Von Golo Mann

Er war der generöseste Mensch, der mir im Leben vorgekommen ist und der ideenreichste; letzteres im Bereich der Pädagogik und auch der Politik, wobei er beide Bereiche ineinander verschwimmen ließ. Im Politischen konnte er, seiner Natur nach, nur indirekt wirken; als Ratgeber mit bewunderswerter Weitsicht während des Krieges von 1914, einer Epoche, die für ihn eine entscheidende Lehrzeit bedeutete; mit weniger Glück in den Jahren der Weimarer Republik; und wieder, nun britischer Untertan, mit einem Blick so klar wie 1917, während des Zweiten Weltkrieges. Beide Male, muß man leider sagen, erfolglos; was nicht hindert, daß seine politischen Denkschriften und Briefe ein Kompendium politischer Weisheit bleiben.

Ein praktischer Idealist ist eine Seltenheit; als Pädagoge war er es, einer, der seine Ideen allen Widerständen zum Trotz umsetzte in Institutionen. Gelegentlich seines achtzigsten Geburtstags las man in der London Times: "Kein anderer in unserer Zeit produzierte so reiche erzieherische Ideen und besaß gleichzeitig die Gabe, sie in die Wirklichkeit umzusetzen." Folgte eine Aufzählung: Gordonstoun und fünfzehn andere unabhängige Schulen, die seinen Grundsätzen folgen. (Dazu gehört natürlich auch Salem als die allererste, GM). Outward Bound Schools ("Kurzschulen"), von denen es fünfundzwanzig gibt in diesem Land und anderswo ... United World Colleges (sechs) in Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Afrika ...

In Deutschland denkt man gemeinhin nur an Salem und Gordonstoun, wenn Hahns Name erwähnt wird, seine Gründungen der zwanziger und dreißiger Jahre. Der Sechzigjährige war aber anno 1946 noch keineswegs am Ende. Im Gegenteil, er stand vor neuem Anfang; immer bereit, dazuzulernen, in verwandelter Zeit sich zu wandeln und doch derselbe zu bleiben.

Der junge Pädagoge hat unbestreitbar Fehler gemacht, welche der alternde nicht mehr gemacht hätte. Der Vierzigjährige dachte noch in nationalen, manchmal bis zum Nationalistischen gehenden Begriffen; der Sechzigjährige ganz und gar nicht mehr. Natürlich war er nach dem Krieg alsbald wieder in Salem, um zu raten und zu helfen, materiell wie ideell; er hat sein eigenes Geld nie geschont, so daß er, wohlhabend von Haus, des öfteren in Verlegenheit geriet. Jedoch gehörte es zu seinen Talenten, Helfer zu finden; geeignete Mitarbeiter wie auch reiche Gönner. Das Atlantic College in Wales betreffend, in dem junge Deutsche zusammen mit den Angehörigen vieler Nationen studierten, so hat unlängst der deutsche Finanzminister seine Unterstützung zurückgezogen; unseres Erachtens Sparsamkeit am falschen Ort.

Ein Tuer wie Hahn konnte kein Theoretiker sein in dem Sinn, daß er dicke Bücher geschrieben hätte. Sein schriftlicher Nachlaß ist, soviel ich weiß, gering. Er war ein großer Freund von Zitaten, zumeist aus den Reden englischer Staatsmänner. Hier ist eines, das von seinem Freund, den englischen Historiker Georges Trevelyan stammt: "Das Konkrete überzeugt besser als das Abstrakte."

Zufällig kommen mir gerade zwei gedruckte Wortwechsel zwischen Hahn und zwei englischen Journalisten vor Augen. Frage: Wie können Sie mit Ihren Methoden dem Stubenhocker gerecht werden? – Indem ich ihn ins Freie jage. – Wie können Sie dem Introvertierten gerecht werden? – Indem wir ihm zu Erlebnissen verhelfen, die ihn nach außen wenden. – Und was machen Sie mit den Extravertierten? – Ich wende ihn nach innen ...