Die traditionell starke Rolle der schwedischen Gewerkschaften bewährt sich auch in der Krise

Von Wolfgang Zank

Manchem deutschen Unternehmer, der von gewerkschaftlichen Klassenkämpfern geplagt wird, erscheinen die schwedischen Gewerkschaften als rundum lobenswertes Vorbild für Mäßigung und Vernunft: Es habe gar keinen Zweck, so ist beispielsweise von schwedischen Arbeitnehmervertretern zu hören, etwa den Anteil der Löhne auf Kosten der Gewinne erhöhen zu wollen, denn Gewinne müßten nun einmal sein. Auch von genereller Arbeitszeitverkürzung als Mittel zum Abbau von Arbeitslosigkeit halten sie überhaupt nichts.

Statt dessen betonen schwedische Gewerkschafter immer wieder die Bedeutung von hoher Produktivität und raschem Strukturwandel. Können unrentable Betriebe nicht aus den roten Zahlen herauskommen, dann müssen sie eben – auch nach Meinung der Arbeitnehmervertreter – zugemacht werden; Subventionen zur Arbeitsplatzerhaltung würden nur veraltete Strukturen konservieren. Und selbstverständlich gilt moderne Technik auch bei Schwedens Gewerkschaften als positiv.

Derlei Auffassungen verschaffen den schwedischen Arbeitnehmervertretungen eine Sonderstellung innerhalb der europäischen Arbeiterbewegung. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist der hohe Organisationsgrad. Insgesamt vereinen die 24 Gewerkschaften des Dachverbandes LO (Landsorganisation) etwa 2,2 Millionen Mitglieder. Daneben gibt es einen eigenen Dachverband von Angestellten und Beamtenorganisationen (TCO) mit einer weiteren Million Mitglieder, und einen Zusammenschluß von Vereinigungen hochqualifizierter Berufsgruppen (SACO/SR) mit 250 000 Organisierten. Insgesamt zahlen etwa 85 Prozent aller schwedischen Lohnempfänger Beiträge an Gewerkschaften. Unter den Industriearbeitern sind es sogar weit über neunzig Prozent, und bei den Angestellten und Beamten beträgt die Quote etwa achtzig Prozent. Das sind Weltrekorde.

Gerade bei den Gruppen, die gemeinsam nur schwer zu organisieren sind, wie etwa Frauen oder Angestellte in Dienstleistungsberufen, ist das Interesse für die Gewerkschaften groß. Insgesamt steigen die Mitgliederzahlen seit Jahren fast ununterbrochen. 1970 zählte die LO noch 1,7 Millionen Mitglieder, 1980 waren es schon 2,1 Millionen und 1984 schließlich 2,2 Millionen.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Die Schweden kennen zum Beispiel praktisch keine Rivalitäten zwischen ethnischen Gruppierungen, die etwa die Arbeit der amerikanischen Gewerkschaften erschweren. Auch religiöse Gegensätze hatten – anders als beispielsweise in Frankreich oder Italien – nie größere Bedeutung. Dies erleichterte den Zusammenschluß erheblich.