Einen Ruf verspielt

Derselbe Kurt Waldheim, der häufig Richard von Weizsäckers Rede zum 8. Mai als Beweis seiner aufrechten Gesinnung zitiert, kann scheinheilig sagen: "Ich verstehe den Ausdruck Trauerarbeit nicht."

Da tut schon nichts mehr zur Sache, daß Waldheim sich seines Vaters rühmt, der treu dem christlich-sozialen Bundeskanzler der ersten Republik, Kurt Schuschnigg, zur Seite stand, der den austrofaschistischen Ständestaat anführte: ein autoritäres System das im Bürgerkrieg des Februars 1934 mit Kanonen auf Arbeitersiedlungen schoß, und den Antisemitismus als politische Waffe gegen die Sozialisten handhabte. Die christlich-soziale Partei hatte nicht nur den wütenden Kleinbürger-Antisemitismus des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger hervorgebracht. In den Anfangsjahren der österreichischen Republik, zu einer Zeit, da Hitler noch Biertischreden schwang, beratschlagten die Abgeordneten im Wiener Parlament bereits ein Dissimilationsgesetz für die Juden.

Wie Kurt Waldheim, so hat sich auch Österreich erfolgreich davor bewahrt, Nachkriegsgerechtigkeit üben zu müssen. Kriegsverbrecherprozesse wurden nach dem Abzug der Alliierten trotz des hohen Anteils der Täter, die das Land hervorgebracht hatte, zur Seltenheit – und endeten in der Regel mit Freisprüchen. Die zuständige Abteilung des Wiener Innenministeriums wurde schon vor langer Zeit aufgelöst. Sie hatte wenig zu tun gehabt: Von 1970 bis 1975 fanden ganze acht Verfahren statt; sechs endeten mit Unschuldsurteilen. In den letzten zehn Jahren hat sich überhaupt kein österreichischer Richter mehr mit Naziverbrechen beschäftigen müssen.

Der Republik ist die historische Dimension abhanden gekommen. Das geschichtslose Vakuum füllt Kurt Waldheim aus. Daher sehen die Sozialisten ihre einzige Chance für die Stichwahlen am 8. Juni darin, das Wahlkampfthema der vergangenen Wochen vergessen zu machen.

Der neue Bundespräsident wird dennoch zum ersten Bürger eines Staates gewählt werden, der seinen guten Ruf verspielt, seine alpenländisch-liebenswürdige Unschuld verloren hat. Jahrelang hatten sich die Österreicher gerühmt, eine "Insel der Seligen" inmitten weltweiter Krisenregionen zu sein – immerhin hatte ihnen das Papst Paul IV. offenbart. Die sozialistischen Regierungen unter dem Neuerer und Bewahrer Bruno Kreisky erklärten den "Österreichischen Weg" zu ihrem Programm: Das Modell eines kleinen Landes, das Vollbeschäftigung und sozialen Frieden bewahrt, einträchtig Wohlstand schafft und in dem ein gemäßigtes, liberales Klima den sepplhosigen und reblausigen Mief aus den Gründerjahren der Zweiten Republik verdrängte. Zwar knarrte es mitunter beträchtlich in der Dekoration einer selbstzufriedenen, heilen Welt, doch Kreisky überbrückte stets die Gegensätze und vereinigte alle Widersprüche in seiner widersprüchlichen Person.

Drei Jahre nach der Wahlniederlage und dem Rücktritt Kreiskys ist davon wenig übriggeblieben. Österreich wäre das "größte Kabarett der Welt", meinte die Wiener Tageszeitung Kurier. Thomas Bernhard nannte es eine "Senkgrube der Lächerlichkeit", ein "in sich selbst delirierender Kleinstaat", so "verkommen", daß sich mit ihm "ein denkender Mensch schon lange nicht mehr identifizieren kann". Und selbst Michael Graff, Generalsekretär der oppositionellen Volkspartei gestand schon vor der Waldheim-Affäre: "Wir Politiker sind bei der Bevölkerung alle unten durch." Einer der vorigen Weltbürger des Landes, Erbprinz Karl Schwarzenberg, sucht indes Trost bei Roda-Roda, dem Hofhumoristen der Habsburger: "Es ist fürchterlich, aber nicht ernst."