Von Manfred Eichel

Die Herrschaften trugen Frack und Abendkleid und saßen in einer Scheune – sechs prominente Quartette spielten an sechs Abenden sämtliche Streichquartette Beethovens. Das Publikum war jedesmal hingerissen: Kaum ein europäischer Konzertsaal bietet eine solche Akustik wie die Grange de Meslay bei Tours, ein Getreidespeicher aus dem 13. Jahrhundert.

Vor 23 Jahren sind hier erstmals Konzerte veranstaltet worden. Damals war dem durchreisenden russischen Pianisten Svjatoslav Richter die unglaubliche Akustik der Wehr-Scheune vorgeführt worden. Richter war begeistert und gründete die "Fêtes musicales en Touraine" – rund 200 Kilometer südöstlich von Paris, in der Nähe der Loire-Schlösser Chenonceau und Azay-le-Rideau.

Richter pflegte überwiegend klassische Komponisten, mit der Avantgarde hatte er nichts im Sinn. Aber im vergangenen Jahr sind auch Werke von den Zeitgenossen György Ligeti und Luciano Berio aufgeführt worden – was Pierre Boulez zu verdanken war, der das Programm mitgestaltet hatte.

In diesem Jahr bestimmt Richter wieder allein, was in der Grange de Meslay gespielt wird. Vom 20. bis zum 29. Juni wird an zwei Wochenenden und in neun Konzerten ausschließlich höfische Musik zelebriert: Musik, die vor 300 bis 400 Jahren für Feste in den Palästen von Venedig und Versailles, Mantua, Potsdam und London komponiert worden ist.

Dort, wo um 1220 Bauern zwischen Teichen eine fast uneinnehmbare Burg-Scheune bauten, um hier ihr Getreide und notfalls sich selbst vor feindlichen Fremden zu schützen, können in diesem Jahr Konzerttouristen Musik von Corelli und Couperin, von Gesualdo, Purcell und dem Alten Fritz genießen.

In diesem Sommer wird neben überwiegend französischen Kammermusikensembles, Chören und Cembalisten auch die angesehene "Academy of Saint-Martin in the fields" in dem ehemaligen Getreidespeicher auftreten. Und Svjatoslav Richter, der Gründer der Musikfeste in der Touraine, wird – wie seit 23 Jahren – wiederum selbst zum Programm beitragen: An den beiden Festival-Samstagen setzt sich der Meister um zwölf Uhr mittags an den Flügel.