Und doch war er neugierig geworden, auch er reihte sich ein in den Pilgerzug zum Halleschen Ufer. War dort doch seine Losung, Kunst und Kasse zu versöhnen, auf eine für ihn unverständliche Weise vollzogen worden. Einmal kam er zu spät, sie ließen ihn nicht mehr hinein, seine Karte war verkauft. Er stand vor der Tür In einer unserer heftigen Auseinandersetzungen hat er mich einmal angeschrien, daß die Schaubühne so einen wie ihn ja nicht wolle, also mache er es halt so, wie er es mache. Oft hielt ich ihm seine politische Abstinenz auf dem Theater vor, seine autoritären Anwandlungen, aber was waren das für alberne Auseinandersetzungen, und später schämte ich mich dafür. Als ich in Köln meine ersten Hiebe als Intendant einstecken mußte, habe ich ihn besser verstanden, seine Ratlosigkeit, seine Hilflosigkeit, seine heftigen Reaktionen. Und ich habe es ihm auch geschrieben.

Er konnte nur sein Theater machen; wir besserwisserischen Geisterreiter auf den Wellenkämmen des Zeitgeistes wollten dies nicht erlauben. Er aber ließ uns unser Theater machen, und obwohl er meine Aufführungen nicht immer mochte, und die von Hans Neuenfels und Hollmann auch nicht immer, oder die von Gerd Heinz und Dieter Giesing und von Peter Zadek. Trotzdem hielt er uns aus und hielt zu uns und zu den vielen anderen, die bei ihm waren. Er ließ uns arbeiten, besser als viele andere Intendanten. Ich habe ihm viel zu verdanken, von der ersten Begegnung damals auf der Maximilianstraße bis heute; ich kann mich nicht beklagen. Ich werde ihn schmerzlich vermissen, armer Yorrick.

III.

Boy. Der Name schien mir immer gut zu ihm zu passen. Hinter all dem vornehmen Gehabe, dem, was diese Hanseaten hier so lieben, hinter den hohen Kragen und dem feinen Tuch verbarg sich doch eine unsichere und fast kindliche Seele.

Ein Junge war er für uns, seine Freunde, immer geblieben, mit einer fast traurig stimmenden, unstillbaren Sehnsucht nach Zuneigung und Anerkennung, nach Nähe und Liebe. Das war ja nicht der Oberintendant, der Senatorensohn oder gar der Rampentiger, den viele von uns so gerne hatten und liebten, sondern dieser alberne und witzige Bengel, der so komisch sein konnte, der so schöne Geschichten erzählen konnte, der für mich immer da war, wenn ich in Not und Schwierigkeiten war.

Aber da war auch die Verletzbarkeit des Liebhabers, der mit offenem Herzen und weit ausgebreiteten Armen auf die anderen zuging und dann langsam ernüchtert irgendwann merkte, daß seine Anne leer waren. Darunter hat er am meisten gelitten, darüber ist er auch schroff und ungerecht geworden, hochfahrend und abweisend. Der Zynismus, der sonst vielen Theaterleuten über diese Enttäuschungen hinweghilft, wollte ihm nie so recht gelingen. Er zog sich zurück, war oft allein; irgendwo zu Hause sein! Das Haus bei Wien hatte er noch umbauen lassen. Nun wird es leerstehen.

IV.