Die amerikanische Frauenbewegung steckt in der Krise und hofft auf die Mütter

Von Barbara Ungeheuer

Vor zwei Jahrzehnten noch galten die amerikanischen Feministinnen in den Augen ihrer europäischen Schwestern als bahnbrechende Vorbilder. Betty Friedan, Kate Millet und Gloria Steinern wurden durch ihre Bücher, Zeitschriften und ihren politischen Aktivismus zu Ziehmüttern einer neuen Generation von Frauen auf beiden Seiten des Atlantiks. Sie lehrten uns die eigene Wertschätzung, das Recht, die Gleichberechtigung auszukämpfen und den vom Patriarchat forcierten Mutterschaftskult der fünfziger Jahre, als deren eigennütziges Unterdrückungsmittel zu begreifen. Und sie fehlten Aufsässigkeit.

Nun ernten auch die Aktivistinnen von jenen Früchten, die sie pflanzen halfen: Scharfe Kritik kommt nicht mehr, wie bisher üblich, allein aus dem konservativen Lager, sondern vor allem aus den eigenen Reihen. In den letzten Monaten erschienen viele Bücher und Magazinartikel, in denen die bisherige Zielsetzung der Frauenbewegung in Frage gestellt wird. Es sind die arbeitenden Mütter, die jetzt revoltieren. Sie werfen der Frauenführung das Versäumnis vor, sich für ihre dringlichsten Bedürfnisse, wie etwa den Ausbau von Tageskrippen und den gesetzlich garantierten Mutterschaftsurlaub nicht ernsthaft eingesetzt zu haben. Auch wird die epidemisch wachsende Verarmung der amerikanischen Frau nicht mehr der Reagan-Regierung angelastet. "Die elitäre Frauenbewegung" steht mit am Pranger.

Kein Gleichberechtigungsgesetz

Auch wenn Betty Friedan bereits 1981 die Richtlinien für "Das Zweite Stadium" ("The Second Stage") der Frauenbewegung entwarf, in der nicht mehr allein für die berufliche Chancengleichheit, sondern auch für die Erleichterung der Doppelbelastung von Beruf und Familie gekämpft werden müsse, so blieb dies bislang ein frommer Wunsch. Die Führung der "National Organisation for Women" (NOW) versteifte sich auf eine Doppelstrategie, mit der sie glaubte, die Gleichstellung der Frau am schnellsten zu erreichen.

In der ersten und hart umfochtenen Kampagne ging es um die Ratifizierung des Verfassungszusatzes, der die Gleichberechtigung der Frau gesetzlich garantieren würde. Das "Equal Rights Amendment" (ERA), das sich Amerikas Feministinnen bereits 1923 (!) als wichtigstes Ziel für ihre Emanzipation auf die Fahne geschrieben hatten, erreichte, auch 61 Jahre später, nicht die benötigte Zweidrittelmehrheit in den Länderparlamenten. Die Frauen von "NOW" unterlagen den Frauen der "moral majority". Phyllis Shafly, die selbstgekrönte Anführerin der "Pro-Leben-Liga", fand bei ihrer Anti-ERA-Kampagne große Zustimmung, bei den Männern sowieso, aber auch bei vielen Müttern und Arbeiterinnen. Denn diese befürchteten, daß sich ihr Los durch das Gleichberechtigungsgesetz nur verschlimmern würde, daß sie die wenigen Privilegien, die ihnen als Frauen zustanden, wie etwa flexible Arbeitszeit oder die Befreiung vom Überstundenzwang, wieder verlieren würden.