Von Petra Kipphoff

Insel Hombroich“: das Schildchen fiel einmal auf, noch einmal, immer wieder. Das war in einer Ausstellung, in der im vergangenen Jahr das Spätwerk von Kurt Schwitters im Museum Ludwig in Köln gezeigt wurde. Zunächst wunderte man sich über die große Zahl der auf Sperrholz montierten und unter einen Plexiglaskasten gesetzten Collagen und dann über die zu dieser auffälligen Familien-Tracht gehörende Abstammung: Insel Hombroich. Wer oder was ist das, wer ist Herr oder Herrin dieses Geheimnisses? Sitzt da irgendwo ein reicher alter Mann, oder träumt da irgendwo eine schöne junge Frau, ist das alles ein Märchen oder ein Kriminalroman von Agatha Christie?

Die Sache ist sehr viel normaler und doch ungewöhnlich genug: Die Insel Hombroich ist eine private kleine Kunst- und Museumslandschaft am Niederrhein und sie gehört einem Immobilienhändler namens Müller. Wie fast alle Sammler und Mäzene, verhält sich auch Karl-Heinrich Müller (der seine Geschäfte, so sieht es aus, nur noch am Rande führt und sich fast ausschließlich um seine Insel-Aktivitäten kümmert) wie die Jungfrau, die ihren Kuchen behalten und ihn aufessen will: Die Liebe zu seiner Sammlung und zur Kunst sollen einerseits viele Menschen teilen – aber andererseits soll doch alles incognito bleiben, so, als ob es den Initiator überhaupt nicht in persona gäbe. Wenn Karl-Heinrich Müller einem schreibenden Gast seine Schätze und seine Insel zeigt, dann tut er das mit Lust und Freude und durchaus in Erwartung gedruckter Früchte dieses Aufenthalts – daß er keine Zeitung liest, kein Radio hört, kein Fernsehgerät hat, erzählt er aber gleichzeitig. Daß er Tai-Chi-Chuan macht, eine chinesische Meditationsgymnastik, erfährt der Besucher beim Essen, aber ein Asket oder Astheniker ist Müller gewiß nicht, sondern er genießt die Bratkartoffeln, den Rotwein und die Mousse an chocolat.

Einen Sammler einen Exzentriker zu nennen, ist ein Pleonasmus, aber die Begegnung mit dem Sammler Müller und ein Besuch seiner Insel Hombroich sind schon von ganz besonderer Eigenart. Es – beginnt damit, daß die Insel gar nicht so sehr eine Insel ist (als solche ist sie wohl aus der Vogelperspektive zu erkennen), sondern eher eine von Flußarmen durchzogene und mit Teichen durchsetzte Park- und Aue-Landschaft. Dieses etwa 80 000 qm große Stück flaches Land zwischen Neuß und Düsseldorf erwarb Müller 1983, nachdem andere Versuche, ein größeres Haus für seine Kunstsammlung zu erwerben, gescheitert waren. Der verwilderte und verwunschene Park – hier ein verfallenes Teehaus, dort ein zugewachsener Aussichtspunkt oder ein Inselchen mit Postament und Urne – wurde um 1800 angelegt, das sogenannte Herrenhaus, rosafarben, das eher den Charakter und die Größe eines gutbürgerlichen Einfamilienhauses hat, ist ein Stück jünger. Das Garagenhaus, in dem Müller selber im Dachgeschoß eine kleine Wohnung hat, halb Student und halb Millionär, wirkt dagegen fast stattlich: In den unteren Stockwerken sind Ateliers für Gotthard Graubner (er ist bisher der einzige zeitgenössische Maler, der hier gesammelt wird) und Erwin Heerich eingerichtet, die zur Zeit allerdings noch nicht so recht benutzt werden. Eine ehemalige Scheune wurde für Anatol Herzfeld umgebaut, den Polizisten-Künstler, dem eine Rheinüberquerung im selbstgebauten Einbaumboot mit Josef Beuys anno 1973 Photo-Ruhm einbrachte. Baumstämme roh oder bearbeitet, ausgehöhlt und als Klötze, drinnen und draußen: so ungefähr muß Rübezahls Haus und Wohnzimmer ausgesehen haben.

Noch drei weitere Häuser sind irgendwo im Park zwischen Büschen und Hecken, Pappeln und Hügeln, Buchsbaum und Rhododendron verstreut. Halb Pavillon und halb Skulptur, wurden sie entworfen von Erwin Heerich, dessen kleinformatige Kartonplastiken nicht nur in diesen Häusern, sondern auch in sieben Marmorblöcken, die um eine Eiche im Rund arrangiert sind, hier auf einmal zu ungewohnter Lebensgröße gewachsen sind. Alle diese Pavillons sind aus alten Ziegeln, importiert aus Holland, gebaut. Der eine, ein Doppelrund aus zwei ineinandergeschobenen Zylinderformen, soll im geschlossenen Teil von Gotthard Graubner ausgemalt werden: im offenen, gläsernen Rund liegen bisher nur wundersame Lingam-Steine am Fußboden, indische Fruchtbarkeitssymbole, steinerne Auberginen vom Baum der Götter, eine Khmerstatue steht dazwischen. Im zweiten Pavillon, ein schmales, hohes, 32 Meter langgestrecktes Gebäude mit milchig mildem Oberlicht und einem schmalen Eingang in der Mitte, steht links vom Eingang eine Sammlung von Khmer-Skulpturen, Göttinnen, Buddhas, Torsi; rechts sind Bilder und Skulpturen von Jean Fautrier zu sehen – ein ungewöhnlicher Kontrast der Zeiten und Kulturen, hier die zarten, monochromen Monumente meditativer Stille und harmonischer Schönheit, und dort das existentialistische Informel, die rauhe Gestik der Irritation und Zerrissenheit. Wer in diesen Pavillon gelangen will, muß allerdings zunächst eine Mutprobe bestanden und an dem angriffslustigen Haus-Schwan vorbei eine schmale rettende Holzbrücke überquert haben. Der dritte Pavillon schließlich, eine 15 Meter lange Galerie mit in der Mitte eingeknicktem Dach und einer Glasfront, enthält Bilder und Skulpturen von Jean Arp – der Blick von drinnen nach draußen oder draußen nach drinnen wird zum Dialog zwischen Kunst und Natur, anthropomorphe und biomorphe Formen verwandeln sich im Wechselspiel.

Heerich, Lingam, Graubner, Arp, Khmer, Fautrier: wer dieses Antipoden-Programm, versteckt im Park, schon erstaunlich findet, dem wird im Haupthaus noch mehr Verwunderliches noch enger versammelt geboten. Zwei Erdgeschoßräume sind dicht bestückt mit Portraits von Lovis Corinth und möbliert mit Art-deco-Sesseln, chinesischen Stühlen und Trommeln. In einem Nebenraum sieben Zeichnungsskizzen von Cézanne, ein chinesischer Lacktisch mit Vasen und Schalen, an den Wänden schlanke Sessel und zierliche Stühle, alles fernöstliche Antiquitäten von selbstverständlicher Schönheit und Qualität. In einem Raum im Obergeschoß wiederum Fautrier, die schwarzen Bilder, dazu originale Stahlrohrmöbel von Mies van der Rohe, leicht verwittert. Chinesische Stühle der Ming-Zeit in einem weiteren Raum, Zeichnungen des niederländischen Stijl-Künstlers Bart van der Leck, achtzig Arbeiten besitzt Müller, das meiste ist noch gar nicht ausgepackt. Ein Raum mit leuchtend monochromen Bildern und Skulpturen von Yves Klein, dazu Amlasch-Figuren, heiliges Kinderspielzeug der Erwachsenen aus frühgeschichtlicher Zeit. Im Treppenhaus, das ins Dachgeschoß führt, auf einmal ein paar alte Meister aus dem nicht ganz so alten Europa im Kleinformat, Aert de Gelder, Faber von Kreuznach, Cranach. Schließlich im Untergeschoß zwischen Küche und Keller noch afrikanische Masken, Skulpturen, Betten, Öllämpchen mehr abgestellt als ausgestellt, auch der eine oder andere Schwitters steht am Boden, wartet hier noch auf einen besseren Platz. Und der wird auch bald vorhanden sein: Ein würfelförmiges, flaches Galeriegebäude, 39 mal 39 Meter im Quadrat und wiederum entworfen von Erwin Heerich, soll in seinen labyrinthisch angelegten Gängen den Großteil der Sammlung aufnehmen. Der Bau ist bereits begonnen, eine Cafeteria und ein Parkplatz komplettieren die Insel dann zum Ausflugsziel.

Er sammelt, sagt Karl-Heinrich Müller, Künstler und Kunst „die eine Art von prophetischer Aussage haben“ – daß er die drei Kunst-Pavillons im Park „Kapellen“ nennt, paßt zu diesem Verständnis von Kunst, das nicht die Aufklärung im Kopf oder die Erheiterung des Gemüts sucht, sondern Introspektion und das, nun ja, Höhere. Müller ernannt, so könnte man hinzufügen, die kleineren und größeren, die namenlosen und die namhaften Propheten um so mehr zu solchen, als er ihnen eine doppelte Chance gibt: die des massiven Auftritts und die der unorthodoxen, im Idealfall komplementären Präsentation. Was Müller sammelt, das sammelt er en gros, das verfolgt er quer durch die Länder und Auktionen wie der Jäger das angeschossene Wild: nicht eine Schwitters-Collage, sondern zwanzig; nicht zwei Corinth-Porträts sondern zwei Räume voll; nicht eine sich aus Vasen, Bronzen, Möbeln, Terrakotten und Tuschsteinen ergänzende, überschaubare China-Sammlung, sondern vierhundert Stück (aus Persien sind es dreihundert). Die Extreme im extrem – und das alles ist nicht sortiert und sektioniert nach Zeiten und Kulturen (die Möbel von Mies stehen also gerade nicht in den Räumen mit den Zeichnungen von Bart van der Leck), es wird mal sanft, mal etwas gewalttätig zueinander in Kontrast gesetzt, mal sorgfältig, mal eher willkürlich präsentiert. Aber gerade in dieser Fülle und in dieser Gegensätzlichkeit der Kunstwerke und der so allen musealen Regeln widersprechenden Darbietung in einer verwildert-kultivierten Umgebung, liegt der Reiz des Erlebnisses namens Insel Hombroich. Kein neues Museum, sondern eine Alternative zu allem, was sich Museum nennt.