Von Klaus Laermann "Die Adepten der Frankolatrie wollen vor allem eins nicht – verstanden werden. Vielmehr wehren sie bereits den Anspruch des Verstehens als Zumutung ab. Jedes Begreifen scheint ihnen von Übel Sie wittern darin den verfugenden Zugriff einer allgegenwärtigen Macht, der sie sich um keinen Preis aussetzen wollen."

Nach dem Jargon der Eigentlichkeit, der die Konsolidierungsphase der Bundesrepublik bis in die frühen sechziger Jahre begleitete und dessen Wurzeln zurückreichten bis weit hinter die Zeit des Nationalsozialismus, wurden wir heimgesucht von der sprachlosen Beredsamkeit der Macher. Als die Opfer (auch die des Krieges) nicht mehr gefeiert werden konnten als "die allem Zwang enthobene, weil aus dem Abgrund der Freiheit erstehende Verschwendung des Menschenwesens in die Wahrung der Wahrheit des Seins für das Seiende" (Heidegger), als nicht mehr "der Mensch durch seine Sprache im Anspruch des Seins" wohnte (derselbe), als "die Macht des Unbedingten" nicht länger "die wahre Stärke des Menschen" als "echte(n) Grund aus der Tiefe sich schleierlos offenbaren" ließ (Jaspers) – nun, da sahen wir uns auf einmal fassungslos Sätzen wie diesem gegenüber: "Gemäß der vorgegebenen Struktur seiner Sprachfähigkeit und den durch erfahrungsgesicherte Rekurrenz in Lernprozessen stabilisierten Verfahrensnormen realisiert der Sprecher intentionserfüllende syntaktische Matrizen ... als Aktualisierungsrahmen für Nennwertkombinationen." Auf die angedrehte Archaik der Sprache folgten die stromlinienförmigen Begriffe. Nicht daß es sich bei ihnen um Fremdwörter handelte, ist kritisch anzumerken, sondern daß sie oft Trivialitäten autoritativ Geltung verschaffen sollten. Blank geputzte Terminologien schienen in jener Zeit vor allem die Soziologie und die Linguistik bereitzustellen. Sie galten darin als Vorbilder für andere Disziplinen. In ihrem Einzugsbereich vor allem wurde dem Ideal einer völlig subjektfreien Wissenschaftssprache gehuldigt, in der nichts mehr auf einen Autor und dessen Absichten schließen ließ (oder gar an eine Rücksichtnahme auf den Leser erinnerte). Diese Terminologien verstellten den Blick auf die Welt durch Begriffsattrappen.

Seit Ende der sechziger Jahre entwickelten auch Theoretiker der Neuen Linken einen Begriffsfetischismus, mit dem sie ihrer Wortgläubigkeit makabre Denkmäler errichteten. Was sie nicht sagen konnten, las sich dann etwa so: "Die synthetische Arbeit verschiedener, untereinander divergierender Gesamtarbeiter – könnte, zur synthetischen Arbeit eines Gesamtarbeiters von globalem gesellschaftlichem Statut werden. Wovon hängt es ab? Offenbar davon, daß die Technologie entsprechende Verbundmaschinerien zur Verfügung stellt..." Dieser Absturz von Marx zu Murks zeigt, daß offenbar keine Theorie gegen den Unsinn gefeit ist, den ihre Adepten regelmäßig dann aus ihr machen, wenn sie zur Mode wird. Kaum zu entscheiden ist, wie weit dafür die in solchen Fällen immer einsetzende Rezeption aus zweiter (bis letzter) Hand verantwortlich ist. Fraglich scheint auch, ob durch sie zur Kenntlichkeit entstellt wird, was an einer Theorie jeweils schon problematisch war, bevor sie Mode wurde.

Die Sekundärrezeption, die für jede Wissenschaftsmode kennzeichnend ist, ergibt sich aus den Schwierigkeiten, die zentralen Arbeiten einer Theorie zur Kenntnis zu nehmen. Oft fehlt dazu die Zeit, meist auch eine gründliche Ausbildung in Philosophie. So wären wohl die wenigsten jener stillen Bewußtseinsfreunde, die sich in der Pose eigenster Eigentlichkeit selbst bepriesterten, dazu in der Lage gewesen, Sein und Zeit zu lesen. Und auch die smarten Macher waren sich gewiß meist im unklaren über die theoretischen Grundlagen ihres New-speak. Wie verbreitet schließlich unter den Ableitungsdogmatikern der Neuen Linken die Kenntnis der Schriften von Marx war, sei dahingestellt.

Auch in der Wissenschaft treten die Moden auf als "die ewige Wiederkehr des Neuen" (Walter Benjamin). Sie leben von dem Überraschungseffekt, den die ostentative Beherrschung einer neuen Sprachform bei denen auslöst, die ihr zunächst einigermaßen verständnislos gegenüberstehen. Immer spekulieren sie mit dem Bluff, der keine Rückfragen gestattet. Begünstigt werden sie dabei durch die geringe Fähigkeit vieler Intellektueller, sich dem Sog eines verblüffenden Sprachspiels zumindest so lange zu widersetzen, bis sie mit ihm eine gewisse Anschauung verbinden.

Mit einem Bein im Fortschritt,

Regelmäßig kommt beim Wechsel der Moden auch ein Schuß Opportunismus ins Spiel. Das Bedürfnis, sich von anderen zu unterscheiden, ist offenbar gerade im Wissenschaftsbetrieb so groß, daß es vielen nicht so wichtig ist, wofür sie sich entscheiden. Noch weniger scheinen sie sich darum zu sorgen, wie oft und wie leicht sie ihre Entscheidungen zugunsten anderer Auffassungen revidieren. Formen und Inhalte spielen eine ersichtlich geringere Rolle als der Zwang zu marginaler Differenzierung.

"Frankolatrie" ist die neueste Wiederkehr des Neuen. Zu verstehen ist darunter jene vorbehaltlose und oft genug unkritische Anpassung an französische Theorien, die seit einer Reihe von Jahren in der Bundesrepublik stattfindet. Diese Rezeption verlief bis in die jüngste Zeit hinein eher am Rande des Wissenschaftsbetriebs in versprengten Grüppchen und Zirkeln. Seit neuestem aber hat sie eine relativ breite Ausdehnung erfahren. Jüngere Wissenschaftler, die ein Gespür dafür haben, was gerade gefragt ist, können sich ihr bereits kaum noch verweigern. Selbst wenn sie in Diskussionen Vorbehalte geltend machen, lassen sie in ihre Texte hier und da einige vielsagende frankolatrische Zitate einfließen. (Die müssen, wie sich rasch zeigt, nicht unbedingt aus erster Hand sein; denn es handelt sich immer wieder um dieselben Textstellen.) Manche Hochschullehrer, die für sich in Anspruch nehmen dürfen, seit jeher mit einem Bein im Fortschritt gestanden zu haben, sind der Frankolatrie bereits erlegen. Andere werden ihnen wohl bald folgen. Denn die Attraktivität dieser Mode ist gewiß größer als die Urteilsfähigkeit vieler ihrer Anhänger.

Stilfragen sind für sie offenbar nicht von entscheidender Bedeutung. Gerade darum soll die Frankolatrie hier vor allem stilkritisch untersucht werden. Die Frage, welche der polemisch unter diesem Hieb- und Stichwort vereinigten, höchst unterschiedlichen Theorien in welchem Umfang ernstzunehmen sind, bleibt ebenso ausgeklammert wie das Problem, wieweit einzelne deutsche Autoren ihren französischen Vorbildern gerecht zu werden vermögen. Hier soll es vor allem um die äußerst merkwürdigen Formen der Mimikry gehen, die sie betreiben.

Deren hervorstechendstes Merkmal ist ein gesteigertes Bedürfnis nach Abweichung von den Diskursen der Alltagssprache und der Wissenschaftssprache. Das führt dann zu allerlei Verquastheiten, die durch das Theoriegefälle zum jeweiligen französischen Original nicht eben origineller werden. Viele der deutschen Modeschüler haben eine fatale Neigung, sich als Geheimnisträger ihrer Meister zu begreifen. "Schleiermacher" wäre für sie die angemessene Berufsbezeichnung, wenn den Namen nicht schon einer der Gründungsväter der Hermeneutik trüge. Gehört jemand nicht zu ihnen, so geben sie ihm zu verstehen, daß er ihnen leid tut, wenn (und weil) er sie nicht versteht, wo doch umgekehrt jeder seiner Sätze ihnen selbst nur allzu durchsichtig erscheint. Was sie dagegen zu Papier bringen, überbietet an Dunkelheit häufig jene Autoren, die sie nachahmen. Und die haben sich schon nicht wenig angestrengt, anderen was vorzumachen. – Aber schauen wir uns ein paar Beispiele an.

Unter dem tollen (wenn auch vielleicht etwas vollen) Titel "Vermessungen zur Konzeption und Konkursionen einer Verkürzung" begann vor einiger Zeit das erste Editorial einer neuen Zeitschrift mit folgenden Sätzen: "Um am Anfang einen Fragebogen zu schlagen: welcher/n SchriftZug führt diese Zeitschrift? Könnte es sein, daß ein Trieb sie beherrscht: aus. Verformung; ZeitRaums, in welchen sie eintritt – und in welchem sie doch niemals sich der Sicherheit verspricht, daß auch etwas auftaucht? In der Strömung jenes Kontinuums? Könnte es sein, daß sie dennoch sich verspricht? Als Zug am Tau jenes Signifikantennetzes, das auch sie knüpft? Daß dennoch etwas erscheint – und diese Erscheinung auf Etwas Anderes verweist? Wir wissen es nicht: Vielleicht zuerst der Regenbogen, – Spektralanalyse und dann."

Rhetorik als Klistier

Delta Tau Null, die "Zeitschrift für TopoLogie und StrömungsKunde", aus der dieser Text stammt, ist ein beredtes Beispiel für den blühenden Blödsinn, der sich gegenwärtig an den Rändern der Sozial- und Geisteswissenschaften ausbreitet. Mit blindem Sprachgeschick gehen ihre Autoren nach französischen Rezepten aufs Ganze. – Wer nicht verstanden hat, wovon in den zitierten Sätzen die Rede ist, mag beruhigt sein: Es gibt in ihnen nichts zu verstehen. Wer hier nach Sinn sucht, hat ihn schon verloren. Gleichwohl erscheint auch dieser Unsinn als interpretationsbedürftig. (Denn kaum etwas ist wichtiger als die Frage, was Menschen dazu bringt, sich einer unsinnigen Sprache zu bedienen.) Hier liegt der Verdacht nahe, daß der Text ironisch oder gar geistreich sein soll. Tatsächlich ist er aber wohl eher komisch. Seine Sätze kommen, obwohl sie so tief klingen, fast ohne Inhalt daher. Sie erzeugen eine diffuse Spannung, die in eine Folge von Fragen aufgelöst wird und sich dann im Leeren verläuft. Wortreich sprechen sie aus, daß sie nichts zu sagen haben und daß sich gerade das nicht einfach ausdrücken läßt.

Der Verstopfung ihres sprachlichen Ausdrucksvermögens dient jene Rhetorik als Klistier, die sich heute in trivialwissenschaftlichen Texten dieser Art bis in die Wortwahl hinein an französischen Mustern orientiert. Da kommt kaum ein Satz aus ohne die höchst absichtsvoll arrangierte Polysemie eines oder mehrerer Wörter. Wie langweilig aber ist dies Spiel mit der Mehrdeutigkeit, wenn in ihm kein Gedanke aufblitzt! Dieser geschraubte Stil ist ausgeleiert genug; ihm sollte nicht jeweils noch eine Windung mehr angedreht werden. Komposita erscheinen im SchriftBild teleskopiert, um den Eindruck zu erwecken, sie seien dadurch weniger selbstverständlich. Aber sie werden auf diese Weise kaum aussagekräftiger. Nur aufgemotzter TiefSinn will so verfahren. (Oder kommt hier vielleicht gar das technizistische Verlangen ins Spiel, mit der Sprache beliebig schalten und walten zu wollen, bis in ihr ein absolutes SinnTief erreicht ist?) Diesem Hang zur Beliebigkeit entspricht die Metaphorisierung von allem zu jedem. Wer so schreibt, ist zu keiner unverblümten Aussage mehr fähig. Kommen ihm Worte unter, die, obwohl sie mehrfach gleich lauten, unterschiedliche Bedeutungen besitzen, so muß er unbedingt wie hier beim "Zug am Tau jenes Signifikantennetzes" aus diesen Homonymien ein gewiß neckisch gemeintes Wortspielchen veranstalten, bei dem es allerdings nichts zu gewinnen gibt.

Nein, diese Sprache verstellt sich den Blick auf die Realität. Sie kennt sie nur als etwas Abwesendes. Im übrigen ist sie sich selbst genug. Denn sie ergeht sich in Fisimatenten. Ihre Autoren haben offenbar mal gehört, Zeichen seien arbiträr. Das mißverstehen sie jetzt dahingehend, sie seien in jeder Weise folgenlos. Dies Mißverständnis hat sie blind gemacht für fast alles, was der Fall ist. Die vorgebliche Offenheit und Bescheidenheit ihrer einleitenden Fragesätze mündet in die kokette Demutsformel des Nichtwissens am Ende des zitierten Absatzes. Und dort harren sie dann auf die ungewiß bleibende Epiphanie eines Regenbogens.

Auch wenn in ihren Sätzen kaum noch Fragmente einer Wirklichkeit erscheinen, knüpfen sie unverdrossen weiter an den Netzen der Sprache. Es gibt für sie nichts außerhalb des Texts. Kein Wunder, daß sie sich in ihm verheddern. Ihre Absichtserklärung hinsichtlich dessen, was sie mit ihrem Blatt vorhaben, liest sich denn auch reichlich verwickelt: "Konzeption einer Zeitschrift (wenn nach dieser gefragt wäre) besagt, daß hier Etwas zusammengehalten und ergriffen ist, was sich schon längs einer Ausdehnung verschreibt und als solches nurmehr allein in den peripherierten ZwischenRäumen eine Schrift zu sein scheint, in welcher Konstruktion mit einer immer schon sich verlaufenden Zeit Schritt zu halten versucht."

Ist das nicht bezaubernd? Dieser artistische Minimal-Derridadaismus schafft spielerisch den Übergang von Brillanz zu Brillantine. Wortstrotzend gefällt er sich in dunklen Anmutungen. Seine reine Oberfläche strahlt als Tiefe. Sein Rätsel ist, daß er keins hat, wohl aber gern eins aufgeben möchte. Denn er verschwimmt in Begriffsschlieren, die nichts mehr bedeuten.

Über dieser Prosa liegt der Bann, sich aller Inhalte zu entschlagen. Sie will und soll über nichts informieren. Das Ziel ihrer Rhetorik besteht weder in einer argumentierenden Überredung des Lesers noch gar in dessen emotionaler Erschütterung, sondern in einer rhapsodischen Nobilitierung der Inhaltsleere, in einer geradezu frenetischen Gegenstandsverflüchtigung. "Um Himmels willen, bloß keine Inhalte!" würden die Autoren gewiß ausrufen, wenn sie auf einzelne Aussagen festgelegt werden sollten.

Der Gegenstandsverflüchtigung dient in anderen Texten ein Verfahren, das einmal erkämpft wurde, weil es dazu dienen sollte, Gegenstände der Wissenschaft bei mehr als nur einem Namen zu nennen: die Interdisziplinarität. Von der Frankolatrie wird sie nicht dazu benutzt, die Grenzen der Einzelwissenschaften zu überschreiten, um neue Forschungsperspektiven zu eröffnen, sondern sie wird ihr zum Anlaß, die Ansprüche der eigenen Gren-

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zenlosigkeit zu demonstrieren. Diese Autoren "können" grundsätzlich alles: von der Linguistik über Philosophie, Psychoanalyse, Nationalökonomie und Kunstgeschichte bis hin zur Theologie oder Judaistik. Seltener versuchen sie sich an Begriffen aus dem Bereich der Naturwissenschaften. Die tauchen eher in metaphorischer Verwendung bei ihnen auf. Und das liest sich dann so: "Rechnet die Immunisierung einer implosiven Nomade mit der Verabsolutierung ihres Störfaktors – hypostasiert sie die Struktur des Namens." Oder, auch sehr hübsch: "Die moderne Linguistik, allen voran Lacan, installiert sich im Maschinenraum der rückwärts gewendeten Autoplastik" (D. Hombach). Wer solche Sätze schreibt, darf auf öffentliche Anerkennung seines Größenwahns als akademischer Berufskrankheit hoffen. Nicht umsonst setzt sich neuerdings im frankolatrischen Sprachgebrauch die Rede von der Transdisziplinarität durch. Wer sich ihr verpflichtet weiß, dem haben sich oft genug die Gegenstände verflüchtigt. Er ist ihnen ganz einfach voraus und kommt auch recht gut ohne sie aus. Manche Autoren gehen so weit, ihre Schlampigkeit als Widerstandshandlung oder gar als Vorschein einer angestrebten Erlösung auszugeben. Sie "leiden an der Gesellschaft als an einer Verwahranstalt". Einer von ihnen fragt sich: "Täusche ich mich oder wäre der erlöst, der in der Verwahrlosung eine gewisse Vollkommenheit erreichte ... Und wo könnten wir die Vollkommenheit der Verwahrlosung früher erreichen als im Sprechen?" (N. Bolz). Kann denn dem Jungen nicht anders geholfen werden? Vielleicht wurde nicht alles mit ihm versucht. – Aber offenbar will er ins Heim. Schade um ihn.

Aber so sind sie nun mal. Jeder spürt etwas Subjektauflösung, ein bißchen Ende der Geschichte, die "universelle Simulation" als "durchgängige Fiktionalisierung" oder zumindest den "Fader Bruch der Losigkeit". Wohin soll das nur führen? Ist die "Agonie des Realen" tatsächlich ein "apokalyptischer Maskenball"? (Die dies schreiben, geben im Grunde das Gegenteil zu verstehen. Sie nennen sich schließlich "G. Lächter" und finden das offenbar komisch.)

Ein anderer meint zweifellos, was er zu Papier bringt, wenn er sich zu einem Lieblingsthema der Frankolatrie, der besonders ausgebufften Deutung von Texten, äußert. Unter Berufung auf französische Arbeiten über Kafka schreibt Rudolf Heinz, ein leibhaftiger Philosophieprofessor der Universität Düsseldorf, den denkwürdigen Satz: "Die versuchsweise praktizierte Textgnosis (...) ersetzt die Konsumtionshypostasierung – Vorgabe der Nachträglichkeit der Sättigungsataraxie (,voluptative’ Erschöpfung) als Subjektivitätsautonomie (das also war es/das also bin ich) durch die reproduktiv-produktive Einlassung in den gebrochenen Produktionsgrund (Atopie der Einbildungskraft’ o. ä.) selber."

Ist das Papier, das solche Sätze trägt, nicht um seine Geduld zu beneiden? In der Konkurrenz des laufenden Schwachsinns wird Dietmar Kamper sich in Zukunft mit einem zweiten Platz begnügen müssen, obwohl ihm im Vorjahr fälschlich der erste zuerkannt wurde. Einer, den er gerade habilitiert hat, ist ihm auch schon auf den Fersen. Denn er gab die folgenden Bemerkungen zum besten:

"Der Phallus Phi steckt hinter dem Phantasma, das eine notwendige imaginäre Formation des Begehrens ist. Der Phallus bedeutet das Pulsieren vom Objekt zum Subjekt und umgekehrt, die doppelte Bewegung des Symbols. Er bezeichnet den Ort des Lusterlebens und der Produktion bzw. des Verlustes. Er ist nicht mit dem einzigen Zug identisch zu setzen, obwohl er es auch sein kann. Die Dominanz des einzigen Zuges im Diskurs bedeutet die Verfügung über den Phallus als Usurpation" (A. Lipowatz).

Es gibt offenbar im akademischen Betrieb heute wenig Möglichkeiten, gegen diese Form des versuchten Geheimnisverrats Stellung zu beziehen. Im Gegenteil: Er wurde schon vor einigen Jahren öffentlich mit einer Promotionsurkunde honoriert. Eine Empfehlung als Nachwuchskomiker konnte und sollte das gewiß schon damals nicht sein. Denn selbstverständlich gab’s beim Lacancan für Eingeweihte nichts zu lachen. Wer daran glaubte, bemerkte kaum die Pointen.

Im Ernst: Die Adepten der Frankolatrie wollen vor allem eines nicht – verstanden werden. Vielmehr wehren sie bereits den Anspruch des Verstehens als Zumutung ab. (Daß es auch dabei Unterschiede sogar unter ihren Vordenkern gibt, belegt etwa die von Searle berichtete Äußerung Foucaults, der Stil Derridas sei ein "obscurantisme terroriste".) Jedes Begreifen scheint ihnen vom Übel. Sie wittern darin den verfügenden Zugriff einer allgegenwärtigen Macht, der sie sich um keinen Preis aussetzen wollen. Begriffe sind für sie nur sprachliche Formen jenes Allgemeinen, für das sie meist den Namen "System" parat haben. Ihm gilt ihr unversöhnlicher Haß. Er richtet sich deshalb auch auf die Sprache der Begriffe, weil sie in ihr das Modell und Medium der gesellschaftlichen Herrschaft sehen. Völlig unverständlich erscheint ihnen der Gedanke, die Sprache könne auch ein Mittel der Versöhnung sein oder gar politisch und juristisch Freiheitsgarantien sichern.

Sie betreiben, paradox genug, eine gezielte Kommunikationsverweigerung und bedienen sich doch zugleich eines konventionellen Kommunikationsmediums. Was sie schreiben, klingt nach wie vor, als handle es sich um deutsche Sätze. Ja, diese Sprache hält trotz allem Unsinn, den sie uns oft zumutet, augenscheinlich am Duktus wissenschaftlichen Rede fest. Sie geht nicht einfach in Begriffslyrik über. Denn ihr fehlt die gesteigerte Expressivität des einsamen Sagens ebenso wie das kunstvolle Parlando beiläufig wirkender Ausdruckssicherheit. Mit Poesie hat sie nur so viel gemein, daß auch sie eine durchgängige Fiktionalisierung der Welt im Medium von Texten betreibt und nicht in erster Linie Informationen übermitteln oder gar eine Argumentation entfalten will.

Nein, Argumentation ist die Sache dieser Autoren nicht. Sie gliedern ihre Arbeiten selten in eine Abfolge überprüfbarer Einzelschritte, welche die Möglichkeit einer Widerrede einräumen. Sie nehmen den Leser nicht an die Hand, stellen ihm keine Fragen und beweisen ihm nichts. Er kommt, bei ihnen höchstens insofern vor, als sie bemüht sind, sich ihm zu entziehen. Aber auch das wird ihm nur indirekt mitgeteilt. Die Mittel, mit denen es geschieht, reichen von gehäuften Zweideutigkeiten und gesuchten Paradoxa über absichtslose Unklarheiten bis hin zu gezielter Desinformation. Dadurch gewinnen frankolatrische Texte etwas Monologisches. Gerade weil sie sich vorrangig auf sich selbst konzentrieren, fehlt ihnen beinahe nie ein Hang zum Narzißmus. Der kann sich als Esoterik einzelner oder als Sektierertum kleinerer Gruppen äußern. Immer aber gilt: Nur nicht durch Begriffe behaftbar sein!

Dem regelrechten Nacheinander einer diskursiven Ordnung der Rede ziehen viele Autoren die gleitende Folge von Metaphern vor. Aus den Begriffen flüchten sie zu den Bildern. Der Affekt gegen die Linearität der Sprache führt bei ihnen dazu, daß sie glauben, nach Metaphern geradezu süchtig, zu sein. Der Sog, dem sie sich dabei überantworten, erscheint ihnen darum als so verführerisch, weil er ihnen das Gefühl vermittelt, nicht mehr begründen zu müssen, was sie sagen. Bilder, so glauben sie, erlauben keine Nachfragen. Sie sind, wie sie sind. Einfach so.

Emphatisch verkündet Delta Tau Null: "Mit dem Parameterwechsel vom Begriff zum BILD, mit dem Wechsel von der symbolischen Ordnung der Sprache in den BiltRaum der Simulakren stehen wir in der Schwelle zwischen dem ZeitRaum der Geschichte und dem ZeiTraum der Gesichte."

Kaum ließe sich eine Ermäßigung des Anspruchsniveaus mit mehr gestyltem Bildungsschmus verkünden. Statt ihren Gedanken Beine zu machen, stellen diese Sätze die Sprache auf Stelzen. Verabschiedet werden sollen mit ihnen, worin sie doch formuliert sind: die Begriffe. Eine kopflastigere Sprache als diese, die so gern das Gegenteil sein möchte, ist schwer vorstellbar. Sie würde am liebsten in Bildlichkeit ertrinken und will nicht wahrhaben, daß ihr die Ersetzung der Begriffe durch. Metaphorik nur halb gelingt. Sie kann das eine nicht lassen und das andere nicht tun. Denn sie klebt an dem Intellozentrismus, von dem sie sich befreien soll. Statt sprachlichem Saftgulasch bietet sie Gedankenschonkost, statt flüssiger Süffigkeit ein quatschendes Gepansche.

"Sprachlose Intelligenz?" ist der Titel des "Kursbuchs 84", das Anfang Juni im Berliner Kursbuch Verlag erscheinen wird. Neben Klaus Laermanns Polemik gegen die Frankolatrie werden in dem Heft Aufsätze von Karl Markus Michel, Lothar Baier, Ulrich Enzensberger, Cora Stephan und anderen zu lesen sein.