Präsident Reagan fordert hundert Millionen Dollar für sfeine Rebellen

Von Joachim Riedl

Comandante Pantera und seine Companera leben auf einer Insel im Rio San Juan, dem Grenzfluß zwischen Nicaragua und Costa Rica. Sie haben sich eine kleine Hütte gebaut: Einen mit grauer, alter Plastikplane geschützten Unterschlupf gedeckt mit Palmenblättern. Einige rostige Flinten lehnen an dem grob gezimmerten Ehebett. Daneben eine Kartentasche, ein paar Schachteln Munition, eine offene Feuerstelle. Das ist das Zentrum des kleinen Freischärlerlagers, das Pantera befehligt. Hier kocht Rosa, die Companera, für die Kämpfer: klebrigen Reis und rote Bohnen, die nie richtig weich werden, dazu Kaffee, süß und schal.

Schnell fällt die Tropennacht über den trägen, braunen Strom. Eng umschlungen stehen die beiden am Ufer, und Pantera meldet über sein Funksprechgerät dem Oberkommandierenden des Flußabschnittes, alles sei ruhig: "Están aqui todos tranquilo." In einiger Entfernung krepieren zwei Granaten. "Vier Kilometer", schätzt Pantera. Ein rundes, abgebrühtes Grinsen: "Die Sandinistas schießen ja Gott sei Dank immer daneben."

Im Lager schaukeln im Schutz der verstreuten Unterstände Dschungelhängematten aus Beständen der amerikanischen Armee. Ringsum sind Schützenlöcher ausgehoben; erst am Vortag sei eine Granate in geringer Entfernung detoniert. "Heute nacht bleibt es ruhig." Mit den schwerfälligen Bewegungen müder Männer kriechen die Kinder unter die olivgrünen Nylondecken. Sie alle erzählen ähnliche Geschichten, geben knappe, scheue Antworten; ohne Kampffieber, ohne Begeisterung und ohne Bedauern. Die meisten in Panteras Lager – wie auch die Camps der Nachbarinseln auf nicaraguanischem Territorium – behaupten, fünfzehn oder sechzehn Jahre alt zu sein. Ihre Bubengesichter lassen sie jünger erscheinen, ihre Erlebnisse vor der Zeit erwachsen.

Jeder fühlt sich als Veteran; manche sagen, sie kämpften bereits drei Jahre in der "Alianza Revolucionaria Democrática" (ARDE), mit der ihr "Comandante en Jefe", Eden Pastora Gomez, einst der gefeierte Held der sandinistischen Revolution, die nunmehr regierenden "Betrüger und Verräter" aus Managua verjagen wollte. Auf den Inseln im Rio San Juan liegt sein letztes Aufgebot: In zerlumpten Uniformen und Gummistiefeln, die im knöcheltiefen Schlamm keinen Halt bieten, ohne Antibiotika, mit ausgeleierten Gewehren, durchgebrannten Funkgeräten und höchstens zwanzig Schuß Munition für jeden der jungen Kämpfer.

Comandante Pepe, der Befehlshaber der Inselgarnisonen, kontrolliert am Morgen die Stellungen auf der Isla del Venado. Im Ufergebüsch hocken junge Guerilleros, das Gewehr im Anschlag. El Viejo hat das 30-Millimeter-Maschinengewehr vor sich aufgebaut; im Januar, sagt er, habe er damit einen Hubschrauber vom Himmel geholt. Felipe, sein Ladeschütze, hat einen der letzten Patronengurte um seinen Oberkörper geschlungen. Er deutet aufs gegenüberliegende Flußufer. Vor zwei Tagen haben von dort aus die Sandinistas im Morgengrauen angegriffen. Es war ein kurzer Kampf: Ihre Boote glitten mitten in die MG-Garben der Verteidiger hinein. "Wir haben sicherlich ein Dutzend erledigt", prahlt Pepe.

Vielleicht wird die Munition auch für den nächsten Angriff reichen; vielleicht trifft doch noch rechtzeitig Nachschub ein. Der Comandante stemmt sein amerikanisches Sturmgewehr in die Hüfte. "Wir kämpfen hier bis zur letzten Patrone", versichert er: "Entweder wir siegen, oder wir sterben." Gleichmütig nickten die Kinder in den Erdlöchern. Ein paar Tage später wird der aussichtslose Kampf zu Ende sein.

Am 16. Mai 1986 hat sich Eden Pastora, zusammen mit seinen letzten Getreuen, über den Rio San Juan nach Costa Rica zurückgezogen. Vor einer Abteilung der costaricanischen Zivilgarde legten sie ihre Waffen nieder und ersuchten um politisches Asyl. Comandante Cero hatte seinen vorläufig letzten Auftritt als Rebellenführer gut inszeniert: über dem Kopf schwang er ein Porträt des Nationalhelden Augusto César Sandino, in dessen Namen die Revolutionäre vor sieben Jahren Nicaragua befreit hatten. "Wir sind die wahren Sandinistas", bekundete der Contra-Kommandant noch einmal. Er werde seinen Aufstand nun mit politischen Mitteln fortsetzten, denn er wolle nicht, "daß weiterhin nicaraguanisches Blut in den Kriegsspielen der Amerikaner vergossen wird".

Tags darauf steckten die Behörden von Costa Rica Pastora und seine beiden erwachsenen Söhne in ein Gefängnis. Die 160 Guerilleros, die ihm aus dem Dschungel gefolgt waren, wurden in einem Internierungslager verwahrt; dort traten sie vergangene Woche in einen Hungerstreik, um den Flüchtlingsstatus zu ertrotzen. Der antisandinistische Aufstand hat sein populärstes Aushängeschild verloren. Die Anführer der restlichen Guerillero-Organisationen sind heillos untereinander zerstritten. Ihre entkräfteten Einheiten können der sandinistischen Armee kaum mehr Paroli bieten.

Der amerikanische Kongreß hat vorläufig weitere finanzielle Zuwendungen versagt. Auf private Spender angewiesen, hoffen die Rebellenführer, daß es ihrem großen Förderer Ronald Reagan gelingt, den Zerfall aufzuhalten. Nach drei Wochen erbitterter Führungskämpfe schlossen sie am Montag ein neues Bündnis. Doch kaum vereint, macht sich schon wieder Mißgunst breit. Von den vielen toten Guerilleros sprach niemand.

Pastoras Kämpfer waren eine "Kinderarmee". Anspruchslose Bauernsöhne ohne Schulbildung aus dem unwegsamen Bergland Nicaraguas. Am Rio San Juan verteidigten sie den Nachschubkorridor zu den Guerilleros im Landesinnern, fünfzehn oder zwanzig Tagesmärsche entfernt. Durch dieses Schlupfloch schleppten sie den spärlichen Nachschub zur Front; hierher wurden die Verwundeten getragen, auf verschwiegenen Wegen, immer in Gefahr, von einer nicaraguanischen Patrouille aufgegriffen zu werden. Viele starben auf dem Transport zu den Inseln im Strom, wegen Mangels an Medikamenten, vor Entkräftung oder wegen hohen Blutverlustes.

Vergeblich hatten Pastoras Leute zwei Jahre zuvor versucht, die kleine Stadt San Juan del Norte, welche die Mündung des Rio San Juan in die Karibik beherrscht, zu erobern um damit den Fluß als Nachschubader zu öffnen. Im vergangenen Jahr überrannten sandinistische Einheiten die meisten Uferstellungen. Das letzte Flugzeug der Rebellen, eine zweimotorige Cessna, war in den Bergen zerschellt. Zuletzt sollen im Süden Nicaraguas noch Kommandogruppen in einer Stärke von 3500 Mann operiert haben, wahrscheinlich aber waren es kaum tausend. Die herumziehenden Freischärler attackierten entlegene Dörfer und kleine Garnisonen der Sandinistas; immer auf der Flucht und knapp an Munition und Proviant, versuchten sie, das Sandinista-Regime anzugreifen, wo immer es ging. Einmal wollten sie die Stromversorgung lahmlegen. Doch sie erwischten die falschen Kabel: nicht in Managua, sondern im nördlichen Nachbarland Honduras gingen die Lichter aus.

Sie waren Unruhestifter und Aufrührer, die von der Volkserhebung träumten. In manchen Dörfern halfen ihnen die Bauern und versorgten sie mit dem Nötigsten, in anderen wurden sie verraten; Fuß konnten sie nirgendwo fassen. Sie hatten sich geschworen, eines Tages in Managua einzumarschieren, und die "Marxisten-Leninisten, die unsere Revolution verraten haben, aus ihren Mercedes-Limousinen und ihren Villen zu verjagen".

Mit diesem Gelöbnis hatte ihr Anführer Pastora, der legendäre "Comandante Cero" des Befreiungskampfes, im April 1982 den Revolutionsgefährten den Krieg erklärt. "Patria libre o martar!" rief er, wo immer er in Erscheinung trat: ein kampfgegerbter Rebell und streitsüchtiger Draufgänger. Er war eine traurige Heldenfigur wie aus einem Hemingway-Roman, unentwegt in Auseinandersetzungen verstrickt, weil er den Frieden nicht ertragen konnte: der geborene Contra. So bezeichneten anfänglich nur die Sandinistas ihre Gegner; diese wurden den Namen nicht mehr los.

Die Vereinigten Staaten hatten damals schon an der Nordgrenze von Nicaragua eine Guerilla angezettelt (siehe Karte Seite 27). Im gebirgigen Grenzland zu Honduras unterhielten sie seit einiger Zeit die "Fuerza Democrática Nicaraguense" (FDN), eine kleine, jedoch immer stärker anschwellende Truppe von Landsknechten, Schmugglern und Bauern. Sie versprachen, auch Pastora an der Südfront Waffen und Ausrüstung zukommen zu lassen. 500 Palästinenser-Gewehre, sowjetische"AK-47", die von den Israelis erbeutet worden waren, trafen als Morgengabe in Costa Rica ein, ein tonnenschweres Waffenarsenal folgte. Einige tausend Rekruten ließen sich von dem Ruf des Revolutionshelden verführen. Unzufriedene Bauern verließen ihre Hütten, Eltern schickten ihre Söhne, mitunter kamen ganze Familien. Sie flohen vor der Wehrpflicht, aus Frömmigkeit oder weil sie der antikommunistischen Propaganda und deren Angstparolen Glauben schenkten.

Auch Comandante Pantera, der letzte Kämpfer am Rio San Juan, war schon früh zu Eden Pastoras Freischärler-Truppe gestoßen. Zuvor hatte er in der nicaraguanischen Armee gedient. Die kubanischen Ausbilder, so behauptete er, hätten ihm seinen Gott verboten. "Dein Gott ist dein Gewehr!", hätten sie gepredigt. Pantera desertierte.

Solange die Dollarmillionen flossen und die amerikanischen Versorgungsflugzeuge Nachschub abwarfen, meinte Pastora, sein Triumph sei nur eine Frage der Zeit. Eifersüchtig verfolgten die Contras der ersten Stunde, die Führer der "Fuerza Democratica Nicaraguense" in Honduras, wie sich der Comandante Cero als Befreier des Vaterlandes aufspielte. Voller Siegeszuversicht hetzte der Haudegen seine Truppen in sinnlose, blutige Unternehmen; in vielen leichtfertigen Scharmützeln wurden seine Kämpfer aufgerieben.

Vor allem aber verlor er den politischen Kleinkrieg. Er fügte sich nicht den Anordnungen des amerikanischen Geheimdienstes, der die konterrevolutionären Aktionen plante und koordinierte. Die CIA befahl der Südfront, sich mit den Guerilla-Verbänden in Honduras zu vereinigen; doch Pastora denunzierte die anderen Contras postwendend als Räuberbande, als einen Haufen entkommener Söldner aus der guardia, der brutalen und verhaßten Nationalgarde des 1979 gestürzten Diktators Anastasio Somoza Debayle. Die CIA-Agenten hatten ein williges Instrument gesucht und sich einen selbstbewußten, stolzen und eitlen Briganten eingehandelt; zwar war er charismatisch, doch auch unkontrollierbar.

Pastora schlug alle Ultimaten der Amerikaner in den Wind. Der Nachschub stockte. Dann überwarf er sich auch noch mit seinen engsten Vertrauten, dem Speiseöl-Fabrikanten Alfonso Robelo Callejas und dem Nationalökonomen Arturo Cruz Porras, beide einst bürgerliche Vertreter in Junta und Regierung der Sandinistas, die desillusioniert das Land verlassen hatten; heute sitzen sie in Miami, Florida, im Führungsgremium der amerikanischen Contra-Allianz.

Pastora schwamm gegen den Strom. 27 Monate lang hielten seine Guerilleros durch, überlebten mit Hilfe der knapp 100 000 Mark, die der eigenwillige Comandante jeden Monat in Panama und in den nicaraguanischen Exil-Zirkeln von Miami und Los Angeles zusammenbettelte.

Das unrühmliche Ende des Comandante Cero in Costa Rica folgte unmittelbar auf seinen letzten, verzweifelten Versuch, von den Amerikanern doch noch in die inzwischen gegründete Allianz, aller Rebellen aufgenommen zu werden. Aber die Contra-Führer von Miami wollten von dem unzuverlässigen Waffenbruder nichts mehr wissen. Auch die Amerikaner weinten dem eigenwilligen Pastora keine Träne nach.

"Er wollte wie Che sein, aber er wurde zum Verräter", meinte einmal der Priester, Poet und sandinistische Unterrichtsminister Ernesto Cardenal. Pastora, der Sohn einer Familie von Großgrundbesitzern, war ein romantischer Revolutionär. Er wurde weltberühmt, als er 1978 mit einem kleinen Kommando den Nationalpalast in Managua stürmte, Regierung und Abgeordnete als Geiseln nahm und die Freilassung gefangener Sandinistas, darunter seines Intimfeindes, des nunmehrigen Innenministers Tomas Borge, erpreßte. Die siegreichen Revolutionäre machten ihn zum stellvertretenden Verteidigungsminister und Befehlshaber der Volksmiliz.

Doch der Rebell taugte nicht zum Bürokraten. Er träumte von neuen Kämpfen. Nun wollte er Guatemala befreien. 1981 verließ er Nicaragua und reiste zu seinem Idol Fidel Castro nach Kuba. Doch die Vaterfigur lateinamerikanischer Revolutionäre mahnte ihn zu Geduld und Bescheidenheit: "Vergiß nicht, daß die Revolution dich berühmt gemacht hat und nicht du die Revolution. Sei vernünftig, fahr heim!"

Pastora flüchtete jedoch zu Omar Torrijos, dem Volkstribunen von Panama. Dort führte er ein Abenteurerleben, lange Wanderungen in den Bergen, einsame Männergespräche, polternde Nächte mit Rum und Frauen.

Nach dem Tod seines väterlichen Freundes Torrijos bei einem Flugzeugunglück begab er sich wieder auf die Suche. Dabei lief er dem CIA-Agenten Duane Clarridge, dem Drahtzieher des Contra-Krieges, in die Arme. Er nahm dessen Angebot an. Neun Monate nachdem er Managua den Rücken gekehrt hatte, präsentierte er sich in Costa Ricas Hauptstadt San José als der verlorene Sohn der Revolution.

In den Wochen vor seiner Kapitulation war Pastora von Geheimtreffen zu Geheimtreffen geeilt. Er hatte in Panama, Washington und Miami antichambriert und alte Freunde um Hilfe angefleht. Unterstützung fand er nirgendwo. Sechs seiner sieben Unterführer waren abgesprungen. Sie haben sich den kleinen "Fuerzas Armadas Revolucionarias Nicaraguenses" (FARN) angeschlossen, die seit 1983 in dem Landstreifen zwischen dem Lago de Nicaragua und der Pazifikküste operieren.

Ihr Anführer, Fernando "El Negro" Chamorro, ein alter Verschwörer der sandinistischen Revolution – er hatte einmal aus einem selbstgebastelten Granatwerfer vom Dach des Holiday Inn-Hotels von Managua auf die Residenz des Diktators Somoza gefeuert –, hat längst Frieden mit den Schützlingen des amerikanischen Geheimdienstes geschlossen. Pastora beschuldigt nun die CIA, mit geheimen Waffenlieferungen seine Comandantes zum Treuebruch verführt zu haben.

Wahrscheinlich war es eine Gruppe aus Chamorros neugewonnener Guerilla-Legion, die am Pfingstsamstag die Kakao-Kooperative Jacinto Baca angriff und acht deutsche Entwicklungshelfer als Geiseln verschleppt hat. Erst vor kurzem hatten Pastoras Propagandisten behauptet, ihr Comandante Ganso, einer der Abtrünnigen, habe mit seinen Leuten in diesem Gebiet, der Provinz Zalaya, etwa 70 Kilometer nördlich der Grenze zu Costa Rica, einen Mi-8/HP-Hubschrauber der nicaraguanischen Luftwaffe abgeschossen.

Ein Spielzeug der Yankees

Die Überläufer standen unter Zwang, ihre neue Loyalität zu beweisen. Ihre Rivalität untereinander treibt die Rebellenführer zu spektakulären Aktionen. Besonders verhaßt sind innen die internationalen Unterstützer des Sandinista-Regimes, bringen sie doch jene Anerkennung, die den Contras in der Welt versagt geblieben ist. Von Beginn an richteten sich ihre Aktionen auch gegen Helfer aus dem Ausland. Heckenschützen ermordeten kubanische Lehrer und Ärzte, die in abgeschiedene Dörfer gesandt worden waren. Entwicklungshelfer, die sich in die Operationszonen der Guerilleros wagen, sind Freiwild. Im Februar dieses Jahres wurde der Schweizer Maurice Demierre, ein Mitglied der katholischen Hilfsorganisation Frères sans Frontierres, das Opfer eines Contra-Hinterhalts. In seinem weißen Kleinbus chauffierte er eine Gruppe von Bauern zu ihrem Heimatdorf. Etwas außerhalb von Somotillo, vier Kilometer südlich der Grenze zu Honduras, zündete ein Freischärlertrupp zwei Claymore-Minen, als der Wagen passierte. Dann durchsiebten sie das Wrack mit ihren automatischen Gewehren. Demierre und drei Frauen starben drei Kinder wurden schwer verletzt.

Nach diesem Überfall wurde ein Vertreter von "Pax Christi in der amerikanischen Botschaft in Bern vorstellig. Nicaragua befinde sich auf dem Weg in eine Zukunft, vergleichbar mit dem Kambodscha zur Zeit der "Khmer Rouge", erklärte der Konsul der Vereinigten Staaten dem Priester, und dies müsse "selbst um den Preis eines schmutzigen Krieges" verhindert werden.

Vor allem für den rechten, konservativen Flügel der amerikanischen Regierung ist der Krieg der Contras zu einer Obsession geworden. Mittelamerika gilt als ein Prüfstein für die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten, kommunistische Regimes, oder was dafür herhalten muß, zu bekämpfen.

Ohne Rücksicht auf Verluste stürzte sich Präsident Ronald Reagan in die Schlacht. "Auch ich bin ein Contra!" bekannte er im Frühjahr. Seit drei Monaten versucht er nun, dem Kongreß 230 Millionen Mark an Militärhilfe für seine Guerilleros zu entreißen. Denn die 60 Millionen Mark "humanitärer" Unterstützung, die von den Abgeordneten vergangenes Jahr bewilligt wurden, sind längst ausgegeben, und in den Contra-Lagern mangelt es wieder am Nötigsten. Allerdings zeigte bislang das Repräsentantenhaus wenig Bereitschaft, das unpopuläre Vorhaben zu fördern: Die Regierungsanträge wurden niedergestimmt.

Auch die amerikanische Bevölkerung will nicht viel davon wissen. In einer Meinungsumfrage sprachen sich im April nur 25 Prozent der Befragten für eine weitere Contra-Hilfe aus; 62 Prozent lehnten sie kategorisch ab. Allerdings scheint Nicaragua auch eine weithin unbekannte Größe zu sein. In derselben Umfrage meinten 49 Prozent, sie wüßten nichts Näheres über die Regierung des Landes, und immerhin 19 Prozent hielten das Sandinista-Regime für eine rechtsradikale Diktatur.

Die Berater des Präsidenten entfachten einen Propagandafeldzug. Landauf, landab erklärte Reagan den Contra-Krieg zum nationalen Anliegen und die "Freiheitskämpfer" zu dem "moralischen Gegenstück unserer Gründungsväter". In einer außergewöhlichen Fernsehansprache warnte er seine Mitbürger vor "einer tödlichen Gefahr" nur "zwei Tage Autofahrt von Harlingen, Texas" entfernt (Distanz: 3245 Kilometer): "Werden wir es zulassen, daß die Sowjetunion direkt an der Schwelle der Vereinigten Staaten ein zweites Kuba, ein zweites Libyen errichtet?"

Bislang versagte freilich die Wirkung solcher Angstparolen. Selbst ein Grenzzwischenfall zwischen Honduras und Nicaragua, den die amerikanische Regierung zur "Invasion" hochstilisierte (Reagan sandte unverzüglich 50 Millionen Mark Militärhilfe; mit Hubschraubern ließ er honduranische Truppen an die Grenze fliegen), konnte die Abgeordneten im Kongreß nicht einschüchtern.

Mittlerweile schlug das Pentagon neuen Alarm. Sollte Nicaragua ein Abkommen zur Entmilitarisierung der mittelamerikanischen Region unterzeichnen – worum sich seit einiger Zeit die Staaten der Contadora-Gruppe (Kolumbien, Mexiko, Panama und Venezuela) bemühen – und sollten die Vereinigten Staaten diesen Vertrag akzeptieren, dann – so heißt es in einer Studie – drohe ein bewaffneter Konflikt zwischen Amerika und Nicaragua. Denn, so die Logik militärischer Experten, Vertragsverletzungen der Sandinistas wären geradezu unvermeidlich, und die Schutzmacht USA hätte keine andere Wahl als die Invasion. Hunderttausend Mann, mehrere Bombengeschwader und drei Flugzeugträger-Kampfgruppen müßte Amerika in die Schlacht schicken; neun Milliarden Dollar würde der Feldzug im ersten Jahr kosten. Das Pentagon-Papier (Titel: "Aussichten für eine Eindämmung der kommunistischen Regierung Nicaraguas") kursierte vergangenen Monat im amerikanischen Abgeordnetenhaus. Es wendet sich an das Sparbewußtsein der Politiker: 100 Millionen Dollar für die Contras seien weitaus billiger.

"Diese Politik ist bankrott", ereiferte sich der mexikanische Dichter und Diplomat Carlos Fuentes: "Seien wir doch ehrlich: Die Vereinigten Staaten wollen die Macht über Nicaragua, nicht Demokratie in Nicaragua haben."

In den Contra-Lagern kann sich kaum einer der Guerilleros ein anderes Kriegsziel als die Eroberung Managuas vorstellen. Dazu entwerfen sie vielerlei Szenarien: Die Bevölkerung werde in Massen überlaufen; das Regime werde unter dem Druck zusammenbrechen; die zweite und dritte Führungsgarnitur der Sandinistas werde rebellieren; die Sowjetunion und Kuba würden ihren Schützling fallenlassen; die Contras selber würden die Hauptstadt in einem machtvollen Angriff erstürmen. "Ja, wozu glauben Sie denn, daß wir kämpfen", fragte ein Contra-Führer in Honduras. "Denken Sie vielleicht, daß wir das Spielzeug der Yankees sind?"

Die amerikanische Regierung hingegen stellt solche Pläne kategorisch in Abrede. CIA-Agenten, die sich mit den Contras zusammenraufen müssen, haben einen Weg gefunden, sich aus diesem Dilemma zu befreien. "Die Demokratie, das seid ihr", erklären sie ihren Schützlingen. Der zuständige Referent der rechten Denkfabrik Heritage Foundation, die im Hintergrund maßgeblich an der amerikanischen Contra-Politik beteiligt ist, weiß bereits, wie alles ausgehen wird: Contra-Capo Alfonso Robelo wird Präsident von Nicaragua.

Zuvor müßten allerdings noch einige Schwierigkeiten überwunden werden. Die größte der Contra-Gruppen, die FDN, ist, nachdem seit Monaten die amerikanischen Lieferungen ausbleiben, in einem desolaten Zustand. Die Guerilleros kampieren in Honduras in Lagern entlang der Grenze und wagen sich nur noch selten in Feindesland.

Eine Offensive, mit der sie im März ihre Schlagkraft beweisen wollten, scheiterte kläglich. Angeblich versuchten 3000 Kämpfer, tief nach Nicaragua vorzustoßen. Doch, so sagen die amerikanischen Berater, "sie haben viel Lärm gemacht, Munition vergeudet und wenig erreicht". Auch der für Nicaraguas Wirtschaft lebenswichtigen Kaffee-Ernte, die sie zwei Jahre lang empfindlich gestört hatten, konnten die Contras dieses Jahr nichts anhaben. Die längste Zeit befanden sich ihre Einheiten auf der Flucht. Den neuen, in Afghanistan bestens erprobten Mi-24-Hubschraubern, von denen die Sowjetunion den Sandinistas sechs überließ, waren die Contras nicht mehr gewachsen.

Schon beklagen sich die Plantagenbesitzer in der honduranischen Grenzprovinz El Paraiso über die demoralisierten Krieger. Die Bewohner der kleinen Grenzstädte Las Trojes, Cifuentes oder Las Vegas, die in unmittelbarer Nähe der Contra-Lager liegen, fürchten die Besuche der Soldateska: Berichte über Krawalle, Vergewaltigungen und blutige Raufhändel machen die Runde.

Die Piranhas der CIA

Auch den honduranischen Militärs, den eigentlichen Machthabern im Land, bereitet die Anwesenheit der Freischärler immer größere Sorge. Offiziell sind die stolzen Offiziere nicht einmal bereit zuzugeben, daß sich ein einziger Contra auf ihrem Hoheitsgebiet aufhält. Im stillen fragen sie sich allerdings, wie sie der Guerilleros Herr werden sollen, wenn sich die Amerikaner einmal aus dem unseligen Abenteuer zurückziehen sollten. Sie schätzen die Stärke der Contras auf rund 9000 Kämpfer. Die FDN-Führung behauptet zwar, 20 000 Mann unter Waffen zu haben, doch, so meint Edgar Chamorro, ein abgesprungener Propagandaleiter der Contras, "wir haben stets unsere Angaben verdoppelt".

Chamorro, ein Jesuit, der nach seiner Heirat eine Werbeagentur betrieb, bevor er von der CIA angeworben wurde, überwarf sich mit dem Direktorium der FDN, als er 1984 Journalisten ein "Handbuch für psychologische Kriegführung" zuspielte. Die schmutzigen Tricks, die der amerikanische Geheimdienst darin lehrte – etwa das "Neutralisieren" sandinistischer Beamter, Lehrer, Ärzte und Entwicklungshelfer – sorgten für einen Skandal; sie entsprachen allzu genau der Contra-Praxis. Ein finsterer Geselle namens John Kirkpatrick, ein Veteran ungezählter dunkler Operationen, hatte es verfaßt, nachdem er sich ein Bild von der Lage verschafft hatte. Es war ein Krieg ganz nach seinem Geschmack. Er schlug vor, für die widerwärtigsten Aktionen Verbrecher zu dingen. Schon die Umschlagzeichnung zeigte eine Reihe von Köpfen – mit großen Löchern in der Stirn.

In jeder Phase der Auseinandersetzung war es die Strategie der Contras, Angst und Schrecken unter der Bevölkerung zu verbreiten. Sie wollten die Bauern zwingen, mit ihnen zu kollaborieren; jede Unterstützung der Sandinistas sollte blutig erstickt werden; der Terror sollte verhindern, daß die Regierung ihre neue, soziale Infrastruktur auf die vernachlässigten Regionen im Innern des Landes ausweiten konnte. Die Contras machten keine Gefangenen, und wenn sie eine Ortschaft kurzfristig eroberten, dann ermordeten sie, wie im August 1985 in Cuapa, die überlebenden Verteidiger.

Ein New Yorker Rechtsanwalt dokumentierte in detaillierten Berichten bislang hundert Fälle von Contra-Massakern, die ihm Überlebende erzählt hatten. Darunter auch die Geschichte von Maria Bustillo aus Jicaro in der Provinz Nueva Segovia. Die Contras brachen eines Tages in ihr Haus ein und entführten ihren Mann und ihre fünf Kinder. Als sie sich tags drauf auf die Suche machte, fand sie die verstümmelten Leichen: "Ihre Ohren waren abgerissen, die Nasen und andere Teile abgeschnitten."

Oder das Schicksal eines 14jährigen Mädchens aus El Guayabo: Sie wurde fortgeschleppt, vergewaltigt, enthauptet, ihr Schädel auf einem Pfosten am Weg zum Dorf aufgespießt.

"Diese Grausamkeiten waren keine vereinzelten Zwischenfälle, sondern sie spiegeln ein durchgehendes Verhaltensmuster unserer Truppen", erzählt der abtrünnige Edgar Chamorro. Wenn er brutale Comandantes zur Rede stellte, so wurde ihm erklärt, daß es der beste Weg sei, "die Zivilbevölkerung einzuschüchtern und in Angst zu versetzten, um ihre Loyalität zu gewinnen". Chamorro wußte, wovon er sprach. Er redigierte auch Comandos, die Hochglanzzeitschrift der Contras, in der er unter lammfrommen Schlagzeilen ("Los guerrillos") die Rebellenführer in bestes Licht zu setzen suchte, Comandante Mike Lima etwa, der sich öffentlich damit brüstete, zwei gefangenen Milizionären eine Kugel in den Kopf gejagt zu haben.

Nachdem sich die Horrorberichte bis zu den Parlamentariern nach Washington durchgesprochen hatten, wurde der verantwortliche CIA-Mann Clarridge vor einen Kongreßausschuß zitiert. "Was wollen Sie, das ist immerhin ein Krieg, eine paramilitärische Aktion", beschwichtigte er die Politiker.

Heikle Sabotageaktionen nahm die CIA allerdings in eigene Hände. Der Geheimdienst bediente sich dabei einer Personengruppe, die in der Fachsprache "Unilaterally Controlled Latino Assets" (UCLAs), heißt: freie Mitarbeiter aus lateinamerikanischen Staaten. Diese Söldnertruppe sprengte Brücken und Öltanks und beschoß von Hubschraubern aus die Hafeneinrichtungen von Puerto Sandino und San Pedro del Norte mit Raketen. Im Januar 1984 ankerte ein CIA-"Mutterschiff" in internationalen Gewässern vor Puerto Sandino. Nachts kletterten die "UCLAs" in "Piranha"-Schnellboote und verminten die Hafeneinfahrt. Neunzehnmal wiederholten sie diese Aktion in den nächsten drei Monaten. Die Contra-Führer, die keine Ahnung von diesem Unternehmen hatten, mußten ein Telegramm an "Lloyds of London" schicken, um die Versicherungsprämien in die Höhe zu treiben. Die internationalen Proteste waren gewaltig; die französische Regierung bot sogar die Dienste ihrer Kriegsmarine an. In Washington schrieb der knorrige, erzkonservative Senator Barry Goldwater einen zornigen Brief an CIA-Chef William Casey: "I’m pissed off!"

"Suicida", der erste Contra

Nach den peinlichen Fehlern der CIA im Jahr 1984 waren die amerikanischen Parlamentarier nicht mehr bereit, die Eskapaden ihres Geheimdienstes zu finanzieren. Sie drehten den Geldhahn zu. Lediglich ein Moskau-Besuch des nicaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega bewog sie, wenigstens so viel herauszurücken, daß die Contras nicht verhungerten.

Bernadino Larios, Ex-Guardia-Offizier der Nationalgarde, Ex-Verteidigungsminister der Sandinistas, Ex-Putschist und Ex-Contra, hat in seinem Leben alle Drehungen dieses politischen Karussells mitgemacht. Er hat es satt: "Ich wünschte, wir bewahrten uns einen Rest an Würde und akzeptierten künftig keinerlei amerikanische Hilfe." Auch Edgar Chamorro ("Ich war ein bezahlter Lügner") hat seine Illusionen verloren: "Die Contras sind ein Instrument der Regierung der Vereinigten Staaten und im besonderen der CIA; sie wurden von der CIA geschaffen, ausgerüstet, ausgebildet, versorgt, überwacht und gesteuert. In dem Augenblick, in dem die Unterstützung eingestellt wird, zerfällt die ganze Organisation."

Bei Veteranen des amerikanischen Geheimdienstes ruft der schleichende Niedergang der konterrevolutionären Guerilla-Truppen Erinnerungen an den April 1961 wach. David Atlee Phillipps, der seine Karriere als Leiter der Lateinamerika-Abteilung der CIA beendete, hat noch den letzten Funkspruch eines Exil-Kubaners, des Kommandanten der "Brigade 2506", aus der Schweinebucht im Ohr: einen Schwall obszöner Schimpfworte. "Zu oft verlangen wir von Menschen, daß sie für uns ihr Leben riskieren, ohne daß wir die moralische Verpflichtung verstehen, die wir dadurch eingegangen sind", meint Phillips. "In den 25 Jahren, die ich bei der CIA zugebracht habe, bin ich zu oft Zeuge geworden, wie wir, selbst nach erfolgreichen Operationen, unseren Verbündeten den Rücken kehrten und sie ihrem Schicksal überließen." Exil-Kubaner, Kurden, die Bergstämme in Vietnam und Laos – die Liste ist lang.

Juni 1979, der Triumph der Sandinistas stand unmittelbar bevor. Im bedrängten Managua schnitt Diktator Somoza seine letzten Unterredungen mit dem amerikanischen Botschafter Lawrence Pezzullo auf Tonband mit. "Sie haben dreißig Jahre lang diese Offiziere ausgebildet, Sie können sie doch jetzt nicht den Wölfen zum Fraß vorwerfen", sagte Somoza. "Diese Männer sind keine Babys. Sie haben den Kommunismus bekämpft, so wie es ihnen in Fort Gulick und Fort Benning und in Leavenworth beigebracht worden ist."

"Wir werden die Garde schon nicht im Stich lassen", entgegnete der Mann aus Washington.

Im Chaos der Niederlage ergriffen die Nationalgardisten allerdings planlos die Flucht. Sie versteckten sich in den Botschaften von Guatemala und Argentinien und wurden später von Desperados außer Landes geschmuggelt; andere schlugen sich auf abenteuerlichen Wegen nach Honduras durch oder kaperten Flugzeuge. Eine Einheit der "Cascabeles", des berüchtigten "Klapperschlangen-Bataillons", entführte einen Fischkutter; halb verdurstet erreichten sie den rettenden Hafen von La Union in El Salvador. Unter ihnen befand sich auch der Feldwebel Pedro Pablo Ortiz. Als Contra wählte er bald darauf den Kriegsnamen "Suicida"; er wurde zu einem der brutalsten und wahrscheinlich auch erfolgreichsten Rebellenführer. Zur Jahreswende 1983/84 wurde er von seinen eigenen Leuten exekutiert.

Suicida blieb nicht lang im Auffanglager von La Union, dem Fluchtort von Hunderten geflüchteter Guardias. Mit einigen seiner Männer erreichte er die Berge an der Grenze zwischen Honduras und Nicaragua. Er hatte dort Kontakte zur Militärverwaltung. Seine Freunde schenkten ihm Waffen und ließen ihn gewähren. Seinen Haufen nannte er "Antisandinistische Guerilla-Spezialeinheit". Die Banditen schlüpften über die Grenze, mordeten und flüchteten wieder. Sie waren die ersten Contras. Sie führten einen gnadenlosen Privatkrieg.

Mittlerweile sammelten sich auch die versprengten Offiziere der Guardia in Guatemala. In der Nähe des hauptstädtischen Flughafens bezogen sie eine aufgelassene Farm, nannten ihren Unterschlupf Departemento 101 und ihre kleine Einheit Legion de 15. Setiembre (nach dem Tag, an dem 1821 Mittelamerika von Spanien unabhängig wurde). Das Kommando übernahm Oberst Enrique Bermüdez; Flüchtlinge wie Hauptmann Juan Gomez, Somozas Leibpilot, Hauptmann Armando "El Policia" Lopez, einst Kommandant von Polizeieinheiten in Managua, Hauptmann Justiciano Perez, einst Chef des Ausbildungslagers der Guardia, und der Massenmörder Major Ricardo "El Chino" Lau schlossen sich ihm an. Alle diese Veteranen sitzen heute nach wie vor im "Generalstab" der größten Contra-Gruppe FDN; Bermüdez ist noch immer der militärische Oberbefehlshaber.

In Guatemala warteten die Angehörigen der "Legion" auf ihre Chance. Im Auftrag der ortsansässigen Todesschwadronen von "La mano blanca" sammelten sie Erfahrung. Sie fanden schnell noch andere Auftraggeber. Nach dem Putsch gegen General Carlos Humberto Romero in El Salvador tauchte der junge Geheimdienst-Major und nachmalige Präsidentschaftskandidat der rechsradikalen Arena-Partei, Roberto d’Aubuisson, im Exil der Verschwörer auf. Über eine Luftbrücke transportierte er die somozistischen Mordkommandos von Guatemala nach Salvador. Auch seine berüchtigste Aktion, das Attentat auf Erzbischof Oscar Romero, vertraute er den Guardias an: in seinem Notizbuch fand sich neben der Telephonnummer von "El Chino" Lau die Höhe des Blutgeldes – zwei Raten zu 40 000 und 80 000 Dollar.

Im Sommer 1980 betraten auch die Argentinier die Szene. Die Junta in Buenos Aires hatte die Guerilla-Gruppen im eigenen Lande, die Montoneros, in einem schmutzigen Feldzug ausgemerzt und jagte nun entkommene Untergrundkämpfer im Ausland. Die argentinischen Militärs waren getrieben vom Sendungsbewußtsein, ganz Lateinamerika von der kommunistischen Gefahr zu befreien. Sie nahmen daher bald auch die "Legion" unter ihre Fittiche, sandten einige Kader zur Schulung nach Buenos Aires und verfrachteten anschließend die ganze Truppe nach Honduras. In einem Hühnerhof am Rand der Hauptstadt Tegucigalpa machten sie Quartier. "La Quinta Escuela" hieß das Domizil – Kommandozentrale, Folterkeller, Radiostation und Rüstkammer in einem,

Die argentinischen Führungsoffiziere mieteten sich im ersten Hotel am Platz, dem "Honduras Maya", ein. Sie unterhielten beste Beziehungen zum damaligen Verteidigungsminister des Landes, General Gustavo Alvarez, der stolz auf sein Diplom aus der argentinischen Militärakademie war. Alvarez bestellte seinen späteren Nachfolger Edgar Hernandez (mittlerweile ebenfalls gestürzt) zum Verbindungsoffizier. Die Argentinier verschmolzen die Bande des Landsknechts Suicida mit der "Legion", holten eine kleinere Gruppe dazu, die sich ein Zündholzfabrikant aus Managua in den Bergen hielt und bestellten den früheren Besitzer der Coca-Cola-Niederlassung von Nicaragua, Adolfo Calero, zum zivilen Oberhaupt der neugegründeten "Fuerza Democratica Nicaraguense" (FDN).

Millionen flossen unbeschränkt

Die Vorarbeit für die Contra-Offensive war abgeschlossen. Die Organisation stand. Nun boten die Argentinier ihre Truppe den Vereinigten Staaten an. Sie erhofften sich wohl, durch diesen Freundschaftsdienst die amerikanische Neutralität während des Krieges mit England um die Falkland-Inseln einzuhandeln.

Nach dem Wahlsieg Ronald Reagans schien das politische Klima in Washington für die Contras günstig zu sein. Amtsvorgänger Jimmy Carter hatte hinter den Kulissen den Sturz Somozas sogar beschleunigt. Im sechsten Stockwerk des Außenministeriums versammelte sich nun ein Planungsstab, um zu beraten, wie dieser Schaden wieder zu beheben sei. Die "Restricted Interdepartmental Group" legte sich den Spitznamen "Donnerstagnachmittags-Klub" zu. Thomas Enders, Staatssekretär im Außenamt, präsidierte. Ein Oberst der Marineinfanterie vertrat den Nationalen Sicherheitsrat, ein Unterstaatssekretär das Pentagon. Den Vertreter der CIA hatte Geheimdienst-Chef Casey persönlich ausgesucht: Duane Clarridge, Leiter der CIA-Niederlassung in Rom mit Erfahrungen in Nepal, Indien und der Türkei. Er wurde zur Grauen Eminenz des Contra-Krieges und 1984 für seine Verdienste zum Abteilungsleiter Europa befördert.

Der "Donnerstagnachmittags-Klub" ließ sich rasch etwas einfallen. Die amerikanische Regierung hatte die Sandinistas beschuldigt, die Revolutionäre in El Salvador mit Waffen zu unterstützen und in Lagern auszubilden. Enders und Clarridge argumentierten, nur militärischer Druck könnte den Revolutionsexport aus Managua unterbinden. Im November 1981 unterschrieb Ronald Reagan die "National Security Decision Directive 17".

Unter den zehn Programmpunkten findet sich der erste Hinweis auf "Geheimoperationen" gegen die Sandinistas. Die Vereinigten Staaten dürften dabei nicht in Erscheinung treten, sondern müßten sich der Hilfe fremder Regierungen bedienen (work with foreign governments as appropriate). Das Angebot aus Argentinien war angenommen. Bis zum Sturz der Junta in Buenos Aires residierten die argentinischen Führungsoffiziere in ihren Suiten im "Honduras Maya"; "La Quinta Escuela" blieb ihr persönlicher Herrschaftsbereich.

Bald flossen die Dollarmillionen unbeschränkt an die Contra-Front. Zwischen 1981 und 1984 investierte die CIA insgesamt 260 Millionen Mark. Die Contras vereinbarten ein Bündnis mit den Miskito-Indianern an der Karibik-Küste, die ihre weitgehende Autonomie von den Reformen der Sandinistas bedroht sahen. Wie an Eden Pastoras Südfront schlossen sich auch den Rebellen in Honduras viele Bauernsöhne an. Hugo Spadafora, früher Gesundheitsminister von Panama und Anführer einer panamesischen Legion im Kampf gegen Somoza, meinte (kurz bevor er im Herbst 1985 von einem panamesischen Nationalgardisten ermordet wurde): "Im Unterschied zur Revolution der Sandinistas ist dieser Krieg vornehmlich eine Bauernerhebung; das Epizentrum liegt im Herzen des Landes, dort wo die rückständigen, vernachlässigten ‚campesinos‘ leben."

Die alten Guardia-Offiziere behielten das Kommando fest in ihren Händen. Im vergangenen Jahr wurde in einer Studie des amerikanischen Kongresses dokumentiert, daß auf 46 der 48 Führungspositionen in der FDN ehemalige Mitglieder der Somoza-Garde sitzen. Nach einer aktualisierten Fassung vom März dieses Jahres haben, mit einer einzigen Ausnahme, alle Mitglieder des Generalstabs der FDN ihr Handwerk in der Guardia gelernt: "Es sind Ex-Somozistas, die persönlich verantwortlich waren für Brutalitäten gegen politische Gegner, für Unterdrückung und Korruption." Seit den Tagen der "Legion" hat sich daran nichts geändert. Unter Hinweis auf diese fragwürdigen Kampfgefährten hatte Pastora stets einen Zusammenschluß mit solchen Contras verweigert.

Im Sommer 1985 versuchten die Amerikaner eine Schönheitsoperation. Sie setzten die Gründung einer neuen Dachorganisation durch, der "Union Nicaraguense Opositora" (UNO) und bestellten ein ziviles Triumvirat: den FDN-Chef Adolfo Calero und die beiden früheren Kampfgefährten des Comandante Cero, Arturo Cruz und Alfonso Robelo (Jahresgehalt aus der CIA-Kasse: 200 000 Mark). Die beiden Außenseiter mußten jedoch schnell erkennen, daß sie lediglich als Alibifiguren herhalten. Letztlich entscheiden die Militärs. Bei den Contra-Konferenzen in Miami im letzten Monat drohten Cruz und Robelo daher mehrmals mit ihrem Rücktritt. Erst ein langes Gespräch mit Philipp Habib, Reagans reisendem Diplomaten, hat sie umgestimmt.

Nach Pastoras Abgang sind sie die einzigen, die den Contras eine halbwegs respektable Fassade verleihen. Ihre Aufgabe ist es nun, das Image der verrufenen Freischärler-Organisation zu verbessern. Propagandabüros in Spanien, Frankreich und der Bundesrepublik sollen dabei helfen. Das Jahresbudget von 2,7 Millionen Mark kommt aus dem politischen Fonds der CIA.

Vorläufig muß sich das UNO-Trio noch mit Korruptionsvorwürfen herumschlagen. Für Ausgaben von knapp 20 Millionen Mark, die aus den letzten amerikanischen Hilfszahlungen getätigt wurden, konnten die Contras keine überprüfbaren Belege vorlegen. Der demokratische Abgeordnete Charles Stenholm aus Texas mutmaßt, daß mit Hilfe von Transaktionen am schwarzen Devisenmarkt Millionenbeträge in die Taschen der Contra-Comandantes geflossen sind.

Bedrängt an allen Fronten, nehmen die antikommunistischen Krieger zum Freund, wer auch immer sich anbietet. Nachdem der Strom der Steuergelder versiegt war, beauftragte das Weiße Haus ein Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates, den Oberstleutnant Oliver North, die notwendigen Kontakte zu privaten Spendern zu knüpfen. Vereinigungen, die meist am rechten Rand der amerikanischen Gesellschaft angesiedelt sind, sprangen tatkräftig ein. Sie sammeln Spenden und Versorgungsgüter (bislang im Wert von 50 Millionen Mark), entsenden Ausbilder und Söldner und schmuggeln Waffen ins Kriegsgebiet. Das Söldnermagazin Soldiers of Fortune berichtete bereits in reich illustrierten Heldengeschichten über seine eigenen Aktionen: der bewaffnete Chefredakteur auf Patrouille.

Die Contra-Helfer – Mitglieder der Moon-Sekte, Abenteurer verschiedener Kriegervereine oder der feurige Fernsehprediger Pat Robertson – stehen unter dem Kommando des pensionierten Generals John Singlaub, den Präsident Carter 1977 seines Postens in Korea enthoben hatte. Die "Antikommunistische Weltliga" des Generals behauptet, monatlich eine halbe Million Dollar in die Contra-Lager zu schicken.

Über die Vermittlung anderer Organisationen, mit denen Singlaub ebenfalls verbunden ist, reisen auch Draufgänger und Kriegsknechte nach Honduras. Einige bezahlten ihren Einsatz mit dem Leben. Im September 1984 zerschellte ein Hubschrauber, ein Monat darauf ein Beobachtungsflugzeug. Beide Male wurden die Besatzungsmitglieder, amerikanische Staatsbürger, getötet.

Söldner oder CIA-Agenten – die Grenzen sind fließend. Die Geschichten, die einige der Vietnam-Veteranen erzählen, die sich in Tegucigalpa niedergelassen haben, könnten aus schlechten Abenteuerromanen stammen. Die Gerüchtebörse am Swimmingpool des Hotel "Honduras Maya" ist stets geöffnet. Es heißt, hier sei alles erhältlich: Ein AK-47 für 175 Dollar; ein Mann, der es bedient – der Preis sei Verhandlungssache.

"Dieser Krieg ist voller Leidenschaften, sanfte Menschen verwandeln sich über Nacht in Bestien", sagt Edgar Chamorro, der abtrünnige Contra. "Es ist die Welt von Kafka: Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen ineinander."