Das Urteil der Diplomatin ist hart und ohne die übliche Zurückhaltung: "Shanghai? Das ist heute eine alte und morsche Stadt." Dreißig Jahre kenne sie die Stadt nun schon, sagt die resolute Dame aus Europa, aber geändert habe sich nicht viel. "Hier lebt man vom Gestern."

Tatsächlich wirkt die Stadt am Huangpu-Fluß schon auf den ersten Blick wie eine gigantische Filmkulisse aus den zwanziger Jahren. Verrußt und heruntergekommen ragen die Prachtbauten aus Granit und Marmor in den Himmel am "Bund", der Uferpromenade. Heute heißt der ehemalige Edelboulevard "Zongshan Donglu". Das "Palace-Hotel", das "Cathay-Hotel" und der protzige Säulenpalast der "Hong Kong and Shanghai Banking Corporation", all dies sind heute nur noch Requisiten einer längst vergangenen Zeit. In den roaring twenties boomte Chinas Wirtschaft, und Shanghai galt als die reichste und korrupteste Stadt östlich von Suez.

Heute, 1986, hat das ehemalige "Paris des Ostens" schwere Probleme. Während sich die chinesische Ökonomie im Reformeifer mit Wachstumsraten von über zwanzig Prozent zu überhitzen droht, hat Shanghai die "neue Zeit" offenbar verschlafen. Die Wirtschaft der Stadt stagniert seit Jahren.

Dabei erfreut sich Chinas größte Metropole nach wie vor eines vorzüglichen Rufes. "Made in Shanghai" ist für die Chinesen gleichbedeutend mit höchster Qualität; Fahrräder der Luxusmarke "Phoenix" oder Armbanduhren aus der "Sea-Gull-Watch-Factory" sind begehrte Prestigeobjekte, und auch an aufwendigen Produkten wie Fluggastbrücken oder Schweißautomaten findet sich das Shanghai-Schildchen.

Ein Achtel der gesamten Industrieproduktion Chinas kommt aus der Zwölf-Millionen-Stadt, ein Sechstel des Nationaleinkommens wird dort verdient. Damit ist Shanghai noch immer das Wirtschaftszentrum Nummer eins in China. Nirgends im Lande, so behaupten die Shanghainesen, seien so viele Facharbeiter, technisches Know-how und Handelserfahrung konzentriert wie in ihrer Stadt. Deren Bewohner gelten ohnehin als besonders clever und weltoffen. Zudem haben sie traditionell den Ruf, dem Rest Chinas in Sachen Fortschritt stets eine Nasenlänge voraus zu sein.

Zumindest im Kleinen trifft dies auch zu. Gleich nach Beginn der Dengschen Reformen 1978 öffneten in Shanghai die ersten Privatrestaurants und Diskotheken. Im vergangenen Jahr wurden dort gar die ersten Miniröcke gesichtet – Gesprächsthema für das ganze Land. Kein Wunder, daß Deng Xiaoping und seine Reformmannschaft große Erwartungen in Shanghai setzten. Doch die "Stadt über dem Meer" erweist sich inzwischen eher als hinkender Riese denn als Schrittmacher.

Besonders bei den Gemeinschaftsunternehmen mit dem Ausland ist Shanghai im Hintertreffen. Selbst Provinzstädte wie Wuhan oder Chongqing haben inzwischen mehr Erfolg bei der begehrten Kooperation mit dem Ausland. Während in Peking riesige Hotelkästen gleich im Dutzend aus dem Boden gestampft werden, wurde in Shanghai in den vergangenen fünf Jahren nur eine neue Herberge eröffnet – sehr zum Leidwesen der ausländischen Geschäftsleute, die oft die Hälfte eines Tages damit verbringen, sich eine Bleibe für die Nacht zu organisieren.