, nunmehr zum „Kanzler I. Klasse“ befördert, fiel es daher nicht schwer, beim Prior des Klosters, einem Neffen des Prälaten, Quartier zu beschaffen.

Auf der Weiterreise an die Schweizer Grenze wäre es für Kolbe beinahe noch schlimm ausgegangen: In Memmingen wurde er bei einer Kontrolle festgenommen und auf die Gestapoleitstelle gebracht: er konnte sich aber nach einer halben Stunde aus der Klemme lavieren. Das Material, das er mit sich führte, entdeckten die Kontrolleure so wenig wie seine Pistole.

Kurz vor dem Grenzübertritt kam Kolbe bei einem Freund im Allgäu mit zwei Heeresoffizieren ins Gespräch; sie erzählten ihm, daß sie einen Konvoi mit fünf Lastkraftwagen voll wichtigen Materials aus dem Generalstab in den Südwesten geleitet hätten. „Ja ja, ich weiß“, antwortete Kolbe, „das geheime Nachrichtenmaterial über Rußland.“ Verdutzt bestätigten die Offiziere sein Wissen: Es handelte sich um einen Voraustrupp der Abteilung „Fremde Heere Ost“ des Generals Gehlen; die Unterlagen über die Rote Armee und Karteien des Agentennetzes in der Sowjetunion sollten im Allgäu vergraben werden. Gehlen und seine Kameraden hatten sich verabredet, nach dem Krieg den Amerikanern ihre Dienste mitsamt dem Archiv anzubieten. Noch ehe sich Gehlen überhaupt den Amerikanern offenbaren konnte, wußten diese also via Kolbe bereits Bescheid.

Nach der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 saß Kolbe in der Schweiz und fieberte dem Augenblick entgegen, da er zu seinen Freunden nach Berlin eilen konnte, um mit ihnen, wie er es sich erträumt hatte, „ein neues Deutschland aufzubauen“. Doch mußte er bis zum Juli warten, bis er mit den ersten amerikanischen Truppen in die nun vierfach geteilte Stadt zurückkehren durfte. Bald holte ihn das OSS wieder heraus – er sollte nicht den Russen in die Hände fallen.

Ein Brief von Gerstenmaier

In Wiesbaden, wohin Allen Dulles und sein deutsch-amerikanischer Assistent Gero von Schulze-Gaevernitz ihr Hauptquartier verlegt hatten, lernte Kolbe einige Spitzenvertreter der Widerstandsbewegung erst kennen, so Eugen Gerstenmaier, der dem Zuchthaus entronnen, so Fabian von Schlabrendorff, der mit anderen prominenten Häftlingen in Südtirol von den Amerikanern aus den Händen der SS befreit worden war, so Hans Bernd Gisevius, über den Dulles die Verbindung zu den Männern des 20. Juli gehalten hatte. Doch ein Mann wie Kolbe wurde von ihresgleichen wie ein Abtrünniger behandelt.

Als Anfang der fünfziger Jahre in Bonn ein neues Auswärtiges Amt aufgebaut und die ehemaligen Beamten des Ribbentropschen Ministeriums zur Mitarbeit eingeladen wurden, meldete sich auch der Amtmann und Antinazi Fritz Kolbe. Mehr als eine Bestätigung seiner Meldung hat er nie gesehen. Freunde verwandten sich für ihn, doch jeder stieß auf eine eisige Front der Ablehnung. Antichambrieren lag Kolbe nicht; kurzentschlossen fand er sich mit den Tatsachen ab und kam um seine vorzeitige Pensionierung nach. Gelegentlich entlud sich sein Zorn in grimmigem Humor: „Vielleicht ist es besser so, sonst wäre mir womöglich, wenn ich über die Flure des Amtes gehe, ein alter Bekannter begegnet, und ich hätte ‚Heil Hitler‘ gerufen!“

Da Kolbe in der Bundesrepublik keinen Fuß fassen konnte, wollten ihm seine amerikanischen Freunde helfen, die ohnehin immerzu Angst hatten, Alt- oder Neonazis könnten sich an ihm rächen (siehe Kasten oben). Schließlich übernahm er die Vertretung amerikanischer Firmen in Europa (für elektrische Baumsägemaschinen und für Konfektionskleidung), mit Sitz in Bern. Somit entschwand er, und andere, die beileibe nicht einen politisch so einwandfreien Lebenslauf aufzuweisen atten wie er, traten ins Rampenlicht.

Die Vergangenheit holte Kolbe in den sechziger Jahren noch einmal ein. Damals setzte sich unter Politikern, Publizisten und Historikern ein Trend durch, den „Aufstand des Gewissens“ vom 20. Juli 1944, der den beteiligten Patrioten vor dem Freisprechen Volksgerichtshof eine Anklage wegen Hoch- und Landesverrats eingebracht hatte, gegen den sogenannten „reinen Verrat“ von Staatsgeheimnissen und militärischen Geheimnissen abzugrenzen: Die Männer im Bendler-Block, so schrieb Bundestagspräsident Gerstenmaier, als er nach zwanzig Jahren in der ZEIT Bilanz zog, „mußten in jedem Augenblick zu unterscheiden wissen, was sie ihrer Regierung an Widerstand und ihrem Land und seinen kämpfenden Armeen an Treue und Bewahrung schuldig waren“.

Offensichtlich zielte Gerstenmaier (der übrigens 1939 für das Auswärtige Amt dienstverpflichtet worden war) auf einen Beamten eben jenes Amtes: Fritz Kolbe. Den Anlaß dazu hatten amerikanische Journalisten und Historiker gegeben, die Kolbe unter die großen Spione des Zweiten Weltkrieges einreihten. Kulissehgeflüster ehemaliger Nationalsozialisten im Bonner Auswärtigen Amt mag ebenfalls im Spiel gewesen sein.

Mehrere Freunde setzten sich für eine Rehabilitierung Kolbes ein. Er brauche keine Ehrenerklärung (schrieb er an Ernesto Kochenthaler), würde aber eine Klärung begrüßen. Dem Hitler-Regime, befand er, sei niemand zu Treue und Gehorsam verpflichtet gewesen. Seine Helferin Gertrud von Heimerdinger denkt auch heute noch so: „Kolbe ein Landesverräter? Ein Landesverräter war für mich einer, der für Hitler war!“

Im Nachlaß Kolbes fand sich ein Brief von Eugen Gerstenmaier an Dr. Kochenthaler, datiert 10. März 1965, worin der Bundestagspräsident Fritz Kolbe „von den gegen ihn erhobenen Vorwürfen frei“ stellt. Doch Geschichtswissenschaftler und Festtagsredner machten um Kolbe weiterhin einen Bogen. Bis heute ist in der Bundesrepublik noch kein Konsens hergestellt, wo denn nun im Widerstand die Grenzlinie zwischen sittlich erlaubtem und sittlich verwerflichem Verrat zu ziehen sei.

„Die subjektive Voraussetzung der Landesverratshandlung ist der Vorsatz, das Wohl des Reiches zu gefährden“, hieß es 1944 im Leipziger Kommentar zum Strafgesetzbuch. Worin aber bestand das „Wohl des Reiches“? In der Erhaltung der Hitlerherrschaft oder in ihrem möglichst schnellen Zusammenbruch? Das Problem auf eine so schlichte Frage zu reduzieren, war den meisten Männern des deutschen Widerstandes (der ja keine Volksbewegung war) unmöglich. Ihre Debatten drehten sich um eine moralische „Grenzsituation“, die ihre Aktivität und Effektivität begrenzte.

Anders Fritz Kolbe. Er wurde seit 1945 nicht zuletzt deshalb ignoriert oder gar verachtet, weil sich seine Figur jeder heroisch-tragischen „Verstrickung“ entzog. Seinem Widerstand fehlte es sowohl an intellektueller Unschlüssigkeit als an moralischer Unsicherheit. Er war kein Soldat, der zwischen Eidestreue und Gewissenstreue schwankte, kein Politiker, der Konzepte für morgen entwarf, um der Gegenwart zu entkommen. Und er war kein gekaufter Agent. Kolbe war das, worüber Intellektuelle oft die Nase rümpfen: ein Mensch, der „ganz einfach“ der Stimme seines Gewissens und seinem gesunden Menschenverstand folgte und im Rahmen seiner praktischen Möglichkeiten unbeirrt handelte.

„Ein einsames Individuum allein mit seinem Gewissen“ – so beschreibt ihn der Jesuitenpater Robert Graham, der die Kolbe-Papiere aufgespürt hat. Ihn beeindruckte auch ein Bibelspruch, den Kolbe 1945, auf die Frage nach seinen Motiven, zu Protokoll gab: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele“ (Matth. 16, 26).

Nicht kirchlich verstandenes Seelenheil war gemeint, sondern das Heil eines Menschen, der mit sich im reinen sein will und nur so auch mit seinem Land.