Nach Tschernobyl noch Kinderbücher? Gott, ja – warum nicht. Lediglich ein paar Kinderbücher lang Atem zu holen, sei uns verstörten Eltern erlaubt. Diese Flucht in die Phantasie muß ja kein Dauerbrenner sein.

Da kommt Janosch mit seinem neuesten Buch gerade recht –

Janosch: "Hallo Schiff Pyjamahose"; Diogenes Verlag, Zürich; 38 S., 16,80 DM.

Zugegeben, ständig Kinder-, gar Bilderbücher zu machen, ist ein hartes Geschäft. Und ich könnte mir eine Geschichte denken, in der wird ein Kinderbuchmacher, dieses dauernden Zwangs zur Drolligkeit, zur Niedlichkeit wegen, immer bärbeißiger, bis er ein unausstehlicher Kinderfeind ist. Vom Konsumenten jetzt lieber erst gar nicht zu reden. Obwohl diese Janosch-Bären und Janosch-Tiger und Janosch-Raben einem in ihrer plüschenen Skurrilität so allmählich doch ein wenig auf die Nerven zu gehen begannen. Man war der forcierten Einfalt all jener extrem possierlichen Kerlchen in ihrer so lieb gestrichelten Unschuld eben ganz einfach so auf die Dauer nicht mehr gewachsen. Janosch mußte das auch selber irgendwie ahnen. Jedenfalls blickte er auf den Photos aus letzter Zeit ständig verbiesterter drein.

Nun hätte er allen Grund, seine Züge wieder zu lockern. Hat er sich doch einen ganz neuen, nervös zerfasernden Strich angeeignet, der pure Niedlichkeit schon deshalb nicht aufkommen läßt, weil die Konturen jetzt aufgerauht sind und Widerborstigkeit suggerieren. Das gewollt Infantile ist weg; diese ernst zu nehmenden Illustrationen hat ein wirklicher Zeichenkünstler gemacht. Was noch lange nicht heißt, daß dies kein typisches Janosch-Buch wäre; im Gegenteil, auf diesen souverän karikierten Blättern hat Janosch ganz und gar zu sich gefunden.

Und was für eine hinreißend schlichte, gekonnt erzählte Geschichte. Es geht um nichts als ein winziges, kaum wahrzunehmendes Spielzeug, ein Schiff. Das einem ebenfalls ungemein winzigen Mädchen gehört. Dieses Mädchen lebt bei einer Tante; die heißt Janine. Und hätten wir es nicht schon zwei schwungvolle Zeichnungen vorher erfahren: Wir befinden uns, signalisiert dieser Name, nicht nur in Frankreich, nein, in Paris; genauer: am Ufer der Seine, wie wir dann weiterblätternd erfahren. Aber erst noch Janine. Trotz ihrer gewaltigen Nase und ihrer extrem aufgetürmten Frisur, und obwohl sie nur zweimal aufhört, am längsten Strumpf aller Zeiten zu stricken, wirkt sie, jeder geforderten Komik zum Trotz, aufs angenehmste zärtlich-frivol. (Das ist notwendig, weil sie am Schluß dann den Gemüsehändler Fridelle kriegt, ihren schon immer angehimmelten Schwarm. Doch ich eile voraus.)

Das Minischiff taugt nichts; es kippt um, treibt kieloben dahin. Verärgert schmeißt das kleine Mädchen es auf dem Heimweg über die Mauer am Kai. Und wer sitzt da unten; wem fällt das nichtsnutzige Ding vor die nackten schmuddeligen Füße? Zwei urgemütlichen alten Clochards. Janosch fügt über diese Spezies hier kurz was Lexikalisches ein; das liest sich dann so: "Die Clochards sind Leute, die unter den Brücken der Seine schlafen. Oder wohnen. Sie haben keine andere Wohnung, manche, weil sie keine wollen, manche, weil sie keine haben – und so gesehen haben sie die größte Wohnung der Welt..."