Über vierzig Jahre nach der Tat: doch noch eine Spur von Gerechtigkeit

Von Dietrich Strothmann

Krefeld, im Mai

Es war kein Sensationsprozeß, aber es war ein Prozeß mit einem sensationellen Urteil: Wolf gang Otto, so befand die 2. Große Strafkammer des Krefelder Landgerichts nach 32 Verhandlungstagen, hat sich der Beihilfe an der Ermordung Ernst Thälmanns schuldig gemacht und soll für vier Jahre ins Gefängnis. Dieser Spruch hatte die Wirkung einer Bombe. Er ist in der Geschichte der westdeutschen Nachkriegsjustiz in NS-Sachen ohne Beispiel.

Wolfgang Otto war im Konzentrationslager Buchenwald als SS-Oberscharführer "Spieß" und immerhin die rechte Hand des Kommandanten. Doch wer sich in der bedrückenden Geschichte der Prozesse gegen NS-Mörder vor Gerichten der Bundesrepublik auskennt, war sich einigermaßen sicher, daß gerade dieser Angeklagte auf freien Fuß gesetzt würde, wie es sogar die Staatsanwaltschaft empfohlen hatte. Immerhin konnte Otto zu keinem Zeitpunkt nachgewiesen werden, daß er selber mit Hand angelegt hatte bei der heimtückischen Ermordung des KPD-Führers Thälmann in der Nacht des 18. August 1944. Und als Gehilfen sind die vielen anderen Ottos in NS-Verfahren zumeist ungeschoren davongekommen.

Wolfgang Otto, ein längst pensionierter, inzwischen 75 Jahre alter Lehrer, den die Amerikaner – nachdem sie ihn wegen anderer Taten 1947 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt hatten – schon 1952 in Freiheit entließen; dem der Gelderner Schuldirektor, die Eltern, der Bürgermeister die besten Leumundszeugnisse ausstellten; der brav und bieder seinen harmlosen Lebensabend genoß – wer vergleichbare Fälle verspäteter Strafverfolgung von NS-Verbrechen im Gedächtnis hat, mußte davon ausgehen, daß auch in diesem Fall die Akten gnädig geschlossen werden, und zwar für immer.

Wolfgang Otto schließlich, gegen den bereits seit 1959 ermittelt wurde, zu dessen Gunsten die Staatsanwälte der Kölner Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Gewaltverbrechen aber sechsmal das Prüfungsverfahren einstellten; gegen den, nach einem Klageerzwingungsverfahren des rührigen Bremer Nebenklagevertreters Heinrich Hannover gleich zweimal Oberlandesgerichte eine Prozeßeröffnung durchpauken mußten – aus weitaus harmloseren Verschleppungsvorwürfen gegenüber einer Anklagebehörde führten die Urteile oft zu Freisprüchen wegen "unzumutbarer Belastung" der Angeklagten.

Das alles war bisher die Regel, war die normale Praxis im deutschen Gerichtsalltag, sofern es um die schwierige, oft verzweifelte Suche nach dem Recht ging, das Taten gerecht werden sollte, die bereits Jahrzehnte zurücklagen. Strafe – wem hilft, was "heilt" sie noch? Sühne – was bewirkt sie schon? Gerechtigkeit – wo bloß ist ihr Sieg?

Zum Beispiel Bradfisch

Zum Beispiel der SS-Obersturmbannführer Otto Bradfisch, Chef des Einsatzkommandos 8 in der Ukraine. Ihm wurde Beihilfe zum Mord in mindestens 10 000 Fällen zur Last gelegt. Das Münchner Landgericht aber gab ihm 1961 dafür nur zehn Jahre. Das hieß umgerechnet: 10 Minuten Haft für einen ermordeten Juden. Oder Johannes Hassenbroek, Kommandant des KZ Groß Rosen. In Braunschweig erklärten ihn die Richter 1970 nicht einmal der Mordbeihilfe für schuldig, ließen ihn einfach gehen. Oder die Mordanklage gegen sieben angeklagte SS-Männer des Vernichtungslagers Belcek, der das Münchner Landgericht I im Januar 1964 nicht folgte und die Eröffnung des Hauptverfahrens ablehnte.

Oder die Ermittlungen im Hamburger Fall "Bullenhuser Damm", wo dem Kommandanten der Außenlager von Neuengamme, Arnold Strippel, die Erhängung von zwanzig jüdischen Kindern und vierundzwanzig sowjetischen Kriegsgefangenen angelastet wurde. Bereits Mitte der sechziger Jahre hatte der zuständige Staatsanwalt zu Protokoll gegeben: Er sei gegen einen Prozeß, weil den Opfern "über die Vernichtung ihres Lebens hinaus kein weiteres Übel zugefügt worden" sei; vor einem Monat ist das Ermittlungsverfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit des Beschuldigten endgültig eingestellt worden.

Das war, bis zu dem überraschenden Krefelder Spruch gegen Wolfgang Otto, beinahe die Wirklichkeit in deutschen Gerichtssälen, sobald es um deutsche Vergangenheit ging. Es war fast nie so, daß – die übliche, jammernde Ausflucht der doch Verurteilten – die "Großen laufengelassen und nur die Kleinen gehängt" würden. Es war selbst in den Mammutprozessen über Auschwitz, Maidanek, Belcek oder Treblinka eher so, daß sich die Richter in tagelangen, mühsamen, peniblen Nachforschungen abrackerten, um dem einen Angeklagten die eine bestimmte Tat hieb- und stichfest nachweisen und ihn danach auch "revisionsdicht" verurteilen zu können.

Krefeld war anders. Die Richter dort, jünger als ihre Kollegen in früheren Verfahren, urteilten im klaren Widerspruch zur Anklage, die auf Freispruch erkannt hatte, nach anderen Kriterien. Ihnen genügte, daß Wolfgang Otto als Lagerspieß generell verantwortlich für Exekutionen war, daß er sie beaufsichtigt, an ihnen gelegentlich auch mitgewirkt hatte. Sie benötigten keine zweifelhaften Zeugenaussagen, um dem "gewissenhaften Schreibstubenhengst" nachzuweisen, daß ihm der geheime Befehl Heinrich Himmlers bekannt war, zur Rache für das mißlungene Attentat vom 20. Juli auch Hitlers "Schutzhäftling" Ernst Thälmann nach mehr als elfjähriger Haft des Nachts in Buchenwald vor dem rechtzeitig angezündeten Verbrennungsofen hinterrücks zu erschießen. Daß er, wie es sich die meisten Häftlinge bereits am nächsten Tag zuflüsterten, genau wußte, wer der prominente Ermordete war und eben nicht der Falschmeldung des Völkischen Beobachters einen Monat danach glaubte, Thälmann sei bei einem alliierten Bombenangriff ums Leben gekommen. Daß er, "katholisch erzogen, feinsinnig und humanistisch gebildet", in den fünf Jahren seiner Tätigkeit in Buchenwald die Barbarei der Verbrechen erkannt, an ihnen dennoch mitgewirkt hat.

"Etwas gefalligere Musik"

Manchmal, so der vorbildliche Erzieher Wolfgang Otto im Sitzungssaal 157 in seinen Worten, hatte er bei Erschießungen zur Tarnung "etwas gefälligere Musik" im voll aufgedrehten Radio eingestellt, manchmal – "Es war nicht übertrieben viel" – auch mitgeschossen, sonst aber die Hingerichteten "als erledigt abgehakt" auf seiner Liste und bei dem minutenlangen qualvollen Sterben der Opfer an Wandhaken im Krematoriumskeller den "Anblick noch weniger ästhetisch" empfunden. Denn: "Unkorrektheiten lagen mir nicht."

So war Wolfgang Otto damals: ein frommer SS-Mann, der zum Mordgehilfen wurde, weil er Lehrer werden wollte. Heute "bedauert und bereut" er zutiefst nur die "folgenschwerste Entscheidung in meinem Leben", den Eintritt in Himmlers schwarze Garde aus Karrieregründen. Kein Wort der Reue dagegen für die vielen zehntausend Toten von Buchenwald, schon gar nicht für den toten Kommunisten Ernst Thälmann.

Für Klarheit hingegen sorgte – ebenfalls ungewöhnlich in einem deutschen Strafverfahren, bei dem es um die Schuldfrage in einem speziellen NS-Verbrechen ging – das Gericht. Der Vorsitzende Richter Heinz-Josef Paul rühmte in seiner Urteilsbegründung, daß im Gegensatz zu dem gefügigen gehorsamen Otto gerade deutsche Kommunisten damals ihr Leben im Widerstand gegen Hitler riskiert hätten. Der Angeklagte aber hätte "mitgemacht und sich auch noch bewährt, einer von vielen. Und viele sind straflos davongekommen." Ob dieser Prozeß überhaupt einen Sinn gehabt hätte, fragte Paul am Ende seines zweistündigen Vortrages rhetorisch und antwortete zugleich: Diese Frage hätte sich dem Gericht in dem halben Jahr des Verfahrens nie gestellt. Denn: "NS-Verbrechen dürfen nicht in Vergessenheit geraten." So einfach ist das, so selbstverständlich.

Doch so einfach, so selbstverständlich war es eben bisher nicht gewesen in deutschen Gerichtssälen. In Krefeld sprach eine neue Richtergeneration Recht, eine, die sich nicht insgeheim fragen muß, ob sie in jenen Jahren des Grauens und der Gewalt selber genug getan hat, um zu widerstehen. Sie ist freier im Urteil, vielleicht darum auch gerechter, auf jeden Fall unbeschwerter, die Schwere eines Urteils, die Verurteilung eines Menschen selbstbewußt auf sich nehmen zu können – auch wenn die drei Krefelder Richter davon ausgehen müssen, daß dieser eine Mittäter Wolfgang Otto selbst bei der Zurückweisung einer Revision seines hohen Alters wegen wohl doch nie hinter Gitter kommen wird.

Dem Recht ist spät, beinahe zu spät, im Fall Ernst Thälmanns jedenfalls, Genüge getan worden. Es bleibt nur die eine Frage: Was wohl wäre geschehen, wenn dieser Tote nicht der prominente Kommunistenführer gewesen wäre, wenn nicht in den letzten zwanzig Jahren aus der DDR immer wieder drängende Rufe nach einem Prozeß gegen seinen Mörder laut geworden wären? Hätten sich junge deutsche Richter auch für einen namenlosen Ermordeten so ins Zeug gelegt? Die Frage bleibt ohne Antwort, wohl für immer.