Revolution in Burkina Faso: Erfolge zu Lasten der Demokratie

Von Hille van Elst

Willkommen in Burkina Faso, dem Grab des Imperialismus." Auf dem Flughafen von Ouagadougou erhält der Einreisende seine erste Lektion. Er betritt das "Land der Unbestechlichen", wie das ehemalige Obervolta seit dem 4. August 1984 heißt. Mit dem neuen Namen überraschte Hauptmann Thomas Sankara Landsleute und internationale Öffentlichkeit am ersten Jahrestag seiner "demokratischen Volksrevolution". Sinn für spektakuläre Aktionen hat der junge, forsche Staatschef schon oft seit jener Nacht unter Beweis gestellt, als er unter dem Jubel der Bevölkerung die Macht in Ouagadougou übernahm. Aber der neue Name ist mehr als Pathos, er ist Programm, ist Abrechnung mit einem Vierteljahrhundert nur scheinbarer Unabhängigkeit.

"Ein Volk, das sich nicht selbst versorgen kann, ist kein freies Volk", "Auf die eigenen Kräfte bauen", "Nieder mit dem Imperialismus", "Nieder mit dem Neokolonialismus", heißt es auf großen, quer über die Straßen gespannten Spruchbändern. Aber hat in Afrika die Bevölkerung nicht so manchen Putsch bejubelt, gab es nicht auch anderswo programmatische Sprüche und den erklärten Willen, mit Korruption und Nepotismus aufzuräumen? Und was hat sich dann geändert?

"Nach 23 Jahren imperialistischer Dominanz und Ausbeutung ist unser Land heute ein rückständiges Agrarland, in dem der Agrarsektor 90 Prozent der aktiven Bevölkerung beschäftigt, aber nur 45 Prozent des Brutto-Inlandsproduktes ausmacht und 95 Prozent der Exportgüter produziert ... Die Analphabetenquote unter der Landbevölkerung beträgt 98 Prozent. Statt den Bauern größeres Wissen zu vermitteln, damit sie ihre Leistungen steigern können, hat man sie bisher weitgehend ausgeschlossen bei den Investitionen, die ins Gesundheitswesen, in die Erziehung und die technologische Entwicklung geflossen sind." Diese nüchterne Bilanz der drei Republiken und diversen Militärregimes, die sich seit der Unabhängigkeit in der ehemaligen französischen Kolonie in bunter Reihenfolge ablösten, ist nachzulesen im "Discours d’orientation politique", der politischen Orientierungsrede, in der Hauptmann Sankara zwei Monate nach seiner Machtergreifung die Weichen für seine Revolution stellte. Der Schwerpunkt der Entwicklungspolitik in der Demokratischen Volksrepublik Burkina Faso liegt seitdem auf dem Lande.

Daß damit gewisse Härten für die Städter verbunden waren, ließ sich kaum vermeiden. So dauerte es nicht lange, bis die Gewerkschaften murrten und sich schließlich offen gegen das Regime stellten, dem sie erst wenige Monate zuvor in den Sattel geholfen hatten. Sie verträten die Interessen einer Minderheit, ihre Forderungen seien konterrevolutionär, warf ihnen der "Nationale Revolutionsrat" (CNR) vor, die von Thomas Sankara angeführte höchste politische Instanz des Landes. Die Lehrergewerkschaft rief einen wilden Streik aus. Es kam zum Eklat. 1400 Lehrer wurden entlassen und durch schnell rekrutierte, in Blitzkursen ausgebildete linientreue Ersatzlehrer abgelöst. Die "Komitees zur Verteidigung der Revolution" (CDR), Träger der neuen revolutionären Basisstruktur, billigten das harte Vorgehen des CNR. Seitdem haben die Gewerkschaften nichts mehr zu sagen. Die Parteien waren schon von der vorletzten Militärregierung ausgeschaltet worden.

In der Tat verfuhr die Revolutionsregierung mit den Gehaltsempfängern nicht gerade zimperlich. Gehaltskürzungen bis zu einem Monatsbezug pro Jahr sind keine Kleinigkeit, und die drastische Streichung von Sonderzulagen, die in manchen Fällen die Hälfte des Gehalts ausmachten, waren für so manchen Staatsdiener eine bittere Pille. Präsident Sankara weiß das; aber er weiß auch, daß ein rigoroser Aderlaß bei den Privilegierten und die konsequente Umverteilung der Gewichte zwischen Stadt und Land der einzige Weg sind, das Land aus seiner chronischen Unterentwicklung herauszuführen. Mit den einbehaltenen Mitteln wird investiert, vor allem in landwirtschaftliche Entwicklungsprojekte. "Auf die eigenen Kräfte bauen", "Für ein wirklich unabhängiges Burkina", lautet die Devise.