Solidarität mit den Opfern, Unsicherheit über die Offiziellen und Petitionen gegen die Atomkraft

Von Johannes Grotzky

Moskau, im Juni

Im goldenen Flittergewand tritt Alla Pugatschowa auf die Bühne, schüttelt ihren roten Haarschopf, breitet dabei die Arme aus und ruft in den Saal der Moskauer Olympiahalle: „Geld ist Geld. Aber wir wollen heute unsere Herzen geben, unseren Optimismus nach Tschernobyl schicken.“ Was bei anderen Stars nach theatralischem Kitsch klingen würde, wirkt bei der 35jähligen Rock-Königin der Sowjetunion überzeugend. Mit 150 Millionen verkauften Schallplatten als populärem Verstärker erledigte sie Unmögliches sofort: Innerhalb von zwei Wochen stellte sie das erste privat initiierte Rockkonzert für die Opfer von Tschernobyl auf die Beine. Ihr gelang damit ein Durchbruch in einem Land, dessen bürokratische Hürden selbst hohe Parteifunktionäre oft genug zur Verzweiflung treiben.

Alla Pugatschowa ist spontan. Bei den ersten Filmberichten aus Tschernobyl, so erzählte sie vor dem Konzert einigen Journalisten, habe es sie „gepackt, ich mußte einfach etwas tun“. Ihr Weg führte direkt in das Zentralkomitee der Partei, wo sie sich Genehmigung und Unterstützung holte. So ganz nebenbei gelang es ihr auch noch, vor den dreißigtausend Besuchern eine neue Musikgruppe auf das Podium zu bringen, deren Lieder bislang nur als heimliche Raubkopien aus dem Untergrund der Moskauer Jugendszene kursierten. Die Not und die Solidarität mit Tschernobyl erwiesen sich in den vergangenen Wochen stärker als die sowjetische Bürokratie.

Tschernobyl hat auch die Sowjetbürger verändert. Mit erstaunlicher Gelassenheit hatten sie zunächst die abstrakten Meldungen über den Reaktorunfall hingenommen. Mangelnde Aufklärung über die Gefahren von Radioaktivität verhinderten eine Panik. Es folgte eine kurze Phase des verbitterten, sarkastischen Humors, eine Antwort auf ungenaue Informationen nach dem Motto : „Eine Radioaktivität gibt es nicht – und außerdem sinkt sie beständig.“ Als jedoch die staatlichen Massenmedien ihre Informationspolitik änderten, menschliches Leid nicht mehr verbargen, als die Zahl der Todesopfer stieg und die „neuen Heroen im Kampf gegen den vierten Reaktorblock“ geboren und in vielen Fällen zugleich postum gerühmt wurden, schlug die Stimmung im Lande um.

Die Bilder der Feuerwehrmänner, Mittzwanziger zumeist, mit bubenhaften Zügen im Gesicht, die sich in die Radioaktivität stürzten, um Schlimmeres zu verhüten – sie haben mehr bewirkt als jede politische Propaganda. Sie haben Gefühle geweckt, Mitleid erzeugt. Diese entschlossenen Männer wurden zu positiven Helden in einem Kampf, der für viele Sowjetbürger durch die Reaktion in manchen westlichen Ländern noch einsamer, aber auch eindeutiger wurde. „Wie könnt ihr über Entschädigung für die Bundesrepublik reden, wenn unsere Leute zu Zehntausenden Hab und Gut verloren haben, zu Hunderten im Krankenhaus liegen und zu Dutzenden sterben“, meinte eher enttäuscht als vorwurfsvoll ein 30jähriger sowjetischer Freund. „Seht Ihr denn nicht, daß eine Tragödie von katastrophalem Ausmaße allen voran unsere Menschen getroffen hat?“