Das schwermütige Lied aus Missionarskreisen wies Generationen die Richtung: "Da draußen bei den Heiden scheint die Sonne so heiß. Da lebt so manches Kindlein, das vom Heiland nichts weiß."

Vorbei, auch das. Der repräsentative Neuheide bevorzugt gemäßigtes Klima, greift statt zum Bastschurz zum teuren Fummel von Armani, spricht fließend Deutsch, ist zwischen 25 und 40, hat Hochschulbildung und einen Job mit einigem Prestige und Auskommen, lebt in der Großstadt, wahrscheinlich als Single, sehr wahrscheinlich ohne Trauschein, mit einem Wort: ein Yuppie nach Maß. Niemand, da läßt die Statistik keinen Zweifel, ist derzeit anfälliger für die Versuchung, der Kirche den Rücken zu kehren, als er. Andere haben es ihm vorgemacht, zum Beispiel der harte Kern der 68er-Bewegung.

Deren Kinder müßten jetzt allmählich im Konfirmandenunterricht auftauchen. Doch, kaum überraschend, da klaffen Lücken. Der Mitgliedernachwuchs stockt, ist unterbrochen. Ganz selbstverständlich wurden die Bürger jahrhundertelang schon als Säuglinge in die Kirche hineingetauft. Ganz selbstverständlich wird jetzt ein Leben außerhalb der Kirche, ist der Bruch mit der Tradition nur erst einmal vollzogen. Keine sozialen Druck- und Kontrollmechanismen halten die Herde noch beisammen. Mut braucht heute, wer aus dem Austretermilieu sich der Kirche zuwendet, so wie früher nur ganze Kerle beim Glockenläuten ins Wirtshaus strebten. Die Automatik, die der alten Institution stets neue Mitglieder zuführte, arbeitet seit einem Jahrzehnt in entgegengesetzter Richtung. Wie, so bangen die vor allem betroffenen protestantischen Kirchenführer, und wo soll das enden?

Eine Studiengruppe der EKD hat den Trend jetzt bis zum Jahr 2030 hoch – oder genauer: tiefgerechnet. Das Resultat: Die Evangelischen schrumpfen zur finanziell und politisch geschwächten Minderheit; das Land Luthers und der Reformation wird für Protestanten wieder Missionsgebiet.

Der Niedergang addiert sich aus sehr unterschiedlichen Ziffern. Ausgangspunkt ist die im Jahr 1980 von der Bundesregierung vorgelegte Modellrechnung über die voraussichtliche Entwicklung der deutschen Bevölkerung. Am wahrscheinlichsten ist die Rechnung, wonach die Zahl der Bürger im Bundesgebiet von 56,7 Millionen (1983) auf rund 40 Millionen (2030) abnimmt. Die Evangelischen – ohnehin nur noch knapp 45 Prozent der Bevölkerung – müssen diesem quasi natürlichen Rückgang noch die Verluste durch Kirchenaustritte hinzurechnen: Zwischen 1973 und 1982 betrug der mittlere Austrittsüberhang in jedem Jahr immerhin 113 000 Mitglieder. Zu bedenken ist überdies, daß 11 Prozent der deutschen Protestanten in einer sehr verläßlichen EKD-Mitgliedsstudie ihre Bereitschaft zum Kirchenaustritt erkennen ließen, und 70 Prozent machen, wie man aus früheren Untersuchungen weiß, solche Pläne auch wahr. Alles mitbedacht, bleiben fürs Jahr 2030 noch 13,1 Millionen Protestanten.

Damit noch nicht wenig genug. Da Ausgetretene ihre Kinder kaum taufen lassen und auch sonst die Taufe an Selbstverständlichkeit einbüßt, sind noch einmal deutliche Anteile abzurechnen, wobei die immer häufigeren Spättaufen (in Großstädten schon zwischen 20 und 37 Prozent) nicht eingerechnet werden können. Per Saldo: Im Jahr 2030 sind noch 12,1 Millionen Protestanten im Land, ein schwaches Drittel der Bevölkerung. Auch durch eine wahrscheinliche Zuwanderung von Gastarbeitern und Asylanten kann ihr Anteil allenfalls verschlechtert werden, es dürften Moslems und auch zahlreiche Katholiken kommen, Protestanten sind mit Sicherheit nicht darunter.

Der Mitgliederschwund schlägt direkt auf die Leistungskraft der Kirche durch. Auch wenn derzeit nur rund 60 Prozent der Einnahmen aus der Kirchensteuer (in beiden großen Kirchen derzeit jeweils etwas über fünf Milliarden Mark) stammen, trifft der ohnehin kräftige Rückgang der Bevölkerung im erwerbstätigen Alter die evangelische Kirche noch empfindlicher: Unter den Austretenden sind eben weit mehr Junge und Erwerbstätige (85 Prozent), und sie sind die Bezieher höherer Einkommen. Die Berechnung, daß 2030 noch 5,9 Millionen Protestanten erwerbstätig und wenigstens zum Teil Kirchensteuerzahler sind, beschönigt mithin. Die Kirche sieht nicht nur noch älter aus als die gleichfalls zunehmend überalterte Gesellschaft, sie ist auch noch ärmer dran. 22 Prozent der Konfessionslosen geben ein Einkommen über 2500 Mark an, aber nur 11 Prozent der Kirchenmitglieder. Da leuchtet es ein, daß schon heute fast zwei Drittel aller Protestanten für den Etat ihrer Kirche keinen Pfennig aufbringen.