Zum Tode des Schauspielers und Intendanten Boy Gobert

Von Jürgen Flimm

Am vergangenen Freitag ist Boy Gobert, 60 Jahre alt, in Wien gestorben. Der glänzende Schauspieler, erfolgreiche Intendant des Hamburger Thalia Theaters (1969-1980), weniger erfolgreiche Intendant in Berlin (1980-1985), bereitete sich gerade auf einen neuen Anfang vor – von der nächsten Saison an wollte er das Wiener Theater in der Josefstadt leiten.

Über seinen Vorgänger, Entdecker, Lehrmeister und Widersacher Boy Gobert schreibt Jürgen Flimm, seit 1985 Intendant am Hamburger Thalia Theater.

I.

Ich kam ziemlich spät nach Hause. Wir hatten uns bis tief in die Nacht die Köpfe heiß geredet über die Nachfolge Everdings an den Münchner Kammerspielen. Meine kleine Tochter Susanne stolperte mir schlaftrunken entgegen, ein Herr Lobel oder so habe angerufen. Am frühen Morgen meldete sich ein Herr mit tiefer, bedeutender Stimme und meinte, sein Name sei Gobert und er wisse nicht, ob ich ihn kenne.

Und ob ich ihn kannte. Er hatte gerade das Thalia Theater in Hamburg übernommen und galt in unseren Kreisen soviel wie der Gottseibeiuns im Nonnenkloster. Letzter Hort der bürgerlichen Restauration schien uns dieses Haus am Alstertor, was sollte ich bloß mit ihm anfangen? Er kam nach München, und wir trafen uns im "Roma" und quatschten die halbe Nacht lang übers Theater und den Rest der Welt, und es wurde immer später und immer lustiger, und der Mann gefiel mir. Ein paar Tage später bekam ich einen Brief, und der Gralshüter der heilen Theaterwelt bot so einem wie mir, der vergeblich bei August & Co. um eine Inszenierung eingekommen war, eine Regie im hohen Norden an. Im Dezember 1971 hatten wir Premiere im Thalia, nachts um 11 mit Rainer Werner Fassbinders "Bremer Freiheit". Das Stück hatte Herr Gobert mir vorgeschlagen. Was war das für ein merkwürdiger Intendant, der jemandem sein Theater zur Verfügung stellte, bloß weil er einen lustigen Abend hinter sich hatte!