Der Super-GAU von Tschernobyl – Seite 1

Das bisher größte Atom-Unglück versetzt die Welt in Angst und Schrecken

Strahlend kam der Mai über Deutschland. Kein schöner Land in dieser Zeit: Viele Kinder durften trotz des Sonnenscheins nicht in Sandkästen oder auf Wiesen spielen. Die Bundesregierung empfahl den Müttern von Kleinkindern, statt Frischmilch Trockenmilchpulver zu kaufen. Das Deutsche Wetteramt warnte, Säuglinge nachts bei offenem Fenster schlafen zu lassen. Über Radio und Fernsehen wurde den Bürgern geraten, bei Regenschauern nicht ins Freie zu gehen und frisches Blattgemüse vor dem Verzehr gründlich zu waschen. In Süddeutschland dürfen die Bauern kein frisches Gras verfuttern, im Norden sollen die Kühe erst ein paar Tage später auf die saftig-grünen Weiden.

An den östlichen Grenzübergängen der Republik, auf Flughäfen und in Seehäfen rückten vermummte Gestalten der Feuerwehr und der Bundeswehr allem, was aus dem Osten kam, mit Geigerzählern zu Leibe. In Hamburg wurden Champignons aus Polen beschlagnahmt – nachdem der größte Teil der Ladung bereits verkauft war.

Horror schlich sich in die Familienstuben und überschattete in den Urlaubsorten das verlängerte Wochenende nach der Mai-Feier. In den Apotheken gab es keine Jodtabletten mehr. Das Wetteramt in Offenbach mußte einen Telephon-Notdienst einrichten. An einem Tag kamen über zwölfhundert Anrufe, aber nur zwei Anrufer fragten nach dem Wetter. Die anderen wollten wissen: Wie hoch ist die Radioaktivität?

Denn es ist etwas passiert, was noch nie vorgekommen war und – nach gängigen statistischen Berechnungen – eigentlich nur einmal in zehntausend Jahren passieren kann: Seit anderthalb Wochen schwebt eine radioaktive Wolke über unserem Land, gleichsam wie im Kriege ein unsichtbares lautloses Bombengeschwader mit einer todbringenden Last. Ihr Ausgangspunkt ist ein explodiertes Kernkraftwerk fern in der Ukraine. Die Wolke aus radioaktiven Aerosolen und Partikelchen zog zunächst mit dem Südostwind über die sowjetische Kornkammer und über Polen hinweg nach Finnland und Schweden. Dann schlugen die Winde nach Westen um, trieben die Wolken über die DDR und die ČSSR nach Süddeutschland und über die Alpen; eine andere Strömung schwenkte über Nordrhein-Westfalen und Belgien in Richtung England. Ende voriger Woche erfaßte die verseuchte Luft, geführt durch weiterhin ausströmende Radioaktivität des noch immer brennenden Reaktors, den Mittelmeerraum.

Rechtzeitig zum Beginn des Weltwirtschaftsgipfels erreichten die Ausläufer am Sonntag das 8000 Kilometer von Tschernobyl entfernte Tokio. Die japanischen Minister wurden in der Frühe zu einer Sondersitzung zusammengetrommelt. Bundeskanzler Helmut Kohl kündigte dessenungeachtet an, er werde sofort nach Rückkehr in die Heimat – eine große Informationskampagne gegen die Angst vor Atomkraftwerken einleiten.

Der bisher schwerste Unfall in der Geschichte der friedlichen Atomenergie geschah am Rande der idyllischen Landschaft Polesje ("Waldland"). Neben dem gleichnamigen Fluß und einem großen, fischreichen Stausee breitet sich die junge Stadt Pripjatj aus, eine Siedlung für Angestellte und Arbeiter der nahen Atomkraftwerksanlage Tschernobyl. Kiew, die ukrainische Hauptstadt mit ihren 1,8 Millionen Einwohnern, liegt nur 130 Kilometer weiter südlich.

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Nach allem, was die Weltöffentlichkeit Anfang dieser Woche wußte – aus den spärlichen Meldungen der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass, aus Informationsbrocken sowjetischer Funktionäre, aus den Auswertungen von Satellitenphotos und den Erkenntnissen westlicher Geheimdienste sowie den Analysen der Atomexperten in Europa und Amerika – ist folgendes passiert:

Freitag: 25. April: Im Reaktorblock IV gibt es "ein Problem", entweder, so eine inoffizielle Version in Moskau, einen plötzlichen Stromabfall, mit der Folge, daß das Notstromaggregat versagt, die zentrale Kühlpumpe ausfällt und eine Ersatzpumpe nicht anspringt, oder, so der französische Atomsicherheitsexperte François Cogne, ein Leck im Primärkreislauf für das Reaktorkühlwasser. Jedenfalls gibt es eine rasend schnelle Überhitzung im Reaktor und folgenschwere chemische Reaktionen. Es bewahrheitet sich leider nicht, was die amerikanische Ausgabe von Soviet Life noch im Februar in einem achtseitigen Artikel über Tschernobyl ("ein Modell der Sicherheit") vorausgesagt hatte: "Selbst wenn das Unglaubliche sich ereignen sollte, würden die automatischen Kontroll- und Sicherheitssysteme den Reaktor binnen weniger Minuten abstellen."

Samstag, 26. April: Der erhitzte Reaktorkern beginnt zu schmelzen; wegen der Hitzeeinwirkung wird die Abdeckung porös. Der Graphit, worin die Brennstäbe eingelagert sind, entzündet sich. Während die Feuerwehr eingreift, hat vermutlich die Werksleitung noch Zeit genug, einen großen Teil der zwei- bis dreitausend Angestellten auf dem Werksgelände in Sicherheit zu bringen.

Sonntag, 27. April: Riesige Mengen Löschwasser lösen eine gewaltige Wasserstoff-(Knallgas-) Explosion aus, ein Teil des Gebäudes wird zerstört, radioaktive Teile des Kernbrennstoffs treten aus. Bei der Explosion werden mindestens zwei Menschen sofort getötet und 25 so starken Strahlungen ausgesetzt, daß sie kaum Überlebenschancen haben. An die 200 Verletzte werden in die Krankenhäuser gebracht. Die ukrainische Regierung legt einen 30-Kilometer-Sperrkreis um das Katastrophengebiet. Womöglich erst jetzt hat sie das Politbüro im Kreml informiert. Aus Kiew eilen Busse und Lastkraftwagen herbei, um die Einwohner von Pripjatj und drei benachbarten Dörfern zu evakuieren – insgesamt 49 000 Menschen. Am Abend werden an der finnischen Grenze bereits stark erhöhte Strahlenwerte gemessen, ebenso bei den automatischen Kontrollen in Schweden.

Montag, 28. April: In ganz Skandinavien und in Polen wird eine abnorm hohe Radioaktivität gemessen. Die schwedischen Wissenschaftler haben bald herausgefunden, daß die Wolke nicht von einem Atombombenversuch, sondern von einem Reaktorunglück in der Sowjetunion herrührt. Doch sowjetische Stellen, von Schweden um Auskunft gebeten, dementieren. Erst als am Abend die schwedische Energieministerin Birgitta Dahl im Fernsehen die Sowjetunion empört angreift, bequemt sich Tass gegen Mitternacht, mit einer knappen Meldung das Unglück in Tschernobyl zuzugeben: die Regierung hat eine Kommission gebildet; den Betroffenen wird geholfen.

Dienstag, 29. April: Vertreter der sowjetischen Handelsmission in Köln erkundigen sich bei dem Kernkraftexperten Professor Karl-Heinz Lindackers, wie man die Reaktorschmelze bekämpfen könne. Er rät, von Hubschraubern aus nassen Sand oder Löschwasser herabzulassen. Auch das Deutsche Atomforum und das schwedische Strahlenschutzinstitut werden von den Sowjets befragt, wie man einen Graphitbrand löschen solle. Spät abends gibt Tass erste Verlustziffern bekannt – zwei Tote. Der amerikanische Geheimdienst jedoch spricht von zweitausend Toten (Bild wird 30 000 in die Schlagzeile setzen). "Phantasiezahlen", entrüstet sich der ukrainische Gesundheitsminister Anatoli Romanenko, der sich gerade in den Vereinigten Staaten aufhält.

Mittwoch, 30. April: Generalsekretär Gorbatschow bedankt sich bei Präsident Reagan für ein amerikanisches Hilfsangebot, das er jedoch nicht annimmt. Er teilt mit, das Niveau der radioaktiven Verseuchung im weiteren Umkreis von Tschernobyl liege etwas über der erlaubten Norm, aber nicht so viel, daß man zum Schutze der Bevölkerung Besonderes unternehmen müsse. In Kiew geht tatsächlich alles seinen normalen Gang (allerdings sind die sowjetischen Vorsorgebestimmungen längst nicht so scharf wie in der Bundesrepublik). Erst an diesem Tag werden auch die Internationale Atomenergiebehörde in Wien und die Bundesregierung in Bonn offiziell unterrichtet: Die Lage sei stabilisiert und unter Kontrolle. Ein Photo in der Prawda soll beweisen, daß der Reaktor nicht mehr brennt Amerikanische und schwedisch-französische Satellitenaufnahmen besagen das Gegenteil. Auslandskorrespondenten dürfen nicht mehr nach Kiew reisen; das sowjetische Reisebüro "Intourist" nimmt für Touristenreisen in die Ukraine keine Neuanmeldungen mehr an.

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Donnerstag, 1. Mai: Die Sowjetunion feiert in hergebrachter Weise den Tag der Arbeit. Erst auf der zweiten Seite berichtet die Prawda kurz über das Unglück. Es fehlt der Satz aus der Tass-Meldung, daß sich nach Meinung des ukrainischen Ministerrats die Strahlungslage verbessert habe. Westliche Firmen rufen ihre Mitarbeiter aus der Ukraine zu einer Gesundheitsüberprüfung zurück. Daraufhin meldete Tass, es seien in Tschernobyl keine Ausländer verletzt worden. 49 der 197 verletzten Sowjetbürger seien nach Hause entlassen worden. Der amerikanische Außenminister George Shultz bezweifelt die Verlustziffern, will auf seine Aussage zehn Dollar wetten.

Freitag, 2. Mai: Die Sowjetunion teilt der Wiener Atombehörde mit, daß die Kettenreaktion in Tschernobyl zum Stillstand gekommen sei. Fachleute des kalifornischen Lawrence Livermore Laboratoriums erklären: "Der Kern ist weg." Ein amerikanischer Spezialist für Knochenmark-Transplantationen wird in die Sowjetunion eingeladen.

Wie es im Räume Tschernobyl wirklich aussieht und wie sich die Giftwolke für die übrige Ukraine auswirkt, erfahren weder das sowjetische Volk noch die Weltöffentlichkeit. Statt dessen attackieren die sowjetischen Medien den Westen, der eine "Giftwolke des Antisowjetismus" verbreite. Man wolle lediglich die Sowjetunion als rückständiges Land darstellen. Im Fernsehen wird als Beispiel für eine übertriebene Angstkampagne gezeigt, wie britische Touristen und Gastwissenschaftler auf dem Flughafen von einer britischen Luftfahrtlinie gezwungen werden, ihre Kleider vor dem Abflug abzulegen und gegen Sportanzüge auszutauschen. Viele Sowjetbürger verhalten sich erstaunlich gleichgültig. Gerade weil die Behörden Verlustziffern veröffentlichen, hält man sie für glaubwürdig.

Allenfalls Sowjetbürger, die ausländische Rundfunksender hören, sehen sich vor. Der Stationsarzt einer Infektionsklinik rät den Eltern eines entlassenen Kindes auf Nachfrage dringend, Obst vor dem Essen zu waschen oder zu schälen. Ein anderer Moskauer erkundigt sich auf dem Markt, welches Gemüse aus der Ukraine stammt. Schulkinder in Moskau werden – angeblich noch vor der ersten Tass-Meldung – zur Vorsicht ermahnt, da Rattengift zwischen die Äpfel geraten sei. Als ausländische Journalisten im Kiewer Bahnhof ankommende Passagiere nach ihren Erlebnissen fragen, mischt sich die Polizei ein: "Statt hier Panik zu verbreiten, sollten Sie lieber über die atomare Gefahr der US-Raketen berichten."

Ganz anders verhielt sich das polnische Brudervolk. Zwar wurde die sowjetische Version offiziell nicht angezweifelt, aber die Anordnungen der Regierung sprachen für sich: Da zum Teil extrem hohe Strahlenwerte gemessen wurden (in Nikolaiken an den Masurischen Seen fünfhundertmal soviel wie sonst) und niemand wußte, wie lange die Strahlenbelastung anhalten werde, bekamen alle Kinder bis zm 16. Lebensjahr Jodtabletten zugeteilt Obwohl die Behörden beteuerten, es bestehe keine unmittelbare Gefahr, war Büchsenmilch alsbald ausverkauft. Milchpulver durfte nur noch für Säuglinge ausgegeben werden. In einer Pressekonferenz für westliche Journalisten teilten Experten mit, als Folge der Strahlung würde in den nächsten dreißig Jahren eine gewisse Zahl von Menschen an Schilddrüsenkrebs erkranken. Nach einem Gottesdienst in Warschau hörte man Sprechchöre: "Wir danken für die Strahlung."

Noch ein anderes Ostblockland – Rumänien – zeigte sich über das Ausmaß der Katastrophe alarmiert, von der es ebenso wie die Polen viel zu spät informiert wurde. Noch am letzten Freitag rief der Rundfunk die Menschen auf, ihre Kinder nicht aus dem Haus zu lassen; vor dem Genuß von Obst und Gemüse wurde gewarnt

Als erstes westliches Land mußte sich Schweden mit der Katastrophe auseinandersetzen. Angst auch hier, obwohl die Behörden sofort beschwichtigten. Für das Atomprogramm wird Tschernobyl noch schwerwiegende Folgen haben.

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Die starke Ökologie-Bewegung verlangt jetzt, daß die zwölf Reaktoren nicht erst, wie 1980 durch Volksabstimmung beschlossen, in den Jahren 2000 bis 2010 abgestellt werden, sondern schon früher. Die Regierung Carlsson hat dies abgelehnt, will jedoch jetzt milliardenteure Überdruckventile und Steinsilofilter einbauen lassen, um einer Kernschmelze vorzubeugen. Ärger gibt es auch mit den Dänen, die selber keine Reaktoren besitzen und nun den Stopp des Kernkraftwerkes Barsebeck verlangen, das ihnen die Schweden nur 25 Kilometer von Kopenhagen entfernt vor die Nase gesetzt haben.

In Mitteleuropa reagierte, noch vor der Bundesrepublik, als erstes Land Österreich. "Uns hat es schwer erwischt", sagt Rudolf Orthofer, der Sekretär des Umweltministers. "Wir liegen im Luftschlauch. Dazu kommen die Alpen, die Regenfälle auslösen." Ebenso wie in Schweden wurden auch hier im Regenwasser und am Boden Strahlungen bis zum 200fachen der normalen Werte festgestellt. In allen Molkereien wird nun die Milch kontrolliert; Schafsmilch, weil besonders stark belastet, ist für den Verbrauch gesperrt; Kindergärten warnte man vor Spielen im Freien.

Inzwischen sind viele Länder in Europa dem Beispiel Österreichs gefolgt. Besonders drastisch Italien: Dort wurde für 15 Tage der Verkauf von Blattsalaten und Blattgemüse verboten. Nur Frankreich unternahm nichts: Die Strahlenmenge sei zu geringfügig. Etlichen Leitartiklern war die Kritik an sowjetischer Geheimniskrämerei und am Kommunismus wichtiger. Die Losung hieß: Bloß keine Debatte über die Atomenergie; die Mehrheit der Franzosen, die ohnehin sowohl die zivile wie die militärische Nutzung der Kernkraft befürwortet, sollte nicht verunsichert werden.

Mehrere europäische Länder haben für landwirtschaftliche Produkte aus dem Ostblock strenge Importkontrollen angeordnet oder die Einfuhr sogar zeitweise verboten. Auf dem Wirtschaftsgipfel in Tokio war Tschernobyl Thema Nummer eins – ein Prestigeverlust, der Gorbatschow sehr bitter ankommen muß.

Vor zwei Monaten war die Welt für Andronik Petrosjanz, den Vorsitzenden des Staatlichen Komitees zur Nutzung der Atomenergie der UdSSR freilich noch in Ordnung. "Atomkraftwerke sind weniger gefährlich als Kohlekraftwerke", schrieb er im Februar im KP-Blatt Morgenröte des Ostens. "Die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe in einem Atomkraftwerk liegt bei einer Größenordnung von 1:1 000 000 im Jahr."

Geradezu als "ein Ergebnis der sittlichen und sozialen Prinzipien der Gesellschaft, in der wir leben", bejubelte zwei Tage später Leonid Andrejewitsch Iljin, der Vorsitzende der sowjetischen Kommission für Strahlenschutz, in der Prawda die Atomenergie als "die für die Umwelt und die Gesundheit am wenigsten gefährliche Art der Energieproduktion". Vor fünf Jahren seien neue, noch härtere Schutzauflagen bei der Projektierung und Nutzung von Atomkraftwerken eingeführt worden; insbesondere der Schutz nach außen hin sei um das Zwanzigfache verstärkt worden. "In der Sowjetunion", so Iljin, "kosten die Schutzvorrichtungen mit einer drei- bis vierfachen Sicherung fast halb soviel wie das Werk"; trotzdem denke niemand daran, "hier Mittel einzusparen".

Ganz anders stand es – laut einem Bericht der Los Angeles Times – am 27. März in der Literaturna Ukraina, dem Organ des Schriftstellerverbandes: Die Atomkraftanlage Tschernobyl sei eine Zeitbombe. "Für die Fehler werden wir über Jahrzehnte hinaus bezahlen müssen", ging die Autorin des Beitrages (wahrscheinlich eine leitende Angestellte des Werks) mit den Zuständen in Tschernobyl ins Gericht – es fehle an Baumaterial, Disziplin und Arbeitsmoral; die schlechte Organisation und die Unfähigkeit der Verantwortlichen bedrohe das Gelingen des gesamten Projekts.

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Wie schierer Hohn wirkt nun, nachdem diese Prophezeiung schlimm und schnell wahr wurde, die Schönfärberei des Direktors der Anlage, W. Brjuchanow. Ende 1981 hatte er in der Zeitung Sowjetlettland noch stolz erklärt, sein Werk gelte als das beste der Sowjetunion. Mit "juwelierhafter Präzision" sei die komplizierte Ausrüstung montiert worden "Die Perspektiven des KKW Tschernobyl sind grandios."

Bis 1988 sollte die Anlage mit einem fünften und sechsten Reaktor zum großen Atomwerckomplex der Welt ausgebaut werden. Spätestens 1985 zeigte sich freilich, daß dieses Planziel nicht in der vorgesehenen Zeit zu erreichen sein werde. Schon Jahre vorher war in der sowjetischen Presse Kritik laut geworden, daß das Werk nicht schnell genug gebaut werde.

Im Mai 1982 berichtete aber die Wirtschaftszeitung über Probleme im Reaktorgebäude eben jenes vierten Blocks, in dem es zur Katastrophe kam Ende November 1983 schrieb das Regierungsblatt Iswestija, auf der Baustelle in Tschernobyl werde die angelieferte Ausrüstung nicht sachgemäß gelagert.

Da neunzig Prozent aller sowjetischen Öl-, Erdgas- und Kohlevorräte jenseits des Ural liegen, ihre Nutzung also kompliziert und kostspielig ist, werden im europäischen Teil der Sowjetunion bereits seit längerem nur noch Kern- und Wasserkraftwerke gebaut. Eine besondere Rolle spielt die Atomkraft in der Ukraine, der mit mehr als 50 Millionen Einwohnern drittgrößten Unionsrepublik: Hier liegt ihr Anteil an der Energieversorgung bei etwa einem Drittel.

Derzeit stehen in der Ukraine vier Kernkraftzentralen mit einer Kapazität von knapp 9000 Megawatt: Tschernobyl, Saporoschje, Rowno und Südukraine; fünf weitere Werke sind noch in Bau. Der erste Reaktor in der Ukraine ging 1979 ans Netz – in Tschernobyl. Hier, im fünftgrößten Kernkraftwerkskomplex der Welt, stehen vier Atommeiler des Typs RBMK-1000; der letzte – der jetzt explodierte – wurde 1984 in Betrieb genommen.

Doch mit hochfliegenden Plänen ist es vorerst vorbei. Vergangene Woche ließen die sowjetischen Behörden 20 Reaktoren jenes Typs, der in Tschernobyl havarierte, außer Betrieb setzen. Diese RBMK-1000 lieferten bisher etwa die Hälfte des Atomstroms in der Sowjetunion und Strom zum Export nach Osteuropa.

Der RBMK-1000 ist die modernste Ausführung einer der drei Reaktorbaulinien, welche die Sowjets entwickelten, seit sie 1954 in Obninsk bei Moskau das erste Atomkraftwerk der Welt in Betrieb nahmen. Außer diesem Reaktor bauen sie noch Reaktoren der Typen WWER-440 und WWER-1000 sowie natriumgekühlte Schnellbrüter. Gefertigt werden diese standardisierten Modelle in der Reaktorfabrik Atommasch in der ukrainischen Stadt Wolgodonsk. Dieses Werk sollte die lange offiziell verkündete Utopie Wirklichkeit werden lassen: Atommeiler vom Fließband, die im Jahr 2000 ein Drittel des in der gesamten Sowjetunion verbrauchten Stroms mit Kernenergie (heute: zehn Prozent) erzeugen.

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Atommasch wurde schon nur mit Verspätung produktionsbereit; den Plan, acht Reaktorblöcke pro Jahr herzustellen, erfüllte die Fabrik nie. Dennoch liegt die Sowjetunion heute mit ihrer Kernkraftkapazität hinter jener der Vereinigten Staaten an zweiter Stelle. Laut einer Statistik der Internationalen Atomenergie-Organisation waren Ende letzten Jahres 50 Reaktoren mit insgesamt 26 803 Megawatt Leistung in Betrieb.

Schwere Unfälle sind nach sowjetischer Sicherheitsphilosophie ausgeschlossen. Stolz verwiesen Offizielle vor einigen Jahren auf ihre Bilanz: über 2000 Reaktorbetriebsjahre ohne Personenschaden.

Unfälle gab es aber trotzdem; im Frühjahr 1979 (nach der Katastrophe von Harrisburg) vertraute dies der Energieminister Pjotr Neporoschnyj einem amerikanischen Kongreßabgeordneten an – Moskaus Medien verloren über die ungewohnten Eröffnungen des Ministers kein Wort. Verschwiegen wurden der sowjetischen Bevölkerung auch die gefährlichen Störfälle, zu denen es 1973 und 1974 im Schnellen Brüter von Schewtschenko am Kaspischen Meer gekommen war. Nichts erfuhr sie darüber, was sich in der Silvesternacht 1978/79 mit dem Schnellen Brüter Bjelojarsk abspielte: Während das Personal kräftig aufs neue Jahr anstieß, brach in der Maschinenhalle ein Feuer aus und gefährdete das Kühlsystem. Entsetzt begannen die Behörden die Evakuierung der nahen Siedlung Zaretschnij.

Zu einem schweren Unfall war es allem Anschein nach auch im Sommer 1983 gekommen. Die Prawda berichtete von einer Krisensitzung in der Reaktorfabrik Atommasch: Die Verantwortlichen hätten "viele Jahre systematische Störungen der Technik und der Regeln bei den Bauarbeiten zugelassen". Die vom Politibüro verhängte "strenge Bestrafung" blieb nicht aus: der Vorsitzende des Komitees für das Bauwesen, Ignatij Nowikow, wurde unbedankt in den Ruhestand versetzt. Energische Schritte wurden angekündigt, um "Fehler bei der Projektierung und beim Bau von Industrieanlagen" zu beseitigen, "Sondermaßnahmen" und gar die Gründung eines "Staatskomitees für die Aufsicht über die sichere Ausführung der Arbeiten in der Atomindustrie" sollten folgen.

Doch was ist alles im Verborgenen geblieben? Ende der siebziger Jahre veröffentlichte der 1973 ausgebürgerte, seither in London lebende sowjetische Biochemiker und Gerontologe Zhores Medwedjew ein Dokument des Schreckens über eine bis dahin unbekannte Katastrophe: "Bericht und Analyse der bisher geheimgehaltenen Atomkatastrophe in der UdSSR (Hoffmann und Campe, Hamburg, 1979). Ende 1957 oder Anfang 1958 explodierte demnach eine Deponie mit radioaktivem Müll im Tscheljabinsker Distrikt im südlichen Ural. Hunderte von Menschen starben, Tausende wurden evakuiert oder unter strenger Isolation in Spitälern behandelt. Die vegetationslose Geisterlandschaft von Tscheljabinsk durfte auch Jahre später nur in geschlossenen Fahrzeugen mit hohem Tempo durchquert werden.

Sowjetische Atomkraftwerke stehen unweit unserer Grenzen: in der DDR. "Nach der Tass-Meldung über eine Havarie im Kernkraftwerk Tschernobyl wurden keine Werte der Radioaktivität gemessen, die eine Gesundheitsgefährdung hervorrufen können." Diese spröde erste Erklärung des Staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz präsentierte das Neue Deutschland am Dienstag vergangener Woche.

Auf den Tag genau elf Jahre zuvor, am Vorabend des 1. Mai 1975, war der Ton des Neuen Deutschland noch jubilierend. Der russische Botschafter in Ost-Berlin, Pjotr Abrassimow würdigte vor Bauarbeitern in Lubmin bei Greifswald die Inbetriebnahme des zweiten 440-Megawatt-Blocks des aus der Sowjetunion gelieferten Atomkraftwerks. "In diesem Kernkraftwerk, das den Namen des hervorragenden Kommunisten und Kämpfers gegen den Faschismus, Bruno Leuschner, trägt, diene das Atom dem Frieden, dem Wohle des Bruderlands, das von der ruhmreichen Sowjetarmee vom Faschismus befreit wurde."

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Heute laufen in Lubmin vier Reaktoren des Typs "Nowoworonesch 440". Sie haben kein Containment, das den Reaktorkern umschließt. Eine solide Reaktorkuppel fehlt. Das Notkühlsystem scheint derart mangelhaft, daß die finnischen Betreiber in einem Reaktor eben dieser Baureihe ein amerikanisches Notkühlsystem einbauen ließen.

In der DDR ist – wie bisher in ganz Osteuropa – die Einstellung zur Atomenergie weitaus gelassener als im Westen.

Im DDR-Standardwerk "Lehrbuch der Kernenergetik" heißt es: "Eine strenge Anwendung der Sicherheitsphilosophie des Größten Anzunehmenden Unfalls (GAU) stößt in Mitteleuropa infolge der Bevölkerungsdichte auf Schwierigkeiten. Das Postulat des GAU ermöglicht keine im ökonomischen Sinne optimale Behandlung sicherheitstechnischer Probleme."

Anders gesagt: Der Reaktorkern darf einfach nicht schmelzen, weil es zu teuer wäre, die Bevölkerung davor zu schützen.

Westberliner Anti-AKW-Gruppen – in der DDR werden ihre Mitglieder als Irregeleitete gesehen, die sich vor den Karren der Zechenbarone und Ölmultis spannen lassen – haben angesichts dieser Sorglosigkeit jahrelang über die Gefährdung des westlichen Teils der Stadt Beschwerde geführt. Der 75-Megawatt-Forschungsreaktor Rheinsberg liegt 75 Kilometer westlich von West-Berlin, Lubmin bei Greifswald 180 Kilometer im Nordwesten und Stendal, wo ursprünglich das größte Atomkraftwerk Europas gebaut werden sollte, liegt keine 80 Kilometer entfernt. Ein GAU in der DDR könnte für Berliner ebenso wie bei entgegengesetzten Windrichtung für Helmstedter oder Hannoveraner tödlich enden. Es gibt nicht einmal eine Vereinbarung darüber, daß die DDR West-Berlin über einen Reaktorunfall informieren müßte.

Harrisburg war ähnlich

Trotz unterschiedlicher Reaktortypen und Sicherheitsnormen gibt es in der Atomenergie gesamtdeutsche Tendenzen: Auch in der DDR hat nach hochfliegenden Plänen eine gewisse Ernüchterung Platz gegriffen. Der Plan, in Lubmin die Kapazität auf 3520 Megawatt zu verdoppeln, wurde vorerst fallengelassen, und auch bei Stendal ist man bereits ein paar Jahre im Rückstand. "Die DDR setzt wieder voll auf Braunkohle", erklärt Professor Martin Jänicke, Leiter der Forschungsstelle Umweltpolitik am Westberliner Otto-Suhr-Institut. "Das sind in erster Linie wirtschaftliche Erwägungen, aber auch Sicherheitserwägungen. Seit Beginn der achtziger Jahre sind an der Qualität der sowjetischen Atomkraftwerke Zweifel aufgekommen," Während die Braunkohleförderung in den letzten Jahren weit über Plan gesteigert wurde, sank der Anteil des Atomstroms zwischen 1980 und 1984 von zwölf auf 10,7 Prozent.

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Ein wesentlicher Rückschlag für die Atomindustrie – weltweit – war der Reaktorunfall von Harrisburg im Jahre 1979. Er offenbarte: Nicht nur sowjetische Behörden sind zögerlich, wenn es darum geht, die Bevölkerung über die tatsächliche Lage aufzuklären. Und: Nicht allein in sowjetischen Kraftwerken nehmen Unfälle ganz andere Verläufe als erwartet. Ein Blick zurück:

Mittwoch, 28. März 1979: Im Kühlwassersystem des Werks 2 von "Three Mile Island" (TMI 2) versagen kurz nach vier Uhr morgens mehrere Pumpen; zwei Stunden später schalten automatisch die Dampfturbine und der Generator ab.

Sechs Sekunden später endet automatisch der Kernspaltprozeß. Drei Notfall-Speisewasserpumpen beginnen ihren Betrieb – sie sollen den Reaktorkern kühlen. Nach sechs weiteren Sekunden bemerkt ein Mann des Bedienungspersonals, daß die Notpumpen laufen. Er übersieht jedoch zwei Lichtsignale, die anzeigen, daß die Ventile beider Not-Speisewasserrohre geschlossen sind.

Unbemerkt bleibt auch, daß ein Überdruck-Ventil, das sich dreizehn Sekunden nach dem Beginn des Unfalls hätte schließen müssen, offen bleibt. Konstruktionsfehler: Auf der Schalttafel des Kontrollraums von TMI 2 zeigt ein Indikator lediglich an, daß der Strom, der das betreffende Ventil öffnet, abgeschaltet ist, nicht aber in welcher Stellung das Ventil sich befindet. Es steht offen – bleibt während der nächsten zwei Stunden und 22 Minuten offen; ein Drittel des gesamten Kühlwassers entweicht in dieser Zeit.

Um 7 Uhr 45 beginnen – wie stets – die Beamten der Atomaufsichtsbehörde National Regulatory Commission (NRC) ihre Arbeit. Frühere Versuche, die Kontrollbehörde zu informieren, waren versandet: beim telephonischen Auftragsdienst. Bereits um 7 Uhr 24 hatte Gary Miller, Direktor des Three Mile Island-Kraftwerkes, den allgemeinen Notstand erklärt, nach der Definition des Betreibers eine Situation, in der "ernsthafte Strahlengefährdungen für Gesundheit und Sicherheit der Bevölkerung" entstehen können.

Die Bevölkerung jedoch wird erst um 8 Uhr 25 informiert. Ein Reporter des Rundfunksenders WKBO in Harrisburg hatte den Polizeifunk abgehört – und erfahren, daß bei Polizei und Feuerwehr Alarm ausgelöst worden war. Um 9 Uhr 06 tickerte Associated Press eine erste Meldung. Politiker und Behördenvertreter, unter ihnen der Bürgermeister von Harrisburg, Paul Doutrich, erfahren erst jetzt von dem Unfall. Am späten Vormittag gibt der stellvertretende Gouverneur von Pennsylvania, William Scranton, ein Interview: "Es gibt und gab keine Gefahr. Alles ist unter Kontrolle." Um 15 Uhr 50 wird im Kontrollraum ein merkwürdiges "Dröhnen" hörbar: eine Wasserstoffexplosion von zwei bar Stärke (wie der Computer registriert). Freilich wird die Explosion nicht als solche erkannt, die Experten meinen, ein Ventilator-Schieber schlage zu.

Donnerstag, 29. März: Die Pennsylvania Emergency Management Agency meldet mehrmals: "Keine Gefahr für die Öffentlichkeit"; "Lage bessert sich"; "kein Gesundheitsrisiko". Derweil ordnet die Elektrizitätsfirma "Met Ed" an, radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem Kraftwerk in den Susquehanna-Fluß abzuleiten. Weder die Presse noch die flußabwärts liegenden Gemeinden werden informiert. Nachdem 150 000 Liter in den Fluß gelangt sind, erfährt der NRC-Vorsitzende Joseph Hendric von dieser Verseuchung und ordnet an, sie zu unterbinden.

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Freitag, 30. März: Hubschrauber, die den Reaktor am Morgen überfliegen, messen Strahlen von bis zu 1200 Millirem pro Stunde. Im Reaktorgebäude bildet sich eine Gasblase. Die Techniker wissen nicht, wie sie abgeleitet werden kann. Nimmt ihr Druck zu, dann öffnen sich automatisch Überdruckventile, das Gas entweicht, die Umgebung wäre ständiger Bestrahlung ausgesetzt. Würde die Gasblase in die Nebengebäude geleitet, dann bestünde die Gefahr, daß sie dort durch Lecks entweicht.

Die NRC rät Gouverneur Richard Thornburgh, eine Evakuierung anzuordnen. Kurz nach 12 Uhr 30 gibt Thornburgh seine Anweisungen: Schwangere und Kinder im Vorschulalter im Umkreis von acht Kilometern um Three Mile Island haben das Gebiet zu verlassen; alle Schulen im Umkreis sind zu schließen; die Bevölkerung wird aufgefordert, ihre Wohnungen nicht zu verlassen.

Gleichzeitig erklärt die NRC, es bestehe keine unmittelbare Katastrophengefahr. Ein Vertreter der Atomindustrie sagt im Fernsehen: "Wir sind keine nuklearen Feiglinge, wir machen weiter."

Samstag, 31. März: Die NRC spricht erstmals von einer "kleinen Wasserstoff-Explosion" (am Mittwochnachmittag). Es bestehe die "entfernte Möglichkeit einer Katastrophe durch weitere Explosionen. Im Auftrag der Industrie eröffnet eine Versicherung in Harrisburg ein Büro und erstattet Frauen und Kindern die Evakuierungskosten.

Sonntag, 1. April: Die Gasblase im Reaktorkern wird explosiver: Experten rechnen: noch zwei Tage, bis der kritische Punkt erreicht ist. Der Bischof von Harrisburg erteilt allen Katholiken eine Generalabsolution. Die Behörden planen erneut eine allgemeine Evakuierung. In der unterirdischen Befehlszentrale des Gouverneurs werden Feldbetten aufgestellt. In den Krankenhäusern können nur noch die dringendsten Fälle aufgenommen werden – viele Ärzte und Schwestern erscheinen einfach nicht zum Dienst.

Im Reaktor wird die Hauptkühlpumpe in Betrieb gesetzt: Die Gasblase beginnt zu schrumpfen. Der Reaktor wird wieder "beherrschbar".

Sechs Jahre später erschien eine Studie des amerikanischen Energieministeriums mit einer guten und einer schlechten Meldung. Die gute: Es war weit weniger radioaktives Jod und Cäsium entwichen als erwartet – die Strahlenbelastung der Bevölkerung mithin geringer als befürchtet. Die schlechte: Die Uranbrennstäbe verflüssigten sich bei viel niedrigeren Temperaturen als zuvor berechnet; ein Fünftel des Reaktorkerns war bereits geschmolzen; die unkontrollierbare Kettenreaktion war also weit fortgeschritten.

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Seit dem Unfall in Harrisburg wurde in den Vereinigten Staaten kein neues Kernkraftwerk mehr in Betrieb genommen. 1985 ereigneten sich zwölf größere Zwischenfälle in bestehenden Kraftwerken – das schlimmste Jahr seit Harrisburg. In einem Kraftwerk bei Toledo in Ohio bestand im Juni die Gefahr eines Durchschmelzens, als die Kühlung zwölf Minuten lang ausfiel.

Wegen der heftigen Atomkraftdebatte in der Bundesrepublik, die erst abebbte, als es keine weiteren Genehmigungsverfahren mehr gab, haben sich die Betreiber auch hierzulande zu euphemistischen Hymnen hinreißen lassen, die denen der Sowjetunion durchaus ähneln. In einem Bildatlas "Kernenergie in Deutschland" (Ullstein Verlag), den die Kernenergieindustrie gern kostenlos verteilt, liest man: "Ein Kernkraftwerk gibt praktisch nichts Belastendes an die Umwelt ab. Selbst das Flußwasser, das es zum Kühlen braucht, wird nur um maximal drei Grad Celsius erwärmt Es leitet zusätzlich Sauerstoff ein, beschleunigt den biologischen Zerfall des Unrats und läßt die Fische gedeihen. Viele Angler haben dies erkannt. Diese stille, umweltfreundliche Energiegewinnung verdanken wir dem Wunder der Kernspaltung."

Vergangenen Samstag, als strahlender Sonnenschein Hunderte Angler an die Alster lockte – deren Wasser kein Kraftwerk kühlt –, war in vielen Hamburger Geschäften bereits das Milchpulver ausverkauft. Eine Panikreaktion? Oder doch die Erkenntnis, daß es um die Milch in den kommenden Tagen nicht zum Besten stehen könnte?

So sicher wähnten Befürworter noch vor kurzem die Kernenergie, daß im vergangenen Jahr sogar eine Verringerung der Risikoforschung angekündigt wurde. Staatssekretär Hans-Hilger Haunschild vom Bundesforschungsministerium während eines Vortrages vor dem Deutschen Atomforum: "Das zu Beginn der siebziger Jahre stark ausgeweitete Reaktorsicherheits-Forschungsprogramm wird innerhalb der nächsten fünf Jahre weitgehend zurückgenommen werden können. Die Arbeiten haben... die Beherrschbarkeit von schweren Unfällen erheblich verbessert."

Es bleibt jedoch – unverbesserbar? – der Risikofaktor Mensch. Im Jahre 1979 fragte ein CDU-Abgeordneter die damalige Bundesregierung: "Teilt die Bundesregierung die Erkenntnis, daß beim Betreiben einer kerntechnischen Anlage die menschliche Unzulänglichkeit zwar verbesserungsfähig, dem Grunde nach aber ein unabänderbares Reaktorrisiko ist?" Der Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Andreas von Schoeler, antwortete schriftlich mit nur einem Wort: "Ja". Seit 1977 werden jährlich die "besonderen Vorkommnisse" in bundesdeutschen Atomkraftwerken registriert, also Störfälle und Unfälle. In den Jahren 1965 bis 1977 wurden 141 solcher besonderen Vorkommnisse erfaßt, darunter ein Todesfall. Die meisten Vorkommnisse fallen unter die minder schweren Kategorien "B" und "C".

Aber im Jahre 1983 gab es auch ein Vorkommnis der Kategorie "A". 1980 waren es gar fünf, also solche, die nach amtlicher Definition "zur Abgabe radioaktiver Stoffe oberhalb genehmigter Abgaberaten geführt haben". Eduard Spranger vom Innenministerium über den neuesten Vorkommnisbericht: "Das von den Behörden geforderte Sicherheitsniveau wurde wiederum eindrucksvoll bestätigt." Ein Blick nach Japan bringt andere Eindrücke. Der Inselstaat betreibt heute 33 Atomreaktoren, die Bundesrepublik nur 20. Doch dort ereigneten sich im Jahre 1982 nur 28 besondere Vorkommnisse – bei uns 142.

Überdies: All diese Zahlen sagen nichts darüber aus, welche Folgen ein – als beherrschbar geltender – Größter Anzunehmender Unfall (GAU) haben kann; nichts darüber, was passiert, wenn er zu einem – nicht für möglich gehaltenen – Super-GAU wird. Ein Super-GAU beginnt, wenn der Reaktorkern, wie jetzt in Tschernobyl, wie ehedem in Harrisburg, zu schmelzen anfängt.

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Versuchsweise hat das amerikanische Energieministerium im vergangenen Jahr eine solche Kernschmelze eingeleitet. In einem eigens dafür gebauten Reaktor (Kosten: 200 Millionen Dollar), neunzig Kilometer westlich von Idaho Falls, wurden die inneren Brennstäbe binnen weniger Minuten auf über 2300 Grad erhitzt Die Brennstabhüllen zerfielen, einige fingen an zu schmelzen. Der Versuch wurde abgebrochen, als sich zeigte, daß die schnelle Kühlung den Reaktor wieder in einen sicheren Zustand versetzen konnte. Aber, was wäre passiert, wenn diese Notkühlung versagt hätte?

Überhaupt: Wird die Menschheit durch die Komplexität der Nukleartechnik und ihrer Folgen nicht zwangsläufig überfordert? Im Jahre 1979 errechnete der TÜV-Rheinland für einen möglichen "strahlenwirksamen Störfall" noch 100 000fach höhere Dosen als im Jahre 1983. Woher diese enorme Abweichung? Dazu der Bundesinnenminister: "Im wesentlichen handelt es sich bei den Änderungen um anlagetechnische Parameter auf der Grundlage der Betriebserfahrungen." Friedrich Zimmermann hätte es auch in einfachem Deutsch formulieren können: Bisher ging alles gut, deshalb erwarten wir geringere Strahlenbelastungen.

Der Reaktortyp von Tschernobyl galt als besonders sicher – auch im Westen. Vergangene Woche gab die Kölner Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GSR) bekannt: "Die Anlagen besitzen ein Notkühlsystem und Einrichtungen zur Notstromversorgung." "Auf jeden Fall" aber, fügte die GSR hinzu, wurde eine "völlig andere Systemtechnik" verwendet als in der Bundesrepublik. Daraus könne geschlossen werden, daß – was die Störanfälligkeit betrifft – "mit großer Wahrscheinlichkeit eine Übertragbarkeit nicht gegeben ist". Wohlgemerkt: mit großer Wahrscheinlichkeit, nicht: mit absoluter Sicherheit.

Und Wackersdorf?

Dieter Teufel vom Heidelberger Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU) sagt, die Sicherheitseinrichtungen beim havarierten Reaktor seien dreifach ausgelegt, eine Norm, die früher auch hierzulande galt. Erst auf öffentlichen Druck installierten westdeutsche Betreiber vierfache Sicherheitseinrichtungen. Teufel mutmaßt, daß der Reaktortyp von Tschernobyl mit einem vierfachen Sicherheitssystem auch hierzulande die Genehmigungsauflagen erfüllt hätte.

Der sowjetische Reaktor besitze sogar einige Vorteile. Seine "Verläßlichkeit", hieß es 1983 auch im bundesdeutschen Fachblatt Atomwirtschaft, sei "sehr hoch dank der Überwachungs- und Kontrollmöglichkeit der einzelnen horizontal liegenden Kanäle aus Zirkon": Die einzelnen Teile des Reaktorkerns sind offen zugänglich und daher leichter zu bedienen und zu warten.

Ein deutscher Leichtwasser- oder Siedewasserreaktor, so Teufel, könne nach einem Unfall relativ schnell schmelzen, weil der Kern nur von Wasser umgeben ist. Beim sowjetischen Graphitreaktor müsse erst der schwer entzündbare Graphit abbrennen, bevor die Kernschmelze beginnen kann. Just diese dämmende Eigenschaft des Graphits sei allerdings auch ein Indiz für die Schwere des Unfalls in der Ukraine. Da trotzdem viel Radioaktivität entwichen sei, könne man schließen, "daß ein erheblicher Teil, wenn nicht der ganze Kern, geschmolzen ist".

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Und Redundanz, das heißt die mehrfache Auslegung von Sicherheitsvorrichtungen schützt vor Katastrophe nicht. Bei der Raumfähre "Challenger" waren die Computer vierfach redundant; die Feststoffraketen waren es nicht. Bei einem modernen Jet ist die Hydraulik zur Betätigung der Flügelklappen drei-, oft vierfach redundant; explodiert eine Bombe im Laderaum, dann hilft auch das nichts.

Der Reaktordruckbehälter eines typischen bundesdeutschen Atomkraftwerkes ist aber nur einfach ausgelegt. Teufel: "Sollte der einmal brechen, dann kann man nichts mehr machen."

Selbst die Mehrfachsicherheit funktioniert nicht immer. Das Kernkraftwerk Würgassen hat vier Notstromaggregate. Einmal, als zwei dieser Dieselmotoren zur Reparatur waren, wurde ein unvorhergesehener Test gemacht: Die beiden verbliebenen Motoren sprangen nicht an.

Dazu kommt das Risiko Mensch. Während einer Fußballübertragung im Fernsehen riß im Atomkraftwerk Brunsbüttel ein Stutzen ab. Die Bedienungsmannschaft merkte es nicht. Der Reaktor hatte mehrmals abgeschaltet. Die Alarmsignale störten das Personal beim Fernsehen, man glaubte an eine Überreaktion der Automatik – und schaltete das Schnellabschaltsystem aus. Radioaktivität wurde freigesetzt, nicht viel. "All diese Dinge tauchen in keiner Sicherheitsanalyse der GSR auf", sagt Teufel.

Auch die entstehende Wiederaufarbeitungsanlage im bayerischen Wackersdorf birgt schwer ermeßbare Risiken. Dort werden sich einst, so Teufel, mehr als zwanzigmal soviel langlebige Spaltprodukte befinden wie in Tschernobyl. Chemische Explosionen und Brände seien nicht auszuschließen. Das Institut für Energie- und Umweltforschung hat ausgerechnet, daß ein mittelschwerer Unfall in einem Umkreis von etwa zehn Kilometern tödliche Strahlenbelastung zur Folge hätte.

Solche Szenarien über das Mögliche entbehren nicht einer längst Realität gewordenen Grundlage. An der Irischen See liegt die britische Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield. Früher hieß sie Windscale – den Namen haben die Behörden geändert, wohl um die damit verbundene Unfallchronik vergessen zu machen. Im Oktober 1957 wütete in einem Plutonium produzierenden Reaktor von Windscale zwei Tage lang unbemerkt ein Brand. Die Belegschaft blieb im Werk, während der Reaktor trotz erheblicher Bedenken mit Wasser gekühlt wurde. Der Reaktor war graphitmoderiert, man hatte also wie jetzt in Tschernobyl einen Graphitbrand zu bekämpfen.

Auch die Briten hielten damals mit Informationen hinterm Berg. Erst drei Tage nach dem Unglück wurde der Öffentlichkeit mitgeteilt, es sei Radioaktivität ins Meerwasser gelangt, doch niemand in Gefahr. Zwei Tage später wurde die Ausgabe von Frischmilch verboten. Aber erst nach 26 Jahren erfuhr England durch einen offiziellen Report das wahre Ausmaß der Katastrophe – auch das erst, nachdem das Magazin New Scientist über eigene Untersuchungen berichtet hatte.

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An die hundert Menschen starben seit 1957 in der Umgebung der Wiederaufarbeitungsanlage an den Folgen dieses und einer ganzen Reihe weiterer Unfälle; Kälber und Lämmer wurden mit Mißbildungen geboren; einmal wurde Plutonium gar im Staubsauger einer Hausfrau gefunden.

Nach dem Reaktorbrand von 1957 verseuchte Jod-131 das umliegende Weideland: das Strahlengift gelangte in mindestens zwei Millionen Liter Milch.

Während der gesamten sechziger Jahre gelangte Plutonium-Nitrat in das Kühlwasser, von dort auf den nahen Strand und in die Atmosphäre.

Im September 1973 kam es in der Anlage wieder zu einem Unglück: Radioaktives Gas entwich aus einer heißen Zelle und verseuchte 35 Arbeiter mit Dosen, die bis zum sechzigfachen über der zulässigen Jahresdosis lagen. Ein Teil der Wiederaufarbeitungsanlage wurde geschlossen; er darf auf Jahrzehnte hinaus nicht mehr betreten werden.

Im Juli 1975 neue Aufregung: Außerhalb des Werkes wurden verseuchte Baumaterialien, Metall und Beton, gefunden. Das sei ihr "durch das Überwachungssystem gerutscht", erklärte beschwichtigend die Betreibergesellschaft. Im März 1979 entdeckte man bei Bauarbeiten Lecks, durch die jahrelang Cäsium und Strontium austreten konnten. Einfach "versehentlich" ins Meer abgepumpt wurde schließlich im November 1983 radioaktiver Abfall. Und nicht genug: Am 5. Februar 1986 verseuchte Plutonium-Nitrat bei einer Pumpenreparatur 15 Männer; am 1. März nochmals fünf.

Gelernt hat die internationale Gemeinschaft aus solchen Erfahrungen wenig. Statt die Bürger von Anfang an als mündig zu nehmen und ihnen reinen Wein einzuschenken, wurden auch jetzt wieder alarmierende Nachrichten, oft in einer für Laien verwirrenden Sprache, verbreitet – zugleich mit beruhigenden Erklärungen. Bereits am 29. April, als ihn der sowjetische Botschafter noch gar nicht aufgesucht hatte, wußte Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann dem Fernsehvolk zu verkünden: "Wir sehen keine Gefährdung der deutschen Bevölkerung. Wir sind 2000 Kilometer vom Unfallort (Tschernobyl) entfernt."

In Ost wie West hatten die Behörden ein vorrangiges Interesse: Unter allen Umständen eine Panik zu verhindern. Mit welchem Erfolg, zeigte der Run auf die deutschen Apotheken. Abgesehen von den veröffentlichten Meßwerten, die allein in München zehn- bis hundertmal höher lagen als in den fünfziger und sechziger Jahren nach den überirdischen Atomversuchen der Supermächte, waren auch die Sachverständigen auf Spekulationen angewiesen, da genaue Daten aus der Sowjetunion fehlten. Britische Experten sahen Hungersnöte für Millionen Sowjetbürger voraus. In einem Gebiet, so groß wie Schottland und England, werde man ein Jahrzehnt lang wegen radioaktiver Verseuchung keine Ernten mehr einbringen können. In einem Interview mit der ZEIT hat sich der Moskauer Parteichef Boris Jelzin am Sonntag das Informationsmanko seiner Regierung so zu erklären versucht: "Die Unfallstelle ist jetzt unzugänglich für Menschen, deshalb können wir auch die genaue Ursache nicht feststellen. Und das sagen wir offen: Wir kennen die Ursache noch nicht. Wissenschaftler meinen das eine, Fachleute meinen etwas anderes. Das sind aber alles nur Versionen, nur Vermutungen."

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Jelzin meinte aber auch: "Wir sind durch keine internationalen Abkommen verpflichtet, Informationen zu Atomkraftwerken zu geben. Das ist eine innere Angelegenheit des jeweiligen Landes."

Denn so schlimm soll alles nicht gewesen sein: "Die unmittelbar betroffene Zone, etwa 30 Kilometer im Durchmesser, ist ein zu geringer Teil der Ukraine, geschweige denn des ganzen Landes, als daß daraus negative Auswirkungen für die Erträge, für die Ernte, für die Wirtschaft enstehen. Es wird keine negativen Folgen geben. In der Landwirtschaft außerhalb dieser Zone laufen die Arbeiten in normalem Umfang, in normalem Zustand weiter. Das Vieh wird geweidet, die Kühe werden gemolken, alle trinken Milch – im Unterschied zur Bundesrepublik Deutschland –, es werden keine Tabletten geschluckt."

Und dann die scheinbar unumstößliche Parteilinie: "Unser Energieprogramm, beschlossen bis zum Jahr 2000, wird nicht verändert." Doch nachdenklicher fügte er hinzu: "Wenn wir aber die genaue Ursache der Havarie festgestellt haben, dann sind bestimmte Korrekturen möglich, was die Technik, was die Konstruktion der Blöcke angeht und dergleichen mehr. Es ist möglich, daß auch bestimmte Normen und Werte verschärft werden."

Also werden sich die Sowjets nicht ganz den Forderungen verschließen, die ihnen nun aus der westlichen Welt entgegenschallen: Meldepflicht für Unfälle, besseres Frühwarnsystem bei grenzüberschreitender Radioaktivität, Mindeststandard an technischer Sicherheit, Schadensersatz?

Die Katastrophe in der Sowjetunion wirkt sich auch auf die Atompolitik des Westens aus. In den Vereinigten Staaten finden dieser Tage skeptische Wissenschaftler und Bürgerinitiativen Zulauf wie seit langem nicht. Siebzig Prozent der Amerikaner halten ein ähnliches Unglück in ihrem Land für "sehr" oder "ziemlich" wahrscheinlich. In die Schußlinie der Kritik geraten zusehends sieben militärische Forschungsreaktoren, die noch ohne Beton-Mantel arbeiten.

In der Bundesrepublik haben die Grünen rasch erkannt, daß sich ihnen nach Tschernobyl eine Chance bietet, wieder Anschluß an die Anti-Kernkraft-Bewegung zu finden. In Nordrhein-Westfalen wollen sie ein Volksbegehren erzwingen, mit dem Ziel, daß dieses Bundesland aus der Kernenergie aussteigt. Die Auseinandersetzung um die Atompolitik wird den kommenden Bundestagswahlkampf erheblich beeinflussen.

Fünfzehntausend Kernkraftgegner gingen bereits am Wochenende unter strahlendem Himmel auf die Straße. Mag auch Franz Josef Strauß gegen die neuen Teufelsaustreiber wettern, mag auch Bundesforschungsminister Riesenhuber am Atomprogramm festhalten (da ein Ausstieg aus der Kernkraft die Gefahren, die dann weiter von außen kämen, nicht reduzieren würde) – die Angst sitzt vielen Menschen hierzulande nun erst einmal in den Knochen. Was tun? Vor den Toren Hamburgs, im niedersächsischen Stade, wo am Sonntag ebenfalls vor dem Kernkraftwerk demonstriert wurde, schrieb Superintendent Volker Jürgens in der Heimatzeitung ein Wort zum Sonntag: "Also die Angst nicht wahrhaben wollen, verdrängen, beiseite schieben und im übrigen darauf warten, daß nach Murphys Law bei uns der GAU eintritt? Nein!" Sein Trost heißt – Jesus.