"Der Tod eines Handlungsreisenden" von Volker Schlöndorff

Ein richtiger Spielfilm, eine eigenständige Verfilmung ist dieser "Tod eines Handlungsreisenden" nicht. Vor zwei Jahren kam die Inszenierung, die dem Film zugrunde liegt, am Broadway heraus. Dustin Hoffman verkörperte die Hauptfigur, den Handlungsreisenden Willy Loman, einen Sechzigjährigen, der an seinen Lebensillusionen und seiner beruflichen Erfolglosigkeit kaputtgeht. Arthur Millers Stück, uraufgeführt 1949, erlebte ein triumphales Comeback, nicht zuletzt dank des Zugpferds Dustin Hoffman.

Der neue Erfolg des Stücks führte dazu, daß sich eine große amerikanische Fernsehgesellschaft dafür interessierte. Auf Schlöndorff kam man wohl besonders wegen seines Rufe als Literaturregisseurs (er verfilmte Musil, Böll, Grass, Proust). Viel Bewegungsspielraum konnte er beim "Tod eines Handlungsreisenden" nicht gehabt haben. Das Ergebnis ist etwas, das als Fernsehaufzeichnung und getreue Wiedergabe eines Stücks sehr wirkungsvoll sein mag. Es lassen sich schauspielerische Bravourleistungen bewundern, aber man vergißt nie, daß man hier Theaterluft atmet, wenn man im Kino sitzt. Das Bühnenhafte, die Künstlichkeit der Kulissen und des Lichts, die Breite und Vielschichtigkeit der Dialoge, im Kino wirkt sich das alles nachteilig aus. Es funktioniert nicht, wenn Biff und Happy, die Söhne des Handlungsreisenden, beim Footballspiel vor bemalten Pappkulissen hin und her jagen, in allzu neuer Nostalgiekleidung, und wenn dabei der Sport, die action, nur wie Gehüpfe im engen, aseptischen Revier einer Bühne aussieht.

Dustin Hoffman spielt mit einem enormen Dampf, was aber auch eintönen kann. Sein Handlungsreisender bleibt im Rahmen der konventionellen Interpretation: Ein Kleinbürger und Träumer, der vor dem System, an das er glaubt, als Mensch zerstört und als Arbeitskraft weggeworfen wird. Beliebt sein, Erfolg haben, war sein Lebensinhalt, die Grundlage seiner Lebenslüge. Dieser Willy Loman ist ein Versager und Spinner, der einem leid tut – und der einem auf die Nerven geht: Er ist auch ein unverbesserlicher Spieler, ein Ekel, ein harter Patriarch, der seiner Frau brutal auf die Finger klopft, wenn sie es wagt, die Partei des Sohns zu ergreifen. Das sozialanklägerische Pathos, das dem Stück innewohnt, verliert an Wirkung, indem Dustin Hoffman die spießigen und autoritären Charakterzüge überbetont. Der sechsundvierzigjährige Hoffman spielt einen Dreiundsechzigjährigen, was durch Maskenbildnerkünste möglich wurde. Die Maske aber verstärkt auch den Eindruck, daß der Handlungsreisende ein fast krankhaft starrsinniger Mann ist, und es bietet sich an, das Stück als Komödie zu begreifen.

Siegfried Schober

"Heilt Hitler!" von Herbert Achternbusch

"Das ist ja Kunst, was du da machst, verstehst du, KUNST!" Nachdem ihm das seine Haus- und Hofexegeten Drews und Geerken oft genug eingesagt hatten, verschrieb sich Herbert Achternbusch endgültig den Musen. Seitdem schreibt, malt und dreht er nicht mehr, sondern macht Kunst. Deshalb gipst sich Herbert in Stalingrad ein, und verschwindet aus der Geschichte. Zweiundvierzig Jahre später erhebt er sich von den Toten und wird als unbekannter Soldat vom Armeemuseum wieder lebendig. Er wähnt sich noch immer in Stalingrad, das sie jetzt offenbar als München neu aufgebaut haben. Am Starnberger See sucht Herbert die Weiberkolonie auf, in der er einst wild und inzestuös herumgezeugt hat, aber alle außer ihm sind sie alt geworden. Dann wird in Ambach eine Hochzeit gefeiert, auf der viel von "ausmerzen" und deutscher Vergangenheit die Rede ist. Am Schluß pinkelt Sepp Bierbichler vom Steg aus in einen traumhaft schönen Sonnenuntergang. "Du kommst mir vor, wie im Rausch, ewig das gleiche", sagt Traudi zum Heimkehrer Herbert. Der tänzelt herum wie Charlie Chaplin, wenn er im "Großen Diktator" Hitler und einen jüdischen Friseur spielt. Aber Herbert ist nicht Charlie, seine Monologe über Hitler, der geheilt gehört, damit auch den Deutschen wohler sei, sind selbst nach drei Weißbier noch nicht zu ertragen. Dabei ist das Licht in den blühenden Apfel- und Kirschbäumen so schön, die Zither klingt so melancholisch. Der Film ist geschwätzig, aber ach, diese traurige Musik!