Von Willi Winkler

Der Umschlag von Robert Coles’ Monographie "Walker Percy. An American Search" (Boston, 1979) zeigt einen weißhaarigen älteren Herrn, wie er nur im alten Süden der Vereinigten Staaten vorzukommen scheint. Und wirklich stammt der am 28. Mai 1916 in Birmingham, Alabama, geborene Walker Percy aus einer aristokratischen Pflanzerfamilie. Mit vierzehn verlor er seine Eltern und wuchs dann bei einem Cousin seines Vaters auf, bei William Alexander Percy, dem der Pflegesohn den ersten Roman gewidmet und dessen Gedichte er herausgegeben hat. Percy, der heute in Covington, Louisiana, lebt, kommt also aus den Erblanden William Faulkners, die auch so zweifelhafte Größen wie den Volkstribun Huey Long und den Gouverneur George Wallace hervorgebracht haben.

Der tiefe Süden hat seine eigene Kultur, die 1865 nach dem Eroberungskrieg des Nordens fast vollständig zerschlagen wurde. Mit einer seltsamen Morbidezza, die gleichzeitig ironisch zitiert und praktisch gelebt wird, erinnert man sich der vergangenen Größe. Handelte es sich um Europa, dann würden die Landherren Hofmannsthal zitieren: "Ganz vergessener Völker Müdigkeiten/Kann ich nicht abtun von meinen Lidern". So aber hält man sich an eine andere Tradition: Lola in dem Roman "Liebe in Ruinen" (1971; deutsch 1974) lebt auf einer Farm, die wie in "Vom Winde verweht" Tara heißt; seit dem Ausverkauf der kalifornischen MGM-Studios, in denen der Selznick-Film 1937-1939 entstanden war, besitzt sie die "echte" Glocke des "wirklichen" Tara. Auch sonst berufen sich Percys Personen gern auf Scarlett O’Hara und Rhett Butler, ganz so als wäre Margaret Mitchells Roman ein heiliger Text.

In dieser "gazeartigen pointillistischen Welt" verbringen die Figuren in Percys Romanen "ihr Leben mit dem Warten auf dieses oder jenes Zeichen". Das Warten kostet Kraft und rechtfertigt deshalb die Bindungslosigkeit dieser komischen Heiligen. Wer das Lesen als Alibitätigkeit für antriebsschwache Zeitgenossen versteht, findet sein Vorurteil in allen Büchern Walker Percys bestätigt: So wie das Lesen ein schlimmes asoziales Laster ist, wird hier eigentlich nur von schwermütigen Abseitsstehern erzählt, die man in jede Gruppenaktivität regelrecht hineinprügeln müßte.

Jack Bölling, der Titelheld im "Kinogeher" (1962; deutsch 1980), ist 29, ledig, verkauft Aktien und Wertpapiere und ist auch noch recht erfolgreich damit; nach heutigen Begriffen wäre er ein Yuppie, wie er im Buche steht. Nur leider zeigt Bölling weder für solche Klassifizierungen noch für die damit gemeinten Gruppen Interesse: "Schon seit Jahren habe ich keine Freunde mehr. All meine Zeit verbringe ich arbeitend, Geld verdienend, ins Kino gehend und die Gesellschaft von Frauen suchend."

Bölling wird in den Straßen von New Orleans ein Zeichen zuteil: Ihm und anderen erscheint der Schauspieler William Holden. Dafür gibt es eine ganz rationale Erklärung, Holden hält sich zu Dreharbeiten in der Stadt auf; das hat Bölling selbst der Zeitung entnommen. Und doch: "Holden ist in die Toulouse Street abgebogen und strahlt im Gehen ein Licht aus. Eine Aura erhöhter Wirklichkeit bewegt sich mit ihm, und alle, die da hineingeraten, fühlen sie."

Das sind erstaunliche Worte in einer Zeit, in der es "viel zu spät für Erbaulichkeit" ist, wie Percy im letzten Satz seines ersten Romans sagt. Seine Helden sind keine Gralssucher, sie wissen wohl auch nicht, was ihnen abgeht, aber sie empfinden ein Gefühl des Ungenügens, das in jenen alten Zeiten die Religion aufgehoben hat. Aber heute? "Heutzutage gilt doch, daß die Umgebung, in der ein Mensch lebt, für ihn nicht mehr bezeugt ist. Mit aller Wahrscheinlichkeit lebt er da in Traurigkeit dahin, während in ihm sich Leere ausbreitet und schließlich die ganze Umgebung aushöhlt. Doch wenn er einen Film sieht, der ihm die eigene Gegend zeigt, vermag er, wenigstens eine Zeitlang, als jemand zu leben, der Hier ist und nicht Irgendwo."