Von Anna v. Münchhausen

Eine Amsel. Muß das sein, gerade jetzt? Monatelang hat Mr. D. H. Clark, Inhaber einer renommierten Staudengärtnerei und heute in untadeligem Nadelstreifen eher einem Börsenmakler denn einem Landmann ähnelnd, auf diesen Augenblick hingearbeitet. Samen sortiert, die Setzlinge gehegt, ausgesondert, umgetopft; die jungen Pflanzen dann gedüngt und jeden Sonnenstrahl genutzt. Um sie gezittert, als im letzten Winter der harte Frost kam, den Englands Gärten sonst kaum kennenlernen. Nun stehen sie da, seine 30 allerschönsten Fuchsienbäume, anderthalb Meter hoch, von leuchtendem Pink bis zum tiefglühenden Karmesin, eine Blüte wie die andere, rieselnde Vorhänge aus Licht und Farbe. Ein Jahr Arbeit.

Gerade notiert Clark zum letztenmal die Namen seiner diesjährigen Züchtungen, da sieht er sie, ganz oben auf seiner "Tennessee Waltz". Wie kam die Amsel hierher ins Ausstellungszelt geflogen? Gleichgültig schaut sie in die andere Richtung, während Clark unten mit den Armen rudert, um das schlimmste zu verhüten, daß nämlich ein weißer Fleck auf den lackgrünen Blättern hinge. Nicht jetzt. Da, schon mahnt der Lautsprecher die letzten Unbefugten, unverzüglich das Gelände zu verlassen. Die Queen.

Wie jedes Jahr im Mai eröffnet sie heute die berühmte Chelsea Flower Show, und wie jedes Jahr versichert sie, nachdem sie die über hundert Stände der wichtigsten Gärtner, Rosenzüchter und Baumschulen des Landes inspiziert hat, dem gastgebenden Präsidenten der Royal Horticultural Society: "Wirklich, ganz wundervoll."

Margaret und Anne und Mark sind mitgekommen, und außerdem kann die königliche Familie in diesem Jahr selbst mit einem Zuchterfolg aufwarten. Miss Sarah Ferguson, die im Juli Prinz Andrew heiraten wird, bemüht sich noch um jene majestätische Mischung aus Distanz und Interesse, die royalty ausmacht. Daß sie Blumiges und Grünzeug unausstehlich langweilig findet, verbirgt sie jedoch artig, und jeder Untertan könnte ihr, der Handfesten, ohne Bedenken einen Spaten in die Hand drücken.

Chelsea, das sagt nicht nur die Queen, ist wundervoll. Unter anderem deshalb, weil diese "größte Blumenschau der Welt" alljährlich genau das bietet, was alle schon im vergangenen Jahr hinreißend fanden. Es scheint keinen zu geben, der zum erstenmal herkommt – nein, alle sind for ages (also immer schon) hierher gepilgert (das gilt für die professionellen Aussteller wie für die 200 000 Gäste). Ein Volksfest der grünen Daumen und fleißigen Lieschen, der Gartenarchitekten und Hobby-Wickenzüchter, rekordversessenen Staudenzüchter und exzentrischen Kräuterhexen. Gleichgültig ob sie einen Park von mehreren Hektar und altem Baumbestand mit angestellten Gärtnern (Plural) vor der Haustür haben oder einen handtuchgroßen Vorgarten zum Blühen bringen wollen – Chelsea-Besucher interessieren sich für alles und notieren endlose Reihen von Sortennamen, vom drei Tage alten Keimling bis zum 150 Jahre alten Bonsai.

Herzstück der Schau ist "The Marquee", ein neungiebliges Riesenzelt von 10 000 Quadratmetern, das die Menschenströme wie einen Verkehrsfluß zur Rush-hour lenkt: Einbahnstraße, links abbiegen verboten. Eine Reise durch die Vielfalt der Botanik, wie sie kein Lehrbuch fassen könnte. Das wächst und blüht, treibt und grünt in Becken, Töpfen, Kübeln, in hängenden Körben oder auf künstlich angelegten, erhöhten Beeten, mit Sägespänen, Moos und feuchtem Ton für den schönen Schein vier Tage lang frisch gehalten – on the peak of perfection, dem Gipfel der Vollendung, wie die Profis versprechen. Farben explodieren von Rittersporn und Phlox, Mohn und Bougainvilleas. Clematis und Azaleen in unvorstellbaren Farbschattierungen und nie gekannten Größen. Allerweltsstauden wie Iris, Dahlien, Akelei trauen sich hier nur so makellos her, daß ihre Künstlichkeit von Kunst kaum zu übertreffen wäre.