Eine fremde Stadt aus dem Meer wachsen zu sehen – welch unvergleichliche Entdeckerfreude! Mit dem Schiff anzukommen in Finnlands Hauptstadt, von Travemünde oder Stockholm, beschert noch dieses rar gewordene Glück. Von Deck sieht man, wie sich die grünen Kuppeln der weißen Kathedrale sich immer größer runden, wie ein Farbstrich vor den klassizistischen Fassaden dicker und bunter wird – der Markt. Hier, direkt am Ostseestrand, schlägt Helsinkis Herz. Kauppatori oder Salutorget, für die finnisch sprechende Mehrheit der halben Million Einwohner wie für die ein altertümliches schwedisch "singende" Minderheit macht dieser Markt das Dasein in den urbanen Mauern erst erträglich. Ländliche Lebensqualität ist diesen Hauptstädtern unentbehrlich.

Ein Wegweiser zu den Boutiquen der nahen und noblen Esplanade ist der langgestreckte Markt. Das topmoderne, finnische Design entleiht ganz selbstverständlich immer wieder Farben und Formen von Feld, Wald, Wiese und See, von Holz und Beeren und Blumen und Fisch. Die Gemüsestände sind Arrangements dieses beherzten Sinns, aber auch Zeugnis praktischer Veranlagung. Da rutschen aus den in Reih und Glied geparkten Lastwägelchen der Gemüsebauern die Kartoffeln auf einer hölzernen Schräge stetig nach, immer genügend, um einen der altertümlichen, einen oder fünf Liter fassenden Holzwürfel zu füllen. Fast alles wird hier nach Maß, nicht nach Gewicht verkauft. Dunkelgrüner Dill – ein Muß zu den hier kostbaren Erdäpfeln – liegt zuhauf gleich daneben, in "italienischem" Dreiklang mit Bündeln roter Möhren und weißer Zwiebeln. Neapel scheint oft näher als Leningrad.

Da klingt auch Musik zwischen den Ständen und helles Lachen, wirbelt ein stoppelbärtiger Süffel mit einer jungen Verkäuferin im Tanz. Oder alle stimmen ein in den Refrain eines offenbar frechen, finnischen Lieds, das zwei Grauhaarige mit stampfendem Takt aus Harmonika und Geige zaubern. "Exotisches" Finnland, auch und gerade für die nordischen Nachbarn. Im Lebensgefühl, in den Bräuchen, in der Eßkultur. Fast alles ist stärker hier, deftiger. Wie die vollmundigen Kreideworte auf den Preisschildern. "Tomaatti" und "kurkku" geben kaum Rätsel auf. "Sipuli" erkennt man als Zwiebel wieder. Für Erdbeeren und Blaubeeren klingt "mansikka" und "mustikka" fremd. "Päärynä" für Birnen ist fast ein Zungenbrecher. Lieber Äpfel also – "omena".

Doch keine Angst. Viele Händler sprechen englisch oder deutsch, einige gar französisch. Nicht gerade die Verkäufer von Birkenzweigen. Der süß-herbe Duft des sommerfrischen Laubs könnte auch jemanden in die Sauna locken, der sich noch nie in ein finnisches Schwitzbad zu setzen wagte. Mit den kurzen Reisigbündeln, die hier fingerfertig geknüpft und – Zweigenden voran – auf einer Bank feilgeboten werden, peitscht man sanft die Haut, um den Kreislauf anzuregen und die Poren zu öffnen. So stellt denn zum Feierabend manch namhafter Politiker oder Industrieboß sein Aktenköfferchen aufs Marktpflaster und tut ein paar Probeschläge über die Schulter auf den dunklen Anzugrücken – bis ihm ein Birkenbüschel so richtig ausgewogen in der Hand liegt.

Nur eine schmale Bretterbank als Stand haben auch jene alten Weiblein, die wortlos Selbstgezogenes, -gepflücktes, -gefertigtes darbieten. Fünf Lauchstangen etwa, eine Blechtasse voll Himbeeren, zwei Flaschen Kirschmost, eine Handvoll Margeriten, ein paar nicht ganz gleich geratene Stricksocken... Direkt an der Kaikante stehen zwei, drei offene Kartons voll dunkler, feuchter Erde. "Mato" ist mit Filzstift auf die Seite gekritzelt, in der Touristensaison auch noch "worms". Regenwürmer für Angler werden mit "Petri Heil" in kleine Plastiksäckchen gefüllt – soll man etwa in den städtischen Anlagen danach buddeln?

Natürlich gibt es auch Schund auf Kauppatori, Souvenirs für Phantasielose. Aber nur am Rande. Lieber eine handgemachte Puppe mit altklugem Lächeln kaufen oder, gleich an Ort und Stelle einzuweihen, einen Korb aus hellen Spänen. Ein Buttermesser aus Wacholderholz oder eine Schachtel aus geflochtener Birkenrinde duften jahrelang. Ein paar Finnmark mehr muß man bei den Pelzhändlern zücken. Flauschige Mützen, Muffs und Pantoffeln. Fast weiße und rehbraune Felle von Rentieren. Füchse in allen Schattierungen. Langschwänzige Wolfshäute komplett mit Schnauzenspitze und Pfotenkrallen.

Zigeunerinnen mit pludrigen Röcken und Schoßhündchen halten beschwörend Spitzendecken gegen das Sonnenlicht.