Eine Leistung von historischem Rang nannte Richard von Weizsäcker die Bildung der Einheitsgewerkschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Vor den Delegierten des 13. Ordentlichen Gewerkschaftskongresses, der in der vergangenen Woche in Hamburg stattfand, stellte der Bundespräsident die Errungenschaft der deutschen Nachkriegsgewerkschaften auf eine Stufe mit der außenpolitisch wegweisenden Aussöhnung mit Frankreich.

Doch Weizsäcker beließ es nicht beim Lob dieses historischen Bündnisses von Arbeitnehmern unterschiedlicher parteipolitischer Bindungen, religiöser Überzeugungen und Berufe. Zwar gestand er den Gewerkschaften zu, daß sie nicht parteipolitisch neutral sein könnten, weil

allzuviel, was Arbeitnehmer betreffe, politisch entschieden werde. Doch parteipolitisch unabhängig und ungebunden mußten die Organisationen der Beschäftigten sein, wenn sie die Grundlage der Einheitsgewerkschaft nicht aufs Spiel setzen wollten. Es müsse möglich bleiben, beschwor der erste Mann im Staate die Arbeitnehmervertreter, gleichzeitig Mitglied einer Gewerkschaft und einer jeden demokratischen Partei zu sein, ohne unaufrichtig und ohne sich selbst untreu zu werden.

Die Mahnung zur Besinnung kommt zu einer Zeit, da die Gewerkschaften dabei sind, den schmalen Pfad der Tugend zu verlassen. Neutralität verlangt in der Tat kein vernünftiger Politiker ihnen ab. Parteipolitische Unabhängigkeit aber ist die Formel, auf die sich der Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes Ende der fünfziger Jahre selbst festgelegt hatte. Es gibt Anlaß, die Organisation daran zu erinnern.

Die Grenze zwischen legitimer Interessenvertretung und politischer Parteinahme ist leicht überschritten. Nur Toleranz garantiert auf Dauer Unabhängigkeit. Toleranz aber war noch nie die Stärke von Gewerkschaftern. In oft falsch verstandener Solidarität haben sie Kritiker und Andersdenkende häufig aus ihren Organisationen ausgeschlossen. Allzu schnell heftet man Aufmüpfigen in den eigenen Reihen das Etikett der Gewerkschaftsschädigung an. Das frühere Mitglied der IG Metall, Willi Hoss, der heute zu den Grünen zählt, hat das ebenso erfahren müssen wie Funktionäre der IG Chemie, die sich gegen eine rigorose Verbandspolitik zur Wehr setzten.

Heute droht dem IG-Metall-Mitglied Norbert Blüm ein ähnliches Schicksal. Gewiß der Bundesarbeitsminister hat sich mit der Auseinandersetzung um den Paragraphen 116 im Arbeitsförderungsgesetz, aber auch mit einigen anderen Veränderungen im sozialen Netz den Zorn der Gewerkschaften zugezogen. Doch wer den Metaller Blüm deswegen aus der Gemeinschaft der Arbeitnehmer ausschließen will, tut sich selbst keinen Gefallen.

Die IG Metall hat es auf diesem Kongreß wieder einmal versucht. Zwar kam es letztlich nicht zu dem Initiativantrag, der die gewerkschaftlich organisierten Abgeordneten im Bundestag und in den Länderparlamenten auf eine Art imperatives Mandat verpflichten sollte und damit indirekt Norbert Blüm veranlassen sollte, sein Metall-Mitgliedsbuch zurückzugeben. Das Vorhaben scheiterte, bevor es offiziell auf den Tisch kam, am Widerstand anderer Gewerkschaften.