"Fritz Kolbe war konsequent im Gegensatz zu den Verschwörern des 20. Juli", sagt Peter Sichel, ein früherer OSS-CIA-Agent und Freund "dieses mutigen Deutschen". Sichel, heute Partner und Geschäftsführer der Weinfirma H. Sichel & Söhne in New York, mußte 1938 mit seiner Familie die Mainzer Heimat und das alte Familienweingut verlassen. Er wundert sich nicht über den totalen Blackout in der deutschen Geschichtsschreibung: "Für die Deutschen nach dem Krieg war Kolbe ein Verräter, und ich glaube nicht, daß sie ihre Meinung über ihn heute ändern werden."

Sichel, der 1945 als amerikanischer Offizier in seine von den Nazis enteignete Heimat zurückkam, traf Kolbe 1946 zum ersten Mal in Berlin. Richard Helms (unter Präsident Nixon CIA-Chef), den er als Berliner OSS-Chef ablöste, hatte Kolbe unter seine Fittiche genommen, ihn auch als Zeugen zu den Kriegsverbrecherprozessen nach Nürnberg geholt.

1948, im Jahr der Berliner Blockade, überredeten die Amerikaner Kolbe und seine Frau, sich aus Sicherheitsgründen in die Vereinigten Staaten abzusetzen. "Ein OSS-Agent holte die Kolbes am New Yorker Hafen ab, brachte sie in eine Hotelsuite und überreichte einen Scheck über 25 000 Dollar – die einmalige Zahlung für den Neubeginn. Es war das erste Geld, das Kolbe von den Amerikanern angenommen hat (selbst in Nürnberg soll er sich nur Unterkunft und Nahrungsmittel geben lassen haben). Nach einem dreiwöchigen Aufenthalt in New York stieß er auf einen Freund aus seiner Konsulatszeit in Südafrika, der ihm anbot, das Geld für ihn anzulegen. Der Mann verschwand mit der gesamten Summe am nächsten Tag."

Kolbe sei eigentlich froh darüber gewesen, glaubt Peter Sichel, denn weder er noch seine Frau hätten sich in den Staaten wohl gefühlt. "Auch war er viel zu stolz, das OSS um neues Geld zu bitten und, im Gegensatz zu uns, hatte er vor einer Rückkehr nach Deutschland keine Angst, denn die Deutschen – so meinte er – hätten ja gar nicht die Courage, ihm etwas anzutun."

Mitte der fünfziger Jahre besuchte Kolbe, inzwischen Vertreter amerikanischer Firmen für Europa, noch einmal seinen Freund Peter Sichel in Washington: "Damals, er war schon über fünfzig, kletterte er auf den höchsten Baum in unserem Garten. Er wollte mir beweisen, wie sportlich er geblieben war. Sein Deutsches Sportabzeichen trug er immer bei sich, wie andere den Großen Verdienstorden. Er war klein, aber drahtig, und aus seinem preußischen Rundschädel schauten zwei kluge Augen einen immer sehr direkt an. Es war eigentlich ein deutscher Urtyp."

Peter Sicheis Einschätzung von Fritz Kolbe als einem Mann, der Einzelgänger und ohne große Ambition war, der ohne Mentor seine Pflicht tat, wie er sie sah, und für den es keine Grauzonen zwischen Gut und Böse gab, wird allerdings in der Anmerkung, die Dulles dem Morgan-Artikel nachschob, in Frage gestellt. Einige Monate vor dem 20. Juli 1944, auf einer seiner sporadischen Kurierreisen in die Schweiz, hatte Kolbe Dulles um ein Gespräch unter vier Augen gebeten. Was er vortrug, war für den OSS-Chef Europa "gleichermaßen erstaunlich wie beunruhigend". Kolbe wollte nämlich seine nachrichtendienstliche Tätigkeit im Auswärtigen Amt aufgeben und sich heimlich dem deutschen Widerstand anschließen. "George glaubte, daß er, wenn er seine jetzige Arbeit bis zum Sturz Hitlers weitermachte, von den neuen Führern sicherlich als Spion behandelt werden würde. Als anerkannter Widerständler sei ihm dagegen ein politischer Status im neuen Deutschland gesichert." Dulles fährt fort: "Es war meine Pflicht, alle Überredungskunst aufzubringen, um George auf seinem Posten zu halten, wo er der Anti-Nazi-Allianz den allergrößten Dienst erwies."

Stunden brauchte Dulles, um George alias Fritz zu überzeugen, daß er weiterhin Informationen liefern müsse. "Ich versprach ihm schließlich, alles zu tun, um ihn noch rechtzeitig vor Deutschlands endgültigem Zusammenbruch seinen Freunden im Widerstand zuzuführen." Allen Dulles brauchte sein Wort nicht zu halten, denn auch die Überlebenden der Widerstandsbewegung (die christlichen wie die sozialistischen) sahen in Fritz Kolbe einen Verräter. Und als der Kalte Krieg begann, war Fritz Kolbe ebenso für Dulles und seine Geheimdienstkollegen bald nur noch einer Fußnote würdig, mit der sie ihre illustren Karrieren ausschmücken konnten. Der Sohn eines Sattlers paßte weder in die deutsche noch in die amerikanische Elitenlandschaft von Widerstand und OSS. Barbara Ungeheuer