Von Dietrich Strothmann

Hannover, im Juni

Wie sich die Bilder gleichen. Nebeneinander waren sich der vornehme, gesellschaftsfähige Hamburger Klaus von Dohnanyi und der burschikose Aufsteiger aus Hannover, Gerhard Schröder, ähnlich wie ein Ei dem anderen: dieselben grauen Zweireiher, dieselben gedeckten Hemden und Krawatten. Gleiche Brüder, gleiche Kappen ...

Es war beim Treffen des SPD-Parteivorstandes, zur Unterstützung des Wahlkämpfen Schröder diesmal in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Dem immer noch jungenhaft wirkenden Herausforderer des Ministerpräsidenten Ernst Albrecht sollten aus gegebenem Anlaß höhere Parteiweihen gegeben werden: Er ist, zwischen Nordsee und Harz, der Hoffnungsträger der Sozialdemokraten, "unser Mann" an der Leine (dem Flüßchen, nach dem auch jenes grau-düstere Schloß benannt ist, in dem zu Hannover der Landtag residiert).

Tage vorher, bei einer ähnlichen Zusammenkunft am gleichen Ort, hatte sich der allzu gern lässig und salopp gebende Schröder geradezu deplaziert gefühlt. Unter den feierlich-dezent gewandeten Kollegen war er in seinem hellen, zerknautschten Leinenanzug aus dem Rahmen gefallen. An Schlips und Jackett hatte er sich gewöhnt (gewöhnen müssen), seit er den Hut (den er nicht besitzt, noch nicht) schnurstracks in den Ring geworfen, seine Partei und Albrecht zugleich zum Kampf gefordert hatte.

Erst zum Presseball, wo er sich in einen Smoking zwängen mußte, zuletzt dann für die Sitzung mit Parteioberen, zu der ihm seine energische Frau flugs den standesgemäßen Zweireiher besorgen mußte, war Gerhard Schröder, dem Pulloverfan, die Verkleidung gelungen. Staat soll der Junge machen, zumal wenn die Fernsehkameras laufen, damit er dem immer geschniegelten und gebügelten Ernst Albrecht auf den letzten Metern vor dem Ziel noch den Sieg abjagen kann. Auch Gerhard Schröder, so die Botschaft dieser Kleiderordnung, hat das Zeug dazu, das höchste Amt im Staat Niedersachsen angemessen-gemessen auszufüllen.

Am liebsten freilich, wenn er sich schon tarnen muß mit Äußerlichkeiten, was überhaupt nicht seine Art ist, ginge er unerkannt durch die Straßen, auf die Plätze, um zu hören, was die Leute denken, was sie wollen – ein roter Harun al-Raschid. Aber auch Märchen dauern etwas länger. Länger auch als Wunder – wie jenes zum Beispiel, das Gerhard Schröder am übernächsten Sonntag, dem niedersächsischen Wahlentscheid, wahrmachen will.