Von Carl-Christian Kaiser

Hannover, im Juni

Natürlich, so sagt Ernst Albrecht in kleinerem Kreis, sei dies oder jenes mal geschickter, mal ungeschickter angefaßt worden. Aber "in den Gründen", da habe er nichts falsch gemacht.

Das ist, unausgesprochen, auch die Botschaft gewesen, als der niedersächsische Ministerpräsident zuvor auf dem Marktplatz der adretten Kreisstadt Gifhorn gesprochen hat. Seine Rede, konzentriert wie immer, hat alles enthalten, worum es ihm im Kern geht: Niedersachsen, das Aufsteiger- und Zukunftsland, das unter seinem Regiment nach Jahrzehnten drohender Rückständigkeit endlich auf dem richtigen Wege ist. Das Land, in dem sich, angezogen von funkelnagelneuen Forschungsinstituten, modernste Industrie anzusiedeln beginnt. Das Land, das im Zuwachs des Bruttosozialprodukts vor manchen anderen Bundesländern marschiert und trotz einer hohen Geburtenrate die Arbeitslosigkeit erfolgreicher als einige Nachbarn drücken konnte. Das Land, dessen Wohlergehen ohnehin eingebettet ist in die CDU-Bundespolitik, deren Fortschrittlichkeit manchmal geradezu revolutionäre Züge trägt, zum Beispiel bei der Erhöhung des Kindergelds und der Einführung des Erziehungsjahrs. Nicht zu reden von jenen "vierzig Jahren Glück in Frieden und Freiheit" unter dem Schirm der Nato, an dem die Union so entschlossen festhält.

Soll das alles, so fragt Ernst Albrecht sein wohlwollendes Gifhorner Publikum, nun wirklich aufs Spiel gesetzt werden? Durch die Grünen, die den Austritt aus der Nato verlangen oder Grenzschutz und Bereitschaftspolizei abschaffen, das Land also den "Stahlkugelschleuderern" ausliefern wollen? Und zwar in einer Allianz mit der SPD, die zwar aus der Nato nicht herauswolle, in Niedersachsen aber keine eigene Mehrheit erringen, sondern nur zusammen mit den Grünen zum Zuge kommen könne?

Nein, dies alles kann und will sich Ernst Albrecht nicht vorstellen: daß es Bürger geben könnte, die einem solchen politischen Harakiri ihre Stimme leihen. Es geht um eine "Richtungswahl", und da können es nur die Christlichen Demokraten sein, denen die Stimme gebührt, allenfalls noch die FDP. Und nicht selten klingt es so, als sei das Land dieses Votum Ernst Albrecht geradezu schuldig.

In der Endphase des Wahlkampfs sind die radikalen Beschlüsse des jüngsten Bundesparteitags der Grünen in Hannover für die CDU ein hochwillkommener Steinbruch, aus dem sie Geschosse der gröbsten Art gewinnt; in Zeitungsanzeigen mit einer ans Vulgäre grenzenden Argumentation malt sie die Grünen fast wie Unholde ab. Gemeint ist freilich die SPD, weil es die demoskopischen Befunde nicht völlig ausgeschlossen erscheinen lassen, daß Albrechts CDU aus dem Stimmgang zwar als stärkste Partei hervorgeht, gleichwohl aber nicht weiterregieren kann, weil die FDP als erklärter Bündnispartner doch an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert. Deshalb sollen die Wähler die Roten über die Grünen fürchten lernen, deshalb auch erwähnt der Ministerpräsident in Gifhorn zum ersten Male die Freien Demokraten als Leute, denen man notfalls auch die Stimme geben könne. Bisher hat er sie ebenso nach Kräften ignoriert wie seinen sozialdemokratischen Konkurrenten Gerhard Schröder.