Von Gerd Renken

Nachts gehen schon mal die Lichter aus, und das fröhliche Treiben in den feinen Vororten und Amüsiervierteln verstummt jäh. Wie zum Hohn auf den "Stromausfall" erscheint weithin sichtbar auf den östlichen Berghängen der Kordillieren ein feuriges Sichel-und-Hammer-Emblem – so, als wolle es dem jungen Präsidenten des Landes signalisieren: Der Kampf geht weiter! Jeder kennt den Täter, zumindest fällt der Verdacht immer auf ihn: Der Sendero Luminoso, der Leuchtende Pfad, der die Lichter ausgehen läßt, hat wieder einmal den Glauben daran erschüttert, er sei bereits ins Abseits gedrängt worden.

An Versuchen dazu hat es auch unter der Regierung des 38jährigen Sozialdemokraten Alan Garcia nicht gefehlt – zumeist allerdings mit dem Resultat, daß die Strafexpeditionen gegen die maoistische Guerilla aus den Bergen die Falschen trafen. Denn immerhin zeigte Alan Garcia Mut gegenüber den alten Kräften, die die Indios in den Bergen ohnehin als Menschen dritter Klasse einstufen. Als sich Morde und Übergriffe häuften, kündigte er eine Strategie der wirtschaftlichen, administrativen und "psychosozialen Front" an. Wer gemeint hatte, daß es nach südamerikanischer Art bei einem verbalen Kraftakt bleiben würde, sah sich bald mehr oder weniger angenehm überrascht. Der Generalstabschef der Streitkräfte und mehr als sechshundert hohe und höchste Ränge der militärischen und polizeilichen Sicherheitskräfte wurden aufs Altenteil geschoben. Vielen von ihnen dürfte jedes Unrechtsbewußtsein abgehen, hat doch das Vorgehen gegen die "dreckigen Campesinos" und die Guerilla in der Manier der verbrannten Erde in diesen Kreisen ebenso Tradition wie Korruption, Durchstechereien und die Beteiligung am Drogenhandel.

Die Angst ist aus den Bergen in die Ebene eingezogen. Der Leuchtende Pfad will das Erbe des legendären Inka-Herrschers Tupac Amaru antreten, der einen letzten, verzweifelten Versuch unternommen hatte, die Spanier wieder aus dem Land zu werfen. Aus fahrenden Wagen werden in Lima und in den Provinzhauptstädten Dynamitstangen auf öffentliche Einrichtungen geworfen oder Polizisten mit Schüssen "hingerichtet", wenn sie sich besonders "volksfeindlich" verhalten haben. Parteibüros der regierenden APRA wurden ebenso zerstört wie Straßencafes, und selbst schwerbewachte Botschaften wie die der USA, der Bundesrepublik, Spaniens und andere Vertretungen "repressiver Systeme" blieben von den Terroristenbomben nicht verschont.

Hinter der majestätischen Kette der Vier- und Fünftausender und im Dschungel der Madre de Dios leben in armseligen Dörfern die Nachkommen der Inka, Chimu, Mochica, die der Sendero Luminoso vom Joch der "Kastilianer" und Mestizen befreien will. Am Rande der staubigen Höhenstraße, die von Trujillo aus ostwärts ins Departamento La Libertad führt, stehen die Alten unbeweglich vor ihren Lehmhütten. Die runzeligen Gesichter, gezeichnet von der Last der primitiven Lebensbedingungen, bilden einen merkwürdigen Gegensatz zu den Lieblingsfarben in ihrer Kleidung: hellgrün, hellblau, hellrosa.

Von der feuchten Waschküchenluft der Küste ist hier nichts mehr zu spüren; ein kühler Wind streicht über die steil hinaufsteigenden Terrassenkulturen und breiten Flächen erodierenden Bodens. Das landwirtschaftliche Vermächtnis der Inka, die wahre Meister der Bewässerung, Züchter und Kultivatoren proteinreicher Nutzpflanzen und Entdecker der Gefriertrocknung waren, ist im Lauf der Jahrhunderte als Folge der von den Spaniern bewußt zerstörten technischen Traditionen und des Abzugs von Arbeitskräften in die Edelmetallminen zerstört worden.

Einen Hauch vom Geist dieser genialen Agronomen glaubt man zu spüren, als der Dorfälteste die Gringos in Quechua begrüßt und pathetisch den Fortschritt preist, der den alten Wohlstand wieder zurückbringen soll. Der Fortschritt, das ist das von den Dorfbewohnern gebaute Gemeindehaus inmitten der ärmlichen Siedlung, zu dem die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) mit der Lieferung eines Bauplans und einiger Sack Zement als "vertrauensbildender Maßnahme" beigetragen hatte.