Zehn Bildtafeln auf reißfestem Karton für Kinder ab vier: von dieser Kategorie strapazierfester Vorschulbüchlein gibt es Hunderte; Ungewöhnlich am hier vorliegenden Exemplar ist das Thema: Auf verblüffend einfache Weise demonstrieren die beiden Autoren jene physikalische Theorie, die das naturwissenschaftliche Weltbild des 20. Jahrhunderts revolutioniert hat: Einsteins Relativitätstheorie.

"Wenn ich mich frage, woher es kommt, daß gerade ich die Relativitätstheorie aufgestellt habe, so scheint es an folgendem Unterschied zu liegen: Der normale Erwachsene denkt über die Raum-Zeit-Probleme kaum nach. Das hat er seiner Meinung nach schon als Kind getan. Ich hingegen habe mich geistig derart langsam entwickelt, daß ich erst als Erwachsener anfing, mich über Raum und Zeit zu wundern. Naturgemäß bin ich dann tiefer in die Problematik eingedrungen als die normal veranlagten Kinder." So bescheiden hat Einstein selbst die geniale Entdeckung begründet, die alle bis dahin gültigen Anschauungen von Raum und Zeit radikal veränderte.

Gegenstand des Bilderbuches ist also dieser Gedanke: Wenn man die Vorstellung von Raum und Zeit als absolute Größen umstürzt, sie als abhängig vom Betrachter und seinem Bewegungszustand ansieht, werden sie zu relativen Größen. Dieses Denkmodell illustrieren Peter Tille und Manfred Bofinger in einer Sequenz mit zehn Bildern –

Manfred Bofinger (III.) und Peter Tille (Text): "Einstein mit der Geige"; VEB Postreiter Verlag, Halle; 10 Seiten, 5,40 DM.

Einstein im schlohweißen Haarschopf mit purpurrotem Morgenrock steht vorm geöffneten Fenster; er geigt und denkt. Reflektiert seinen morgendlichen Arbeitsweg: Wenn er zu Fuß zum Arbeitsplatz eilt, läuft er an der Metzgerei, einem gelben Haus und einem Gemüsestand vorbei. Erst wenn er zehnmal bis zehn gezählt hat, ist sein Wissenschaftsturm erreicht (der Illustrator hat witzigerweise Erich Mendelsohns Einstein-Turm als Kulisse gewählt). Bei Regen fährt Einstein Auto und hat bis zum selben Ziel nur einmal bis zehn gezählt. Schluß und Fazit seiner Denkarbeit: "Der Weg ist gleich, aber für mich ist der Weg lang, weil ich viel Zeit brauche. Für das Auto ist der Weg kurz, weil es wenig Zeit braucht."

Peter Tille hat den komplizierten Gedanken über die Struktur von Raum und Zeit ganz simpel ausgedrückt.

Autobiographische Notiz des siebenundsechzigjährigen Albert Einstein (der übrigens erst so spät anfing zu sprechen, daß die Eltern einen Arzt konsultierten, aus Sorge, er könne zurückgeblieben sein): "Ein Wunder erlebte ich als Kind von vier oder fünf Jahren, als mir mein Vater einen Kompaß zeigte. Daß diese Nadel in so bestimmter Weise sich benahm, paßte so gar nicht in die Art des Geschehens hinein, die in der unbewußten Begriffswelt Platz finden konnte (an "Berührung" geknüpftes Wirken). Ich erinnere mich noch jetzt, daß dies Erlebnis tiefen und bleibenden Eindruck auf mich gemacht hat. Da mußte etwas hinter den Dingen sein, das tief verborgen war. Was der Mensch von klein an vor sich sieht, darauf reagiert er nicht in solcher Art, er wundert sich nicht über das Fallen der Körper, über Wind und Regen, nicht über den Mond und nicht darüber, daß dieser nicht herunterfällt..."