Köln

Wenn eine Stadtverwaltung den Namen einer Straße ändert, schafft das den Anwohnern meist Verdruß: Stempel, Briefköpfe und persönliche Dokumente müssen auf den neuen Stand gebracht, Besucher von auswärts informiert werden. Viel Post und Besuch bekommen die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung in Köln, deren Adresse seit Menschengedenken Haedenkampstraße lautete. Diesen jetzt geänderten Namen wollen die beiden mächtigen Standesorganisationen auch behalten. Nicht nur, um die lästige Umstellung zu vermeiden, sondern vor allem, weil das Domizil des Bundesärztehauses im Universitätsviertel seinerzeit auf ihre Initiative hin nach einem verdienten Standesvertreter benannt worden war: Karl Haedenkamp (1889-1956) organisierte nach dem Krieg den Wiederaufbau der Berufsorganisation und starb als hochangesehener Bundesverdienstkreuzträger.

Nicht Grund genug, ihm eine Straße zu widmen, fanden dreißig Jahre später Mitglieder der Christlich-Jüdischen Gesellschaft und SPD-Bezirksvertreter des Stadtteils Lindenthal. Forschungen des Ulmer Medizinhistorikers Walter Wuttke und eine Wanderausstellung „Heilen und Vernichten im Nationalsozialismus“ belehrten die ahnungslosen Anwohner über Haedenkamps Karriere vor 1945; der einstige deutschnationale Abgeordnete hatte nämlich als berufspolitischer Funktionär auch unter den Nationalsozialisten gute Dienste geleistet und war, wie es das von ihm redigierte Deutsche Ärzteblatt in einem Geburtstagsgruß lobend hervorhob, „an der Ausschaltung der jüdischen und marxistischen Ärzte aus der Kassenpraxis“ beteiligt. Hilmar Ankerstein, Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Gesellschaft, anläßlich der Enthüllung des neuen Straßenschilds: „So lag der Vorschlag nahe, den Namen eines Nutznießers zu löschen und den eines aufrechten und gütigen, dem Eid des Hippokrates getreu folgenden Arztes voll ins öffentliche Bewußtsein zu rücken: Herbert Lewin.“

Der neue Namensträger ist also mit Bedacht gewählt worden. Als Jude, engagierter Sozialmediziner und SPD-Mann, dann als politisch und rassisch Verfolgter ist Lewin das genaue Gegenteil Haedenkamps. Dem jüdischen Gynäkologen verweigerte die konservative, der Weimarer Republik überwiegend feindlich gesonnene Kollegenschaft 1933 aus rassischen Gründen die Habilitation in Berlin. Während des „Dritten Reiches“ behandelte Lewin als „Krankenbehandler“ jüdische Patienten in Köln, bis er mit 2000 Leidensgefährten von dort ins Getto nach Lodz deportiert wurde. Auch in dieser Durchgangsstation für Todgeweihte praktizierte Lewin und half, Kinder zur Welt zu bringen, die dann wenig später im KZ ermordet wurden.

Im KZ ermordet wurden auch Lewins Frau und Anverwandte, während er selbst den Todesmarsch nach Theresienstadt überlebte und schon im August 1945 nach Köln zurückkehrte. Dort konnte er sich dann doch noch habilitieren, und 1950 wurde er Chefarzt an der Städtischen Frauenklinik in Offenbach. Vielen Nicht-Medizinern ist Herbert Lewin als Vorkämpfer der deutsch-jüdischen Aussöhnung und Direktoriumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland bekannt geworden. 1982 starb er in Wiesbaden – auch er als Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes.

Also doch noch eine ganz normale Karriere, könnte man glauben, wäre Lewin nicht Betroffener eines ersten Antisemitismus-Skandals in der Bundesrepublik gewesen. Als er 1949 zum Chefarzt in Offenbach gewählt worden war, protestierte erbost der CDU-Bürgermeister, man könne „den Offenbacher Frauen nicht zumuten, daß sie einem Mann wie Dr. Lewin ausgeliefert“ würden; der werde „mit den Ressentiments seiner Rasse und mit dem Rachegefühl des KZlers seine Arbeit antreten“ und die Existenz der gesamten Frauenklinik aufs Spiel setzen. Ergebnis: In einer neuen Abstimmung wurde ein ehemaliger Nazi und Militärarzt gewählt. Weltweiter Protest verhalf Lewin dann doch zu seinem Recht. Das antisemitische Bürgermeistergespann aus CDU und SPD mußte zurücktreten.

Es hätte einer Standesvertretung also gut angestanden, die Straßenumbenennung selbst vorzuschlagen – doch die stemmte sich lange dagegen. Man habe zwar nichts gegen den Professor Lewin, aber der Doktor Haedenkamp sei alles andere als ein Nazi gewesen. Gegen die Nazis habe er vielmehr „wie ein Löwe“ gekämpft und jüdische Kollegen beschützt, und im übrigen ehre man in ihm einzig den honorigen Standesvertreter.