Zu den Mythen der Nachkriegszeit gehört der Schrotthändler. Auferstanden aus dem Nichts, war er plötzlich da und verfügte über vordere linke Kotflügel und Eisenrohre, über Regenrinnen und Radioteile. Als seine Zeit um war, machte er sich im allgemeinen mit dem Ami-Schlitten in feinere gesellschaftliche Gefilde davon, wollte er nicht als simpler Altmetallsammler seine Tage beschließen. Von Schrott hat man danach lange nichts mehr gehört.

Und jetzt haben wir da diesen berühmten Fall. "In der Bundesliga", hat der Teamchef unter mexikanischem Himmel messerscharf formuliert, "da ist soviel Schrott dabei." Unbrauchbaren, meist zerkleinerten Abfall aus Metall hat der Franz Beckenbauer damit wohl nicht gemeint. Sonst hätte es nicht diese Irritation auf der ganzen Front gegeben: Betroffene Vereine wiesen den Vorwurf des Schrott-Charakters entschieden zurück. Und der Deutsche Fußballbund, der sich nur in Ausnahmefallen zu philologischen Problemen äußert, denn er hat schließlich andere Sorgen, sagte klar und deutlich: "Dies ist nicht unsere Sprache." Nun gut, das haben wir gehört, aber wessen ist es dann?

"Das ist absoluter Schrott", sagen in dieser coolen Art gern Menschen zwischen zehn und fünfundzwanzig. Das kannst du vergessen steht in den Lexika der Jugendsprache als Übersetzung daneben. Darüber braucht man also überhaupt nicht nachzudenken, weil es sich sowieso um Unsinn, blödes Zeug oder Mist handelt. Wobei wir unversehens der Beckenbauerschen Bedeutung im drohenden Nachsatz "Da gehört ausgemistet" ein Stück näherkommen.

Freilich haben die Leute, die das Wort jetzt so locker auf der Zunge tragen, nur noch ganz selten das konkrete alte Eisen im Kopf. Die wenigsten von ihnen haben je einen Schrottplatz von innen gesehen. Entfernt bekannt ist ihnen allenfalls die modernere Form des Autofriedhofs, und daher stammt auch eine der wenigen inhaltlichen Verbindungen zum zerstückelten, verbeulten Restprodukt der metallverarbeitenden Industrie: Wenn einer sein Auto zu Schrott fährt, dann ist es eben kaputt. Wenn aber mal der ganz große, der unermeßliche Knall kommt, dann stehen wir, rein sprachlich gesehen, nicht unvorbereitet da. Bei Grünen und Kritischen macht das Wort vom Schrott-Reaktor Stade die Runde. Ob nun Atom- oder gemeiner Hausmüll, wer rein altersmäßig zur Zielgruppe gehört, der ist mit dem Grundgefühl von Müllhalden ringsum aufgewachsen, und es wäre wahrhaft zuviel verlangt, sollte er Schrott als etwas Herausgehobenes, ja Aufbauendes begreifen. Nein, in diesem Sinne ist Schrott ein Synonym für Ausschuß. Und in bezug auf Menschen? Sollen etwa die angesprochenen Fußballspieler die Stollenschuhe beiseite legen? Die Funktionäre die Sonntage wieder mit der Familie verbringen?

Schon gibt es flotte Personalchefs, die von der Abteilung reden, in der nur Schrott versammelt ist. Wir aber möchten unseren Rekordnationalspieler mit seinem rhetorischen Gebrauch lieber anderswo ansiedeln. Lauschen wir in die Jugendszene hinein, dann gibt es da zum Beispiel liebevolle Beschreibungen von der Art "Wir sind hier alle Schrottfamilien." Die Gemeinheit, auch die Trauer, ist eine Sache daran. Wer nur sie wahrnimmt, hat vorbeigehört am Stück lustvoller Sinnlichkeit: Das Kaputte schon in der Lautmalerei, wenn ein gutgelaunter Sponti genüßlich die Konsonanten aufeinanderscheppern läßt. Was also spricht dagegen, daß sich hier bayerisches Temperament und anarchische Provokation auf seltsame Weise treffen? Vielleicht ist es auch der Dialog des Teamchefs mit der Jugend.

Mit der Szene-Jugend? Mit der A-Jugend?

Ulla Plog