"Gewissensgefangene" in aller Welt setzen ihre Hoffnung auf amnesty

Von Klaus Pokatzky

Für den Anfang muß ich meine Phantasie spielen lassen. Die beiden portugiesischen Studenten sitzen in ihrer Stammkneipe und trinken einen Wein nach dem anderen. Erst reden sie übers Studium, dann über ihre Freundinnen, schließlich, als die Zungen lockerer werden, über die Politik. Kellner, noch eine Karaffe – und schon schimpfen sie auf ihren rechtsgerichteten Diktator Salazar. Wir schreiben den Herbst 1960. Erlöst und freudig erregt gehen sie, sehr spät und leicht schwankend, nach Hause.

Wer sie verraten hat, weiß ich nicht. Der Kellner kommt ebenso in Frage wie die Wirtsfrau oder die beiden Schweigsamen am Nebentisch, die so aufmerksam herübergelauscht haben. Ich stelle mir vor, daß die Denunzianten eine Belohnung bekommen und die Geheimpolizisten mit Schlägen oder Elektroschocks den zwei Studenten die Geständnisse abringen, ja, sie hätten ihre Meinung zu Salazar offen ausgesprochen. Die Richter dann verurteilen sie, streng nach Recht und Ordnung einer Diktatur, zu jahrelanger Haft.

Dann stelle ich mir vor, wie der Rechtsanwalt Peter Benenson in seiner Londoner Kanzlei Tee trinkt und dabei Zeitung liest. Mit seinem Wohlbehagen ist es vorbei, als er die kleine Meldung von den zwei Studenten aus Lissabon liest. Dauernd muß er so etwas lesen; er ist empört und fühlt sich gleichzeitig ohnmächtig und hilflos: Überall auf der Welt werden Menschen verhaftet und verurteilt, eingesperrt und gefoltert, nur, weil sie gegen ihre Regierungen geredet, geschrieben, demonstriert haben. Heftig wie nie streitet Peter Benenson mit seinen Freunden über das Thema, und all denen, die sagen, als einzelner könne man dagegen doch nichts tun, hält er entgegen, daß viele einzelne gemeinsam sehr wohl etwas bewirken können – sie müssen nur anfangen, etwas zu tun, und nicht nur schweigen.

Mitstreiter gesucht

Dann kommt der 28. Mai 1961, ein Sonntag vor 25 Jahren, und mit diesem Datum hört die Phantasiererei auf, wird die Phantasie zur Wirklichkeit. An diesem Tag veröffentlicht die britische Sonntagszeitung The Observer einen Aufruf von Peter Benenson für die "Vergessenen Gefangenen" – den "Appeal for Amnesty". Der Anwalt sucht darin Mitstreiter, die von Regierungen und Behörden die Freilassung von "prisoners of conscience" verlangen, "Gewissensgefangenen"" die ihre Meinung geäußert und dabei Gewalt weder angewandt noch befürwortet haben.