Kein Märchen, keine Parabel, sondern eine authentische Erzählung; Carl Jacob Burckhardt entdeckte sie Anfang der fünfziger Jahre in einer Zeitschrift. Jean Gionos Text war bis dahin nur den Mitgliedern der englischen Gesellschaft „The men of the trees“ zu Ohren gekommen: als literarisches Dankgeschenk des französischen Schriftstellers für die Ehrenmitgliedschaft in diesem grünen Zirkel der Baumverehrer.

Giono erzählt die Geschichte des Elzéard Bouffier, eines provenzalischen Schäfers, der innerhalb eines halben Jahrhunderts mit bloßen Händen eines der schönsten ausgedehnten Waldgebiete in den Cevennen schuf. Allein, ohne jedes technische Hilfsmittel. Er verwandelte baumlose Ödnis in ein Paradies aus Buchen, Birken, Ahorn und Eichen.

Jean Giono: „Der Mann mit den Bäumen“; aus dem Französischen übersetzt von Walter Tappolet; Flamberg Verlag, Zürich; 36 S., 15,– DM.

Elzeard Bouffier zog, nachdem er Kind und Frau verloren hatte, in die provenzalische Einöde. Dort begegnete Giono ihm an einem heißen Junitag des Jahres 1913 mit einem halben Hundert von Schafen.

Giono nimmt Bouffiers Einladung an, übernachtet im kargen Steinhaus des Schäfers und begleitet ihn einen ganzen Tag lang, erlebt, wie der wunderbare Einsiedler mit einem primitiven Eisenstab sorgsam und bedächtig hundert Eicheln setzt. Er tut das schon seit drei Jahren. Tag für Tag. Hunderttausende in den Jahren zwischen 1910 und 1945. Giono besucht ihn bis zum Jahre 1945 ungezählte Male. Das schöpferische Tun dieses wortarmen, sanftmütigen und beharrlichen Sonderlings brachte eine köstliche grüne Landschaft hervor. Bouffier siedelte nicht nur Abertausende von Eichen an, sondern später auch Ahorn, Birken, Erlen, Ebereschen.

Gionos Geschichte hört sich an wie ein Märchen. Er schreibt unsentimental, einfach, hat die Sprachgeste eines Mannes, der vom Erzählgegenstand so vollkommen fasziniert und ergriffen ist, daß für Manierismen und Finessen kein Platz ist.

Tappolets Übersetzung ist exakt, ungespreizt und so schön wie das Original. (Leider gibt es auch andere Übertragungen, die eher geschwätzig und von falscher Bedeutung sind, der einfachen Geschichte dieses unerhörten Charakters nicht angemessen.)

Ein Text, der ähnlich wie die Rede des Chief Seattle vor dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika dazu prädestiniert ist, eine Kultschrift all jener zu werden, die die Natur vor dem besessenen Zugriff selbstherrlicher Technokraten bewahren möchten. Die Tatsache, daß übereifrige Seminaristen die poetisierte Fassung durch William Arrowsmith als Fälschung denunzieren wollten, konnte den Inhalt der Botschaft nicht berühren.

Während Gionos Erzählung (die inzwischen in einigen Anthologien zu finden ist) mit jenem lapidaren Satz endet: „Elzéard Bouffier ist im Jahre 1947 im Asyl von Banon in Frieden entschlafen“ hat Walter Tappolet diesem Text im Nachwort eine Wahrheit hinzugefügt.

Tappolet, vom Charakter und der Botschaft des alten Bouffier so ergriffen wie jeder Leser, der mit der Lebensgeschichte dieses Mannes Bekanntschaft macht, erkundigte sich 1970 bei Jean Giono, wo er denn genau jene Wälder Bouffiers in der Provence finden könne.

Gionos Antwort: In Vergons, Banon oder Le Largne sei nun alles verändert. Nur wenige Wäldchen seien noch unversehrt, die Spuren des alten Elzeard verwischt: „Seit jener Zeit ist alles verändert und über den Haufen geworfen, um Silos für Atombomben, Schießplätze und mehrere Komplexe von Ölreservoirs anzulegen.“

Die Wirklichkeit übertrifft Brutalität und Aberwitz irgendeiner literarischen Erfindung. Entsetzlicher Schluß einer authentischen Geschichte, die sich wie ein Gleichnis liest auf die zerstörerische Obsession einer Industriegesellschaft, die Natur für „romantisch“ und Atommeiler für „realistisch“ hält.

Ute Blaich