Statt in Hamburg wird in den ungarischen Donauauen ein Kraftwerk gebaut

Die Bosse der österreichischen Elektrizitätswirtschaft mögen einen stillen Triumph empfunden haben, als sie vor wenigen Tagen mit den Nachbarn aus Ungarn einen lange vorbereiteten Vertrag unterzeichneten: Die österreichische Donaukraftwerke AG, die vor rund eineinhalb Jahren am Widerstand von Bürgerinitiativen damit gescheitert war, in den Donauauen östlich von Wien das Kraftwerk Hainburg zu errichten, bekommt nun doch ihr Kraftwerk. Allerdings nicht im heimischen Hainburg, sondern in Ungarn. Die Donaukraftwerke werden als Generalunternehmer für den ungarischen Staat das Kraftwerk Nagymaros an der Donau, 45 Kilometer stromaufwärts von Budapest, errichten.

Zwar gibt es auch in Ungarn Widerstand gegen dieses Kraftwerk, aber in einer Volksdemokratie setzt man sich darüber eben leichter hinweg, und an eine großangelegte Aktion wie etwa die Besetzung der Au bei Hainburg durch die Umweltschützer Weihnachten 1984 ist in einer Volksdemokratie ohnehin nicht zu denken.

Das Kraftwerk von Nagymaros wird von einem österreichischen Bankenkonsortium finanziert, die Ungarn zahlen mit Strom zurück. Zwanzig Jahre lang werden sie 1,2 Milliarden Kilowattstunden jährlich ins österreichische Netz einspeisen – mehr als das Kraftwerk Nagymaros im Jahr produzieren wird.

Von den österreichischen und den ungarischen Kraftwerksbauern wird die Anlage als Musterbeispiel für ein landschaftsschonendes Kraftwerk gepriesen. Doch vor wenigen Monaten noch hatten ungarische Umweltschützer durch Inserate in österreichischen Zeitungen vor dem Bau von Nagymaros gewarnt. In Ungarn selbst wäre so eine Aktion nicht möglich gewesen. Die ungarischen Warnungen fanden allerdings kein Gehör. "Österreichischen Firmen wird mit diesem Vertrag zu großen Exportverträgen verholfen, insbesondere jenen Firmen, die durch den derzeit gehemmten Kraftwerksbau in Österreich betroffen sind", hieß es dagegen ganz unverblümt in einem offiziellen Österreich-ungarischen Papier, das den Journalisten bei der Vertragsunterzeichnung ausgehändigt wurde. Aufträge in Höhe von umgerechnet 570 Millionen Mark können österreichische Firmen für den Kraftwerksbau in Nagymaros verbuchen. Und rund 900 Mitarbeiter von österreichischen Baufirmen finden dort Beschäftigung.

Die Österreicher könnten zufrieden sein, denn mit diesem Vertrag wird ihre Energieversorgung von Mitte der 90er Jahre an sichergestellt. Doch auch in Österreich gibt es kritische Fragen. Ohne jedes Gespür wurde genau am Tag der Vertragsunterzeichnung in Wien verkündet, daß das Gebiet um Hainburg Nationalpark werden solle. Der Plan für das Kraftwerk Hainburg wurde endgültig aufgegeben. Dabei hatte die Regierungsmehrheit der Sozialisten in Wien die anstehenden Präsidentschaftswahlen im Auge. Ihr Kandidat, Kurt Steyrer, lag im ersten Durchgang hinter seinem Konkurrenten Kurt Waldheim um sechs Prozent zurück. Und im zweiten Durchgang kommt es nun darauf an, wie sich die Wähler entscheiden, die zuvor der grünen Kandidatin Freda Meissner-Blau ihre Stimme gegeben hatten. "Eine Klarstellung zur richtigen Zeit", nannte es denn auch Franz Kreuzer, Umweltminister in Wien und in diesem Amt Nachfolger des Kandidaten Steyrer.

Keinem der Politiker, die sich in diesen Tagen für den Umweltschutz in Österreich stark machen, ist die Tatsache, daß gleichzeitig in Nagymaros mit österreichischer Hilfe ein wahrscheinlich ebenso wertvolles Stück Landschaft wie die Au von Hainburg geopfert wird, besonderer Erwähnung wert.